Vom Restaurant 01 hörte ich so, wie ich in Bern oft von Zwischennutzungen höre: ganz beiläufig und aus allen möglichen Ecken. Eines Abends erzählt mir mein Mitbewohner vom Essen in der Villa Stucki und zeigt mir Fotos von italienischen Desserts neben Weinflecken auf rotweiss karierten Tischtüchern. Ich wusste, was zu tun ist. Wenn ich eines liebe, dann sind es gute Beizen.
Online preist sich das Restaurant 01 zurückhaltend an. Ein Viergänger, Fleisch oder Vegi. Offen ist das Restaurant Donnerstag bis Samstag an den Abenden, jede Woche wechselt das Menü. Taverne, Grotto und Landgasthof werden als Bezugspunkte genannt. Man muss sich also auf etwas einlassen, aushalten, dass die Menükarte nicht schon im Vorhinein abrufbar ist. An einem lauen Apriltag, kurz vor Apérozeit, erzählen mir Lorenz und Selina auf der Terrasse der Villa Stucki von ihrem Konzept.
Es geht uns um gutes Essen, aber auch um die Atmosphäre. Dass man sich ein bisschen wie zu Hause fühlt und für die paar Stunden, die man hier ist, die Zeit vergisst.
Entstanden sei die Idee schon über Jahre. Selina Hofer, Nino Kohler, Leon Ludewig, Dennis Urben und Lorenz Schmid kennen sich aus Bern und schmeissen das Restaurant 01 in der Villa Stucki während zwei Frühlingsmonaten. Alle fünf bringen reichlich Erfahrung in der Gastronomie mit – Nino und Leon dürften aus anderen Food-Events wie der TRATTORIVA bekannt sein, die anderen drei waren zuletzt Teil des Teams hinter der Turnhalle im PROGR.
Letztes Jahr stimmte dann plötzlich für alle der Zeitpunkt, um was Eigenes zu machen. Als die Anfrage des Vereins Quartiertreff für ein Pop-Up in der Villa Stucki kam, war Lorenz erstmal skeptisch: «So in einer Villa… die ist fast schon zu schön». Doch dann passte irgendwie alles. Selina ergänzt: «Es ist die ideale Gelegenheit für uns, in einem begrenzten Zeitraum zu testen, wie wir zu fünft funktionieren.»



Was auf den Tisch kommt
Die Gastronom*innen setzen auf ehrliches und einfaches Essen. Krüge mit Hauswein, eine Vorspeise zum Teilen, gutes Brot. Die fünf ergänzen sich gut. Im Ressort Küche fungieren Nino und Leon zu zweit, den Rest machen Lorenz, Selina und Dennis im fliegenden Wechsel: Tischtücher waschen, Eindecken, Abendservice, lustige Drinks mischen. Und die Menüplanung? «Wir haben gemeinsam entschieden, dass wir uns kulinarisch nicht auf ein Land festlegen wollen. Daher auch der Name Restaurant 01, der vieles offen lässt. Es muss nicht alles italienisch sein.»
Wir lassen uns sehr von unserem Spass leiten.
Jede Woche kommen neue Ideen für Menü oder Trinkbares auf. «Manchmal auch dumme. Aber dann setzen wir sie einfach um». Ein Beispiel? Aktuell serviert das Restaurant auf Nachfrage B52-Shots, vor einer Woche gab es noch Jägermeister-Bombs. Beim Essen flossen auch schon Lieblinge wie Chili Cheese Nuggets oder Coupe Dänemark in die Menüplanung. Allgemein gehen die fünf für die Gestaltung des Restaurants von dem aus, was sie selbst schätzen. «Wir lassen uns sehr von unserem Spass leiten – auch bei der Getränkekarte.»


Gutes Essen ist ihnen wichtig, genauso das Rundherum. «Es geht uns auch um die Atmosphäre. Dass man sich ein bisschen wie zu Hause fühlt und für die paar Stunden, die man hier ist, die Zeit vergisst.» Selina und Lorenz sind sich bewusst, dass ihr Konzept nicht allen entspricht und gewisse Menschen ausschliesst. Auch wenn sie probieren, bei Allergenen oder sonstigen Wünschen vieles möglich zu machen.
Und noch was beschäftigt sie: «Wenn ich Pop-Up höre, stehen mir eigentlich die Haare zu Berge», so Lorenz. «Grundsätzlich ist es aber etwas Schönes für Menschen wie uns, die nicht riesige finanzielle Möglichkeiten haben, etwas auszuprobieren können.» Pop-Ups können aber unter Umständen zu Gentrifizierung führen. Selina erläutert: «Ich habe Mühe mit dieser Art von Pop-Ups, die Orte aufwerten und zu steigenden Mieten führen – oder auch Raum wegnehmen, der vorher konsumfrei war. Uns ist es wichtig, ein Augenmerk dafür zu haben, dass wir nicht in sowas reinrutschen.» Sie sind sich einig: Es ist ein Privileg, die Villa Stucki bespielen zu können und Ende Mai wieder zu gehen.
Wenn ich Pop-Up höre, stehen mir eigentlich die Haare zu Berge.
Mit dem Einheitspreis von 65.- Franken für den Viergänger (exkl. Getränke) will das Team immerhin eine gewisse Erschwinglichkeit gewährleisten. «Es ist ein Balancieren. Für uns alle steht das Geld nicht im Vordergrund, aber trotzdem müssen wir uns Löhne auszahlen. Es soll schon ein funktionierender Gastrobetrieb sein.» Und es funktioniert bisher: Das Konzept findet Anklang, die Tische sind voll.


