Alltag - Kolumne

Von der Freiheit, Angst zu haben

von Shukri Al Rayyan –15. Oktober 2026

Durch mein Fenster Eine unschöne Begegnung führte unseren Kolumnisten dazu, über die breitere Bedeutung von Angst und Freiheit nachzudenken.

Als ich in der Schweiz ankam, wusste ich bereits, dass die persönlichen Freiheiten hier weit grösser waren als alles, was uns in den Ländern zur Verfügung stand, aus denen wir geflohen waren. Auch das ist wichtig, wenn wir darüber sprechen, warum wir geflohen sind: nicht nur wegen der verheerenden Kriege, die in unseren Ländern überhaupt erst ausbrachen, weil diese Freiheiten fehlten.

Hier kann man sein, wer man will – nicht nur was die religiöse oder nationale Identität anbelangt, sondern auch die sexuelle. Man findet Menschen, die einem zur Seite stehen, während man nach einer neuen Identität sucht, die zur eigenen neuen Persönlichkeit passt. Wir haben das Recht, uns nach unseren eigenen Wünschen zu verändern, solange wir niemandem schaden. Vielleicht hat genau das viele von uns hierhergeführt.

Zwei Freiheiten in der Schweiz liegen mir daher besonders am Herzen, und ich geniesse sie ohne Scheu: die Freiheit, auf der Strasse mit sich selbst zu reden, ohne dass einen jemand ansieht, als wäre man verrückt; und die Freiheit, offen zuzugeben, dass man Angst vor Hunden hat.

Was mich betrifft, habe ich mich angesichts all der Möglichkeiten für das entschieden, was meiner Persönlichkeit entspricht – oder genauer gesagt jenen Seiten, die sich jeder Veränderung widersetzen, so sehr ich mich auch bemühe. Zwei Freiheiten in der Schweiz liegen mir daher besonders am Herzen, und ich geniesse sie ohne Scheu: die Freiheit, auf der Strasse mit sich selbst zu reden, ohne dass einen jemand ansieht, als wäre man verrückt; und die Freiheit, offen zuzugeben, dass man Angst vor Hunden hat. Vor allen Arten von Hunden. Hundeliebhaber hier – und davon gibt es so viele – können kaum verstehen, wie ein Mann in den Sechzigern, der eine gewisse würdevolle Ausstrahlung aufrechtzuerhalten versucht (bis er mitten auf der Strasse mit sich selbst zu reden beginnt), sich vor so sanften und freundlichen Wesen fürchten könnte!

Meine Gewohnheit, mit mir selbst zu reden, blieb lange auf die vier Wände meines Zuhauses beschränkt – bis ich hierherkam und sie nach draussen trug. Angst vor Hunden kannte ich in Syrien jedoch nicht. Ich hatte sie nicht mitgebracht. Sie kam erst hier auf, nachdem mich zwei Hunde gleichzeitig angegriffen hatten. Was ich später herausfand, war, dass das wilde Wesen, das bei dieser Begegnung frei herumlief, ihre Besitzerin war – eine Nachbarin von mir – und nicht die beiden armen Tiere, die sie an mit sich herumschleppte. Sie wird nicht müde, ihre Nachbarn zu verärgern, indem sie ihre Hunde auf der Strasse frei herumlaufen lässt, obwohl überall Schilder darauf hinweisen, dass Hunde an der Leine geführt werden müssen!

Hier gibt es einen kulturellen Unterschied, das ist nicht zu leugnen, aber man kann damit umgehen und ihn überwinden. Ich komme aus einem Land, in dem es nicht üblich ist, Hunde als Haustiere zu halten – jedenfalls nicht bei der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung. Ihre allgegenwärtige Präsenz begann mich schon kurz nach meiner Ankunft zu verunsichern. Wirklich beruhigt hat mich erst die Erkenntnis, dass das Verhalten meiner Nachbarin gegenüber denen, die sie als «Fremde» betrachtete, nicht auf alle meine Nachbarn zutraf. Im Gegenteil: Manche sind so darauf bedacht, niemanden zu stören, und zugleich so freundlich, dass ich mittlerweile davon überzeugt bin: Ihre Hunde würden niemandem etwas zuleide tun, selbst wenn sie frei herumliefen. Die Tiere haben das Temperament ihrer Besitzer übernommen. Und genau davor habe ich hier am meisten Angst. Das Problem ist der Besitzer, nicht der Hund.

Und so geht es schlussendlich wieder darum, worum es immer gehen sollte: um uns selbst. Wir sind immer das Problem, egal ob wir Angst haben oder versuchen, jemand anderem Angst zu machen. Das bedeutet wohl, dass wir in beiden Situationen Angst voreinander haben.

