Die Musik wummert durch den Beton des Monbijou-Brückenkopfes, in welchem sich die Tanzschule Salsadancers befindet. Wir steigen die Treppenstufen hinab, die vom Kirchenfeldquartier zum Aareufer führen. Es ist der 27. Februar und das Salsafestival Steps on 2 hat soeben begonnen. Den Auftakt macht die Band Resident Mambo.
Drinnen sind die Räume bereits voll. Menschen tanzen dicht an dicht, andere lehnen sich an die Bar und beobachten das Geschehen. Die Jüngsten sind kaum zwanzig, die Ältesten wohl Mitte siebzig. Es fühlt sich an wie das Eintauchen in eine Parallelwelt.

Wir setzen uns auf ein Ledersofa am Rand des Raumes. Sarah Blaser holt ihr Skizzenbuch hervor, ich mein Notizheft. Während sie beginnt, Linien und Bewegungen festzuhalten, schaue ich auf die Tanzfläche. Bald gehe ich selbst hinüber, auch Moe und Alain sind da, die in Bern das Prinzip des Role-Swapping (Journal B berichtete) bekannt gemacht haben, bei dem Leader und Follower ihre Rollen wechseln.

Als die die Musiker*innen von Resident Mambo zu spielen beginnen, richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf sie. Viele von ihnen sind hauptberuflich Jazzmusiker, aber haben eine Liebe für die Salsa-Kultur. Die Band, die seit 15 Jahren ein Mal wöchentlich probt, spielt ein breites Repertoire und mit jedem Stück auch ein Stück Musikgeschichte.

Was viele nicht wissen: Der Begriff Salsa entstand erst in den 1970er-Jahren. Das Wort bedeutet auf Spanisch «Sauce», eine Mischung aus vielen Zutaten.
In dieser Zeit kamen viele Menschen aus Kuba, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico sowie aus Mittel- und Südamerika nach New York. Dort traffen ihre musikalischen Traditionen auf lokale Jazzmusiker. Neue Rhythmen entstanden. Ein findiges Plattenlabel entschied schliesslich, dass sich die vielen Genres: Son, Mambo, Guaguancó, Merengue, Bachata Changüí oder Plena, besser unter einem gemeinsamen Namen vermarkten liessen. So wurde Salsa zum Sammelbegriff für diese musikalische Mischung.
(Illustration: David Fürst)Viele Stücke erzählen bis heute von Geschichten aus der Heimat. Eines davon ist «Bacalao con Pan». Übersetzt: Kabeljau mit Brot. Der Titel gilt als eines der frühen Beispiele, in denen afrokubanische Rhythmen mit Jazz verschmolzen. Gleichzeitig war der Text eine subtile Kritik am kubanischen Regime: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bestand das Essen vieler Menschen oft nur aus Fisch und Brot.

Als Resident Mambo das Stück anstimmt, tritt Tanzlehrer Walther Rodriguez nach vorne. Er kennt die afrokubanischen Rhythmen und die dazugehörigen Tanzschritte. Mit wenigen Gesten animiert er die Tanzenden auf der Fläche, es ihm gleich zu tun. Die Menschen folgen seinen Bewegungen, und plötzlich entsteht eine Art Dialog zwischen den Musiker*innen und den Tänzer*innen.

Später übernehmen Jacob und Linda, ein Tanzpaar aus Italien, das weltweit Workshops gibt. Die Energie im Raum steigt noch einmal. Genau solche Momente machen die Salsa-Kultur aus: Menschen kommen zusammen, tanzen, hören Musik und teilen eine grosse Wertschätzung für diese Kultur. Was viele auch nicht wissen: Italien ist eines der weltweiten Zentren der Salsa-Kultur, nirgends ist die Dichte von herausragenden Tänzer*innen so dicht wie in diesem Mittelmeerland.
Am Rand des Raumes sitzt Sarah Blaser auf einem Ledersofa und zeichnet. Neben ihr sitzt Meret und beobachtet wie Linien, Körperhaltungen, Drehungen auf das Papier gebannt werden. Während die Musik weiter durch den Raum hallt, hält füllt sich das Skizzenbuch.

(Illustration: Sarah Blaser)
