Die Bruchlinie auf unserer Redaktion war das Alphabet. Jenes Wandbild im Wylergutschulhaus, das vom Künstlerduo Eugen Jordi und Emil Zbinden Ende der Vierzigerjahre geschaffen worden war. Die eine Hälfte der Redaktion – die grössere, die jüngere – unterstützte mehr oder weniger die Forderung «Das Wandbild muss weg!». Eine Jury hatte diesen Vorschlag aus einer Reihe von Ideen ausgewählt, wie mit den umstrittenen Keramikwandplatten umzugehen sei.
Zur Erinnerung: Teile dieser Platten wurden von einigen Leuten als rassistisch empfunden, weil sie zu den Buchstaben C, I und N Menschen aus einer für die Künstler damals offenbar fremden Welt zeigten (ein Chinese, ein indigener Nordamerikaner und ein Schwarzer Afrikaner), was nach heutiger Auffassung rassistisch und kolonialistisch ist, umso mehr als die drei Porträts unter allen Darstellungen die einzigen sind, die nicht Pflanzen oder Tiere zeigen.
Die Debatte über das Wandbild, die zuvor jahrzehntelang nur intern geführt wurde, fand quasi über Nacht eine breite Öffentlichkeit. Eine Lösung musste her. Kurzerhand schrieb die Stadt einen Wettbewerb aus, der Ideen bringen sollte, was mit den Keramikplatten geschehen sollte. Während dieser Wettbewerb lief, wurden die fraglichen Keramikplatten mit schwarzer Farbe übermalt. Die Stadt unterliess es, nach der Täterschaft zu suchen.
Der Wettbewerb
Gewonnen hat den Wettbewerb schliesslich eine Gruppe mit der Radikalforderung «Das Wandbild muss weg!». Ein Teil unserer Redaktion fand den Entscheid richtig.
«Es sollte selbstverständlich sein, dass Schüler*innen ein Recht auf rassismusfreie Bildung haben,» schrieb Kollege Noah Pilloud. Und weiter: «Wer aufrichtig zum Ziel hat, Rassismus zu überwinden, kommt nicht umhin, das eigene Denken zu dekolonisieren. Das bedeutet, koloniale Kontinuitäten ausfindig zu machen und ihre Wirkmacht zu verstehen, um sie zu überwinden.»
Ein Teil der Redaktion konnte den Entscheid nicht gutheissen.
Soweit konnten alle zustimmen. Bruchlinien taten sich auf, bei der Frage, wie mit dem Werk im Schulhaus umzugehen sei. War die Ausschreibung eines Ideen-Wettbewerbs überhaupt ein geeigneter Weg? Und schliesslich: war das siegreiche Projekt mit der Forderung «Das Wandbild muss weg!» überhaupt wettbewerbskonform? In der Ausschreibung hatte es nämlich geheissen: Vorschläge sollten aufzeigen, «wie mit problematischen historischen Darstellungen in der Gegenwart umzugehen wäre, (…) ohne vorschnell eine politisch scheinbar korrekte Lösung» anzustreben. Es sollte «eine künstlerische Arbeit vor Ort» gefunden werden, als Input für eine «zeigemässe Verhandlung des Wandbilds im Schulalltag».
27 Personen und Teams hatten sich Gedanken gemacht. Ausgezeichnet wurde die Radikalforderung «Das Wandbild muss weg!»
Ein Teil der Redaktion konnte diesen Entscheid nicht gutheissen. Diese Kollegen erinnerten an die Bilderstürme vor dem 2. Weltkrieg. Sie argumentierten, das Werk sei als Zeuge seiner Zeit zu sehen und vor allem sei es ein frühes Zeugnis einer (seinerzeit unkonventionellen) Künstlergemeinschaft, die in ihrer Zeit für fortschrittliches, sozialistisches Denken bekannt war und sicher nicht für rassistische Ideen.
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Dass man mit Denkmälern aus anderen Zeiten achtsam umgehen könne, sie kontextualisieren müsse, dafür habe die LehrerInnenschaft im Wylergut jahrelang gesorgt, argumentierte Christoph Reichenau am 29. März 2023 auf Journal B.: «Die Lehrerinnen und Lehrer betrachteten mit den Kindern die Bildtafeln, erklärten deren Inhalte und wiesen darauf hin, dass man heute zu den Buchstaben C, I und N sicher andere Sujets wählen würde als die dargestellten.»
Doch die Jury hatte entschieden. Das Wandbild wurde abmontiert und kam ins Depot des Historischen Museums.
Das Nachspiel
Doch nun hat die Aktion doch noch ein Nachspiel. Mit dem Titel «Unbequeme Kunst und Politik» ist ein Büchlein erschienen, geschrieben von vier Autoren, unter ihnen Christoph Reichenau und Willi Egloff, ehemaliges bzw. aktives Vorstandsmitglied von Journal B. Das Büchlein, so die Autoren, soll keine Neuauflage der Auseinandersetzung von 2023 sein, das Geschehene solle nicht rückgängig gemacht werden, aber: die darin enthaltenen Texte sollen eine Diskussion anregen, damit künftig verantwortungsbewusst mit einem kulturhistorisch bedeutsamen Werk umgegangen werde, «selbst wenn dieses später in Teilen rassistisch gelesen werden könnte oder sollte.»
