Alltag - Kolumne

Wieder daheim – nach Jahren (4)

von Basrie Sakiri-Murati 3. Juni 2026

Serie «Wieder daheim» Wenn unsere Kolumnistin aus dem Kosovo zurückkehrt, fühlt sie sich oft wie zwei Menschen gleichzeitig.

Wie jedes Mal, wenn ich nach einem Besuch in meiner Heimat wieder in der Schweiz lande, beginnt in mir eine stille Reise zwischen zwei Welten. Schon im Flughafen spüre ich die vertraute Atmosphäre: die klare Luft, die Ruhe, die Ordnung, die pünktlichen Züge und die friedliche Landschaft draussen vor den Fenstern. Die Berge wirken majestätisch, fast beruhigend, als wollten sie sagen: «Du bist wieder angekommen.» Und ja, ein Teil von mir kommt tatsächlich an.

Ich fühle mich wohl hier. Die Schweiz schenkt mir Sicherheit, Stabilität und Würde. Ich darf arbeiten, meinen Alltag leben und ohne Angst auf die Straße gehen. Die Menschen haben einen respektvollen Umgang untereinander, vieles funktioniert einwandfrei, und die Schönheit der Natur erinnert mich jeden Tag daran, wie wertvoll Frieden eigentlich ist. Dafür empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit.

Doch während mein Körper hier ankommt, bleibt mein Herz noch lange woanders. Die ersten Tage nach meiner Rückkehr sind immer die schwersten. In Gedanken sitze ich noch immer mit meiner Familie zusammen, höre ihre Stimmen, ihr Lachen, die vertrauten Gespräche und ihre Sorgen.

Die ersten Tage nach meiner Rückkehr sind immer die schwersten.

Die Gedanken kreisen unaufhörlich in meinem Kopf, besonders nachts, wenn alles still wird. In solchen Momenten stelle ich mir oft die Frage, warum ich so ein Schicksal hatte. Warum musste ich meine Heimat verlassen und in einem fremden Land Zuflucht suchen? Und obwohl der Grund bekannt ist, wühlt es mich jedes Mal von Neuem auf, vor allem, weil tagtäglich weltweit unzählige Menschen Ähnliches durchmachen müssen.

Es ist ein seltsames Gefühl und nicht immer einfach, zwischen zwei Heimaten zu leben. Die eine ist der Ort, von dem ich komme. Die andere ist der Ort, an dem ich Sicherheit gefunden habe. Und irgendwo dazwischen versuche ich, mich selbst zu finden. Manchmal fühle ich mich in diesen Tagen wie zwei verschiedene Menschen. Die eine Version von mir lebt hier, funktioniert, arbeitet, lacht und geht ihren eigenen, unabhängigen Weg – einen Weg, wie ich ihn im Kosovo vielleicht nicht gehen könnte. Die andere Version bleibt dort, bei den Menschen, die ich liebe, bei den Strassen meiner Kindheit, bei den Erinnerungen, die mich geprägt haben. Als hätte ich einen Teil meiner Seele zurückgelassen.

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Als ich bei meiner Reise in meine Heimat den Besuch in die Schule machte, fragte mich mein ehemaliger Klassenlehrer, der heute Schuldirektor ist: «Kannst du dir vorstellen wieder nach Tabet e Llapashticës zurückzukommen und da zu leben?» Das Herz sagte sofort ja, der Kopf nein und mein Mund brachte für ein Moment nichts raus. Ich begann ihm meine Gründe vorsichtig zu aufzählen. Erstaunlicherweise hatte ich das Gefühl, dass er mich verstand.

Meinen unsichtbaren Schmerz sehe ich auch bei viele andere Landsleuten, die die Heimat verlassen mussten. Kürzlich traf ich an einem Fest bei unseren Schweizer Freunden einen Landsmann, der seit 52 Jahren in der Schweiz lebt. Man merkte kaum, dass er vom Balkan kam. Er sprach akzentfrei Deutsch und war mit seiner Schweizer Frau da. Und ich nehme an, dass auch er nicht damit gerechnet hat, dass ich aus dem Kosovo bin. Als wir uns über unsere Heimat austauschten, wurde er emotional und seine Augen trüb.

Man lernt, dankbar zu sein für das neue Leben und trägt gleichzeitig die Traurigkeit über das Verlorene für immer in sich. Und vielleicht bedeutet Heimat manchmal genau das: Sie ist nicht ein Ort, sondern besteht aus all den Menschen, Erinnerungen und Gefühlen, die man nie wirklich zurücklassen kann.