Wer aus einem Staat geflohen ist, der aus dem Gefühl der Angst konstant und unerbittlich eine Lebensweise für die gesamte Bevölkerung schuf, für den ist es unmöglich, mit dieser Angst zu leben.

Wer aus einem Staat geflohen ist, der aus dem Gefühl der Angst konstant und unerbittlich eine Lebensweise für die gesamte Bevölkerung schuf, für den ist es unmöglich, mit dieser Angst zu leben. Entweder man stellt sich ihr, oder man rennt so schnell man kann – doch sie wird einen einholen, zubeissen und bleibende Wunden hinterlassen. Angst ist eine permanente Beeinträchtigung. Wer sie nicht überwindet, kann nicht vollständig Mensch sein, so wie wir es sein sollten.

Und um der Angst die Stirn zu bieten, muss man zunächst ihre Existenz anerkennen. Andernfalls kämpft man mit verbundenen Augen gegen etwas, ohne zu wissen, gegen wen oder was man überhaupt kämpft. Erst wenn man die Augenbinde abnimmt, wenn man sieht, womit man es zu tun hat, kann man frei entscheiden, ohne dass irgendetwas den eigenen Willen einschränkt. Ohne diese Freiheit kann man nichts sehen, nicht einmal das eigene Spiegelbild. Das habe ich in diesem Land gewonnen: die Fähigkeit vor allem auch mich selbst zu sehen und zu verstehen. Geniesst meine liebe Nachbarin diese Freiheit auch?

Als ihre beiden Hunde mich angriffen, stand ich wie angewurzelt da. Das ist die einzige Verteidigungsstrategie, die ich kenne: Nicht weglaufen, sonst machst du alles nur noch schlimmer. Während dieser Tortur, als jede Sekunde eine Ewigkeit dauerte, die beiden Hunde mich wütend anbellten und um mich herumsprangen, erwartete ich, dass ihre Besitzerin schnell handeln und sie zurückhalten würde. Sie tat nichts. Sie unterhielt sich weiter mit ihrer Freundin, als wäre nichts los. Ich rief ihr zu und bat sie, die Hunde zurückzuhalten. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, mich anzusehen. Sie sprach weiter mit ihrer Freundin und winkte mit der Hand in meine Richtung: Verschwinde. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Dann hatte ihre Freundin Mitleid mit mir und rief die Hunde zu sich herüber.

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Während dieser ganzen «Tortur» stand die Besitzerin mit dem Rücken fest zu mir gewandt. Ihre Freundin, die ihr gegenüberstand, konnte mich sehen. Deshalb griff sie ein. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet: Ich kannte auch sie und wusste, dass sich ihre Einstellung gegenüber «Fremden» nicht wesentlich von jener der Hundebesitzerin unterschied. Und doch griff sie schliesslich ein! Aus Mitleid oder aus einem anderen Grund? Wenn ich mich heute an den Vorfall erinnere, spielt das für mich keine Rolle mehr. Was zählt, ist, dass sie – was auch immer ihr Motiv war – mich in einer schwierigen Situation sah: einen verwirrten Menschen, der nicht wusste, wie er auf etwas reagieren sollte, das er weder erwartet noch zuvor erlebt hatte. Sie griff ein, um mich zu retten, und dafür bin ich ihr aufrichtig dankbar. Doch sie hätte das nicht tun können, wenn sie nicht ihrerseits ihre Angst vor mir überwunden hätte – weil sie mich gesehen hatte. Die Hundebesitzerin, die mir den Rücken zugewandt hatte, hielt an dieser Angst fest und überliess es ihren beiden Hunden, den Rest zu erledigen …

Es mag ermüdend sein, denselben Satz in einem einzigen Text zu wiederholen: Wir sind immer das Problem. Aber in meinem Fall, wenn mich plötzlich die Angst überkommt, wird die Wiederholung zum einzigen Weg, wieder eine menschliche Verbindung zu den Menschen um mich herum herzustellen und diese Angst zu überwinden, die immer hässlich, immer entstellend ist. Vor allem, wenn ein Teil meiner Umgebung – genauer gesagt, der menschliche Teil – darauf besteht, dass ich tatsächlich ein Fremder bin.

Ich lebe in der Hoffnung, dass diese Menschen nicht die Mehrheit der Menschen um mich herum ausmachen. Ausgehend von der persönlichen Freiheit, die ich hier gewonnen habe und die ich mit neuer Intensität spüre, möchte ich eine weitere Möglichkeit hinzufügen, diese Freiheit auszuüben: optimistisch bleiben. Das ist es, was wir am meisten brauchen, um jenem hasserfüllten Gefühl zu widerstehen, fremd zu sein und es immer zu bleiben.


The Freedom to Be Afraid

When I arrived in this country, I already knew that personal freedoms here were far greater than anything available to us in the countries we had fled. This, too, matters a great deal when we talk about why we fled, beyond the devastating wars—which had broken out in our countries in the first place because those freedoms, in all their forms, were absent.

