Eis ga zieh mit Stift

Skizzen aus dem Salsadancers

von David Fürst & Sarah Blaser 26. März 2026

Eis ga tanze mit Stift Sarah Blaser und David Fürst halten Berns Ausgangsszene mit Stift und Papier fest. In diesem Beitrag besuchen sie eine Salsa-Party.

 

Die Musik wummert durch den Beton des Monbijou-Brückenkopfes, in welchem sich die Tanzschule Salsadancers befindet. Wir steigen die Treppenstufen hinab, die vom Kirchenfeldquartier zum Aareufer führen. Es ist der 27. Februar und das Salsafestival Steps on 2  hat soeben begonnen. Den Auftakt macht die Band Resident Mambo.

Drinnen sind die Räume bereits voll. Menschen tanzen dicht an dicht, andere lehnen sich an die Bar und beobachten das Geschehen. Die Jüngsten sind kaum zwanzig, die Ältesten wohl Mitte siebzig. Es fühlt sich an wie das Eintauchen in eine Parallelwelt.

(Illustration: Sarah Blaser)

Wir setzen uns auf ein Ledersofa am Rand des Raumes. Sarah Blaser holt ihr Skizzenbuch hervor, ich mein Notizheft. Während sie beginnt, Linien und Bewegungen festzuhalten, schaue ich auf die Tanzfläche. Bald gehe ich selbst hinüber, auch Moe und Alain sind da, die in Bern das Prinzip des Role-Swapping (Journal B berichtete) bekannt gemacht haben, bei dem Leader und Follower ihre Rollen wechseln.

(Illustration: Sarah Blaser)

Als die die Musiker*innen von Resident Mambo zu spielen beginnen, richtet sich die ganze Aufmerksamkeit auf sie. Viele von ihnen sind hauptberuflich Jazzmusiker, aber haben eine Liebe für die Salsa-Kultur. Die Band, die seit 15 Jahren ein Mal wöchentlich probt, spielt ein breites Repertoire und mit jedem Stück auch ein Stück Musikgeschichte.

(Illustration: Sarah Blaser)

 

Was viele nicht wissen: Der Begriff Salsa entstand erst in den 1970er-Jahren. Das Wort bedeutet auf Spanisch «Sauce», eine Mischung aus vielen Zutaten.
In dieser Zeit kamen viele Menschen aus Kuba, der Dominikanischen Republik, Puerto Rico sowie aus Mittel- und Südamerika nach New York. Dort traffen ihre musikalischen Traditionen auf lokale Jazzmusiker. Neue Rhythmen entstanden. Ein findiges Plattenlabel entschied schliesslich, dass sich die vielen Genres: Son, Mambo, Guaguancó, Merengue, Bachata Changüí oder Plena, besser unter einem gemeinsamen Namen vermarkten liessen. So wurde Salsa zum Sammelbegriff für diese musikalische Mischung.

(Illustration: David Fürst)Viele Stücke erzählen bis heute von Geschichten aus der Heimat. Eines davon ist «Bacalao con Pan». Übersetzt: Kabeljau mit Brot. Der Titel gilt als eines der frühen Beispiele, in denen afrokubanische Rhythmen mit Jazz verschmolzen. Gleichzeitig war der Text eine subtile Kritik am kubanischen Regime: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten bestand das Essen vieler Menschen oft nur aus Fisch und Brot.

(Illustration: David Fürst)

Als Resident Mambo das Stück anstimmt, tritt Tanzlehrer Walther Rodriguez nach vorne. Er kennt die afrokubanischen Rhythmen und die dazugehörigen Tanzschritte. Mit wenigen Gesten animiert er die Tanzenden auf der Fläche, es ihm gleich zu tun. Die Menschen folgen seinen Bewegungen, und plötzlich entsteht eine Art Dialog zwischen den Musiker*innen und den Tänzer*innen.

(Illustration: David Fürst)

Später übernehmen Jacob und Linda, ein Tanzpaar aus Italien, das weltweit Workshops gibt. Die Energie im Raum steigt noch einmal. Genau solche Momente machen die Salsa-Kultur aus: Menschen kommen zusammen, tanzen, hören Musik und teilen eine grosse Wertschätzung für diese Kultur. Was viele auch nicht wissen: Italien ist eines der weltweiten Zentren der Salsa-Kultur, nirgends ist die Dichte von herausragenden Tänzer*innen so dicht wie in diesem Mittelmeerland.

Am Rand des Raumes sitzt Sarah Blaser auf einem Ledersofa und zeichnet. Neben ihr sitzt Meret und beobachtet wie Linien, Körperhaltungen, Drehungen auf das Papier gebannt werden. Während die Musik weiter durch den Raum hallt, hält füllt sich das Skizzenbuch.