Passiert Ähnliches nicht regelmässig in demokratischen Prozessen?
Nach Auffassung der Autoren wurde mit der Entfernung des Wandbildes «ein Stück Geschichte vernichtet». Und es wurde ein Ort verändert, «dessen Bestimmung das Lernen ist.» Lernen auch aus unbequemen Teilen unserer Geschichte. Besonders störend sei in diesem Fall, dass der Abtransport des Bildes quasi «beiläufig, ohne öffentliche Debatte» stattgefunden habe. Sie fordern nachträglich, dass das Vorgehen mit städtischen und kantonalen Fachstellen diskutiert wird. Und dass die bisher aufgelaufenen Kosten transparent gemacht werden.
Die Autoren machen mit ihrem Büchlein eine Bruchlinien sichtbar, die sich immer dann auftut, wenn es um politische, ethische oder gesellschaftliche Fragen geht. Wenn strikte (momentane?) Mainstream-Korrektheit auf vielschichtige facettenreiche historische Tatsachen prallen.
Die Fragen
Wie sollen Medien – konkret unsere Redaktion – mit dieser Bruchlinie umgehen? Ist der «Fall Wandbild-ABC» endgültig abgeschlossen oder braucht es nochmals eine Diskussion? Ist die Publikation relevant und wichtig, weil sie uns künftig bei Fragen mit unbequemen Denkmälern etwas bringt? Und schliesslich: Ist es angezeigt, hier auf Journal B nochmals auf die Geschichte zurückzukommen?
Wie nicht anders zu erwarten, war sich die Redaktion auch diesmal nicht einig. Aber der Schönwettersatz am Anfang dieses Textes hat noch einen Nachsatz: «… sie (also: die gute Zeitung) braucht keine Einigkeit, sondern Resonanz und Diskussion.»
In diesem Sinne machen wir an dieser Stelle auf die Publikation aufmerksam. Weil sie mit den vier Texten zur Entstehungsgeschichte des ABCs, dem Rückblick auf die Vorkommnisse 2023, sowie Überlegungen zu den rechtlichen Grundlagen und einem Plädoyer für die Wahrung der Würde eines öffentlichen Kunstwerks eine Lücke füllt und den Denkprozess anregt («Unbequeme Kunst und Politik» ist erhältlich im Buchhandel oder bei Länggass Druck AG, Bern. ISBN 978-3-033-11913-0).
Der Denkprozess
Es gehe ihnen nicht um eine Wiederaufnahme des Prozesses, versichern die Autoren, «wir haben verloren», sie möchten jedoch nachträglich eine breite Auseinandersetzung. Ärgerlich sei, dass kein Lernprozess habe stattfinden können. Mit andern Worten: Die Bruchlinien konnten nicht schillern.
Das Team «weg damit!» hat gesiegt über das Team «leben damit!». Ist das erwähnenswert? Passiert Ähnliches nicht regelmässig in demokratischen Prozessen? (Dass es hier ausgerechnet bei einem Kinder-ABC für einen Lernort geschah, dass – mit anderen Worten – ein Problem nicht ausbuchstabiert wurde, ist vielleicht eine ironische Pointe?)
Aber die Frage darf gestellt werden: Was hätte eine breite Diskussion gebracht? Wie hätte es besser ablaufen können. In erster Linie – so die Autoren – hätten bei einer breiteren Diskussion die Argumente beider Seiten mehr Raum und dadurch mehr Gehör erhalten. Die höchst unterschiedlichen Ansichten wären ausgebreitet «auf dem Tisch gelegen» und hätten – vielleicht? – zu mehr Verständnis für die Gedankengänge des Gegenübers geführt. Im besten Fall hätte zum Schluss tatsächlich ein Rezept resultiert, das künftige bei ähnlichen Fragen dienlich gewesen wäre. Vielleicht wäre auch für diesen konkreten Fall auch eine kreativere, reifere, weniger radikale Lösung gefunden worden.
Die Frage darf gestellt werden: Was hätte eine breite Diskussion gebracht?
Das Büchlein erwähnt Lösungsansätze (Verpflanzung in die Hochschule der Künste, oder in den Progr). Sie tönen momentan nicht mehrheitsfähig, aber mehr Sichtbarkeit für das Werk und damit für die Problematik und die Auseinandersetzung damit wäre wohl erreicht. «Die Tafeln gehören nicht in irgendein Depot», das ist den Autoren wichtig festzuhalten, weil ihrer Meinung nach eine derartige Darstellung in den öffentlichen Raum gehört. Denn: «Wer will, soll es betrachten können: als Zeugnis für eine gesellschaftliche Auffassung, die sich seit seiner Schaffung 1949 massgeblich geändert hat».
Wie viel «schillernde Vergangenheit» erträgt eine Gesellschaft? Das ist die Frage. Und wie viel ein Medium? «Guter Journalismus,» sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, «ist Kartografie der Lebenswirklichkeit».
Es gehe ihnen nicht um eine Wiederaufnahme des Prozesses, versichern die Autoren der Broschüre. (Foto: David Fürst)