Zwischennutzung mit System
Das Restaurant 01 ist bei weitem nicht das einzige gastronomische Pop-Up, das in der Villa Stucki Unterschlupf fand. Im Winter 2025 bespielte das Café Midas die Räume, im Juni zieht das Bistro Stucki schon für den zweiten Sommer in die Villa und auch Tuk Table macht sporadische Events (Journal B berichtete). Für einen längerfristigen Gastro-Betrieb ist der Standort der Villa Stucki herausfordernd. Es gibt kaum Laufkundschaft und der naheliegende Eigerplatz bietet schon genug Auswahl – auch deswegen gingen in der Villa schon mehrere Betriebe Konkurs. Jetzt wird auf Pop-Ups gesetzt.
So können die Gastronom*innen wirtschaften, übertun sich aber nicht mit hohen Mieten und langen Präsenzzeiten.
Karin Wüthrich ist im 10-köpfigen Vorstand des Vereins Quartiertreff, dem eigentlichen Strippenzieher hinter den stets wechselnden Gastro-Initiativen in der Villa Stucki. Sie erzählt mir, dass diese Strategie bewusst gewählt ist und sich in den letzten Monaten bewährt habe. Zentral dafür sei eine optimale Koexistenz zwischen dem Verein Quartiertreff und Gastronomie. Die aktuelle Zwischennutzung der Räume und deren Betrieb durch Pop-Up-Gastronom*innen funktioniere sehr gut: «So können die Gastronom*innen wirtschaften, übertun sich aber nicht mit hohen Mieten und langen Präsenzzeiten.»
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Das Modell bringt auch praktische Vorteile mit sich: In den Räumen des Restaurant 01 findet montags das Café für Menschen in Not statt, während sich die 01-Belegschaft zuhause vom Wochenende erholt. Zeitfenster, die der Quartiertreff zur Verfügung stellt, ohne damit Einnahmen generieren zu müssen.

140 Jahre alt wird die Villa Stucki dieses Jahr. Der Verein Quartiertreff hat eine Vision: die Villa bis zu ihrem hundertfünzigsten Geburtstag wieder zu einem belebten Begegnungsort zu machen. «Alleine schaffst du es nicht, weil es ein riesiges und ein altes Haus ist. Die Nebenkosten sind horrend», erklärt Karin. Da brauche es viel Überzeugungsarbeit, damit Leute herkommen, um den Ort zu beleben. Aber: «Es ist der perfekte Ort, um etwas auszuprobieren». Mit den Pop-Ups haben sie eine Lösung gefunden, die für beide Parteien gewinnbringend ist.
Die Villa Stucki steht wenige Gehminuten vom Eigerplatz entfernt und wurde 1885/86 erbaut. Bauherr war Ernst von May-Wagner, dessen Familie die Villa bis 1908/09 bewohnte. Das Gebäude vermittelt noch heute einen Eindruck davon, wie die Berner Oberschicht damals lebte.
1911/12 erwarb der Medizinprofessor Hermann Sahli die Villa und liess sie erstmals umbauen. 1933/34 ging sie an seine Tochter über, die mit dem Diplomaten Walter Otto Stucki verheiratet war – jenem Schweizer Minister und Botschafter, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Washingtoner Abkommen mit den Alliierten aushandelte.
1970 kaufte die Stadt Bern die Villa von den Erben Stucki, mit der Auflage, sie für soziale Zwecke zu nutzen.
Nach einer kurzen Nutzung durch das Rote Kreuz stand sie Anfang der 1980er-Jahre leer und wurde kurzzeitig besetzt. 1982 erfolgte die Umnutzung zum «Kultur- und Begegnungsort Villa Stucki».
Während mir Karin von dem grossen ehrenamtlichen Engagement des Vereins erzählt, macht das 01-Team eine letzte kurze Pause vor dem Abendservice. Kerzen brennen auf dem Cheminée und es spielt Copenhagen Dream Pop, als die ersten Gäste auftauchen. Schnell füllen sich die Tafeln. Was auffällt: Selina, Lorenz und Dennis bewegen sich mit einer Unaufgeregtheit durch die Räume, die sich auf die Stimmung überträgt. Das Trattoria-Feeling überzeugt – es ist einfach und gleichzeitig was Besonderes. Beim Panna Cotta angelangt, bin ich traurig, dass es schon vorbei ist. Und bestelle darum noch einen B52.

Einfach, aber gut. Die Viergänger im Restaurant 01 bringen Trattoria-Stimmung auf. (Foto: Fabian Brügger)