(Foto: David Fürst)

Skizzen aus dem Luna Llena

von David Fürst & Sarah Blaser 4. Oktober 2024

Eis ga zieh mit Stift Für ihren Blog besuchten Sarah und David während der Männer-Fussballweltmeisterschaft das «Luna Llena» im Breitsch – eine Beiz mit Geschichte. Erinnerungen an den Sommer.

Es ist Hochsommer und das Luna Llena ist rappel-voll. Auf den TV-Geräten, die an die Fenster hängen, wird die Fussballweltmeisterschaft der Männer gezeigt. Die Menschen sitzen an den Tischen im Garten der Quartierbeiz.  Die Gäste, die keinen Platz mehr finden, stehen in Fussballtrikots auf dem Trottoir und schauen gebannt auf die TVs. Frankreich spielt, während wir die Besucher*innen und die ganze Szenerie mit den vielen Tischen skizzieren.

Vor uns lehnt sich ein Besucher mit einem Glas halbvoll mit Bier über den Tisch. Er sagt: «Ihr sit geili Sieche!» Wir müssen aufpassen, dass sein Bier nicht auf unser Skizzenbuch schwappt. Er setzt sich unaufgefordert an den freien Platz, versucht die Gesichter der Zeichnungen zu erkennen und sie den Besucher*innen zuzuordnen, während ein Tor fällt und die Gäste im Garten in Torjubel ausbrechen. Weitere Getränke werden bestellt, die Kellner*innen balancieren Tabletts voller Gläser durch die Menge. Im Innenraum herrscht gähnende Leere. Obwohl es bereits nach 10 Uhr ist, sind die Temperaturen noch immer über 20 Grad warm.

Das Luna – eine Beiz mit Geschichte

Das Luna Llena gehört seit 30 Jahren zum Breitenrain. Es ist es ein fester Bestandteil des Quartier-Lebens, unter anderem bekannt für seine hausgemachten Bio-Glaces. Der verstorbene Stadtpräsident Tschäppät war oft hier zu Gast. Auch die lokale Zeitung der Bund berichtete schon über das Luna, wenn das Lokal für seine selbst gemachten Glaces ausgezeichnet wurde oder als ein Gast dem SVP-Politiker Erich Hess hier einmal ein Bier über den Kopf geleert habe.

Der Ruf des Lokals ist über die Quartiergrenzen hinaus bekannt: Eine Beiz, die ihre Stammgäst*innen pflegt, ein leckeres Mittagsmenü serviert und mit ihrem überdachten Aussenbereich zum Verweilen einlädt. Diejenigen, die hier arbeiten, bleiben oft über Jahre – ein Zeichen dafür, dass es nicht nur die Gäste, sondern auch die Belegschaft schätzt.


Das Spiel ist vorbei und die Menschen lösen sich allmählich auf. Die Bildschirme flimmern weiter, nun ohne Ton.  Wir zeichnen noch die letzten Striche auf dem Papier, bevor wir aufbrechen. Mit vollem Skizzenbuch und vielen Eindrücken laufen wir nach Hause.

Skizzen aus der Marzili Lounge

von David Fürst & Sarah Blaser 5. Juli 2024

Eis ga zieh mit Stift Für die dritte Ausgabe haben sich David und Sarah im Marzili verabredet. Sobald die Temperaturen steigen, füllt sich das Marzilibad mit Menschen, die in der Sonne ein Eis essen, sich in der Aare abkühlen oder einfach nur auf den Rasenflächen im Stadtzentrum chillen.

Für Anfang Juni ist es kühl. Sarah und David setzen sich trotzdem auf die Terrasse des Freibad-Restaurants. Normalerweise ist es überfüllt, doch aufgrund des launischen Wetters kommt die Saison nur sehr langsam in Gang.

David ist zu Hause: Er ist im Marzili aufgewachsen, das Haus seiner Eltern grenzt an den Schwimmbadkomplex. Schon als Kind erkundete er das Marzili. Das Marzilibad verfügt über 5 Pools und einen direkten Zugang zur Aare. Es ist die grüne Lunge von Bern, und das nicht nur, weil der Eintritt gratis ist: Das Bad wird vom Bundeshaus überragt und von der Aare gesäumt. «Für mich ist es wie auf einer dreidimensionalen Postkarte», scherzt Sarah, «du kriegst das Bundeshaus direkt in der Fresse, ich liebe den Kontrast zwischen seiner Ernsthaftigkeit und der entspannten Atmosphäre hier, wo alle im Badeanzug abhängen.»

Hier zu zeichnen macht Spass, beide sind oft hier zum Skizzieren, denn die Vielfalt an Körper, Gesichter, Kompositionen sowie Outfits ist riesig. Auf ihrem Lieblingsspielplatz haben David und Sarah heute beschlossen, sich auf die Terrasse des Restaurants zurückzuziehen, um dem Konzept treu zu bleiben. «Sind wir uns einig, dass wir auch Menschen auf dem Gras zeichnen können?» fragt David. «Das geht eindeutig über die Terrasse hinaus… aber da nicht viele Leute da sind, nehmen wir, was wir kriegen können!», antwortet Sarah.

Sarah und David sammeln so viele Aufnahmen wie möglich und müssen bald wegziehen: Sobald die Sonne weg ist, wird’s kühl! Aber es ist sicherlich nicht das letzte Mal in der Marzili Lounge!

 

Skizzen aus dem Adrianos

von David Fürst & Sarah Blaser 25. April 2024

Eis ga zieh mit Stift Sarahs und Davids zweite Tour führt sie ins «Adrianos» in der Berner Altstadt. Versteckt unter dunklen Arkaden versammelt das beliebte Café den Trubel der Zytglogge-Kreuzung an seinem glänzenden Tresen.

Es ist gleich acht Uhr. Zeit zum Znacht. Folglich ist es ziemlich ruhig für ein Lokal, in dem der Andrang am Morgen oder zur Aperitifzeit am höchsten ist. Trotzdem sind die wenigen Stehtische besetzt und Gäste lehnen sich an die Theke.

Illustration: David Fürst
Illustration: David Fürst

Sarah bestellt ihr zweites Bier, David beobachtet aufmerksam die Kundschaft des Cafés: unauffällige, aber gepflegte Erscheinungen. Es ist Donnerstagabend, einige Leute tragen noch ihre Bürokleidung. Andere haben sich aber bereits für den Abend schick gemacht.

Illustration: David Fürst

Das Café ist so eng, dass es unmöglich ist, unbemerkt zu bleiben. Die beiden Zeichnenden sitzen noch keine zehn Minuten da, als David bereits von einer Bekannten angesprochen wird, Nina Zeh, die ebenfalls aus der Illustrationsbranche kommt. Sie wundert sich über unsere Skizzen und begrüsst die Initiative.

Illustration: Sarah Blaser
Illustration: Sarah Blaser

Es ist noch zu kalt, um sich auf die Terrasse zu setzen. «Das ist auch gut so, denn so können wir die Aficionad@s besser in all ihren Details beobachten», kommentiert Sarah. Sie ist von der glitzernden Bar fasziniert, während David sich auf die Details des Hemdes der Bedienung konzentriert.

Illustration: David Fürst
Illustration: David Fürst

«Die Tische nebeneinander ermöglichen es uns, ein paar Gesprächsfetzen aufzuschnappen», sagt David, der sofort hinzufügt: «Wohin gehen wir nächstes Mal?»

Illustration: Sarah Blaser

Skizzen aus dem Eidgenossen

von David Fürst & Sarah Blaser 22. März 2024

Eis ga zieh mit Stift Sarahs und Davids erste Tour führt sie ins «Drei Eidgenossen» in der Berner Altstadt. Es ist ein Kultlokal: Hier treffen sich ältere Stammgäst*innen, aber auch junge Leute aus dem studentischen Milieu.

Als die Illustrator*innen im «Drei Eidgenossen» an einem Donnerstagabend gegen sieben Uhr eintreffen, sind fast alle Stühle und Bänke besetzt. Beliebt ist auch das Raucher*innenabteil im ersten Stock, das auch gemietet werden kann. Schnell werden die beiden auf ihre Zeichnungen angesprochen. Eine Frau fragt, ob sie von der Kunstgewerbeschule kämen. Sie habe früher auch gezeichnet und müsse das unbedingt wieder machen.

Illustration: David Fürst

Beim Skizzieren fällt Sarah und David auf, dass sie nicht nur die Leute zeichnen, sondern dass sich dabei in ihren Köpfen richtiggehend Geschichten entwickeln. Sind das zwei Verliebte? Ist es das erste Date? Wieso sitzt diese ältere Person hier allein vor einem Bier und spielt Schach? Woran denkt sie? Was machen wohl die Angestellten in ihrer Freizeit? Jedes Detail der Protagonist*innen wird analysiert und nährt die Vorstellungen, die sie sich von den Leuten machen. Manchmal fangen sie ein paar Wortfetzen ein und bringen sie aufs Papier.

Illustration: David Fürst
Illustration: David Fürst

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Illustration: David Fürst

David, der sonst viel fotografiert, findet: «Zeichnen ist sehr direkt und ehrlich, ich muss so viele Entscheidungen treffen, wie ich eine Person inszeniere. Was hebe ich hervor? Was lasse ich weg? Was lege ich ihr in den Mund?» Sarah sagt darauf: «Aus den Zeichnungen kann ich herauslesen, was für eine Beziehung ich zu den Menschen habe. So gesehen, sagt meine Zeichnung der Leute mehr über mich aus als über die gezeichneten Leute.»

Illustration: Sarah Blaser