Here, you can be whoever you want to be, not only in your religious or national identity, but in your sexual identity too. You will find people willing to stand beside you as you search for a new identity that suits your personality – your new personality. After all, we have the right to change in ways that answer our desires, so long as we hurt no one. Perhaps that is part of what brought us here.

Two personal freedoms in Switzerland are therefore particularly close to my heart, and I exercise them quite comfortably: the freedom to talk to yourself in the street without anyone turning to look at you as though you were mad; and the freedom to admit, without embarrassment, that you are afraid of dogs.

For my part, faced with everything available to me, I chose what suited my personality—or, more precisely, those aspects of it that resist change, however hard I try. Two personal freedoms in Switzerland are therefore particularly close to my heart, and I exercise them quite comfortably: the freedom to talk to yourself in the street without anyone turning to look at you as though you were mad; and the freedom to admit, without embarrassment, that you are afraid of dogs. All kinds of dogs. Dog lovers here—and there are so many of them—find it hard to understand how a man in his sixties, with a certain air of dignity, which he works so hard to maintain until he launches into a loud conversation with himself in the middle of the street, could possibly be afraid of creatures so gentle and friendly!

My habit of talking to myself had been confined within the walls of my home until I arrived here and let it out into the open air. My fear of dogs, however, had never existed in Syria. I had not brought it with me. It began here, after two dogs attacked me at once. What I discovered later, was that the wild creature roaming loose in that encounter was their owner, a neighbor of mine, rather than the two poor animals saddled with her. She never tires of using them to antagonize her neighbors, letting them loose in the street to do as they please, despite the signs throughout the area requiring dogs to be kept on a lead!

There is a cultural difference here that cannot be denied, but it can also be dealt with and overcome. I come from a country where keeping dogs as household pets is not customary, at least among the overwhelming majority of the population. Their presence everywhere began to unsettle me soon after I arrived. What really put me at ease was discovering that my neighbor’s behavior towards those, she perceived as «strangers» or «different» did not extend to all my neighbors. On the contrary, some are so careful never to disturb anyone, and so friendly, that I have become convinced their dogs would harm no one even if they let them loose: the animals have taken on their owners’ temperaments. And that is what I have come to fear most here. The problem is the owner, not the dog.

And so, in this context, the question comes back to what it should always be about: us, specifically, rather than anything around us. We are always the problem, whether we are afraid or trying to frighten someone else. Which must mean that, in either position, we are afraid of one another.

For someone who has fled a country that relentlessly turns fear into a way of life for its entire population, fear is something impossible to live with.

For someone who has fled a country that relentlessly turns fear into a way of life for its entire population, fear is something impossible to live with. Either you face it, or you run as fast as you can – and it will catch up with you and bite, leaving lasting damage you cannot escape. Fear is a permanent disability. Without overcoming it, we cannot be fully human, as we ought to be.

And to face fear, you first have to acknowledge that it exists. Otherwise, you are being asked to fight something with a blindfold over your eyes, unable to tell who or what you are fighting. You cannot do it unless you remove the blindfold: unless you see, and decide on the basis of what you see, freely, with nothing obstructing your will. Without that freedom, you cannot see anything, not even your own reflection in the mirror. This is what I have gained in this country: the ability to see and to understand, myself before anyone else. Does my dear neighbour enjoy the same freedom?

When her two dogs attacked me, I stood rooted to the spot. It is the only defense I know: do not run; you will make things worse. During that ordeal, when every second lasted an age and the two dogs were barking furiously at me and jumping around me with unmistakable aggression, I expected their owner to act quickly and restrain them. She did nothing. She went on talking to her friend as though nothing were happening a few meters away. I called out to her, asking her to restrain the dogs. She did not even bother to look at me. She kept talking to her friend, waving a hand in my direction: get lost. I had no idea what to do. Then her friend took pity on me and called the dogs over to her.

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Throughout that «ordeal», the owner had her back turned squarely towards me. Her friend, standing opposite her, could see me. That was why she intervened. I had not expected this from her at all: I knew her too and knew that her attitude towards «outsiders» was not very different from that of her friend, the dogs’ owner. Yet in the end, she did intervene! Out of pity, or something else? As I recall the incident now, that no longer matters to me. What does matter is that, whatever her motive, she saw me in a difficult situation: a bewildered human being who did not know how to respond to something he had neither expected nor dealt with before. She stepped in to rescue me, and I am truly grateful to her. Yet she could not have done so had she not, in turn, overcome her fear of me – because she saw me. The dogs’ owner, with her back turned, held on to that fear and left her two dogs to take care of the rest…

It may be tedious to repeat the same phrase in a single essay: we are always the problem. But in my case, when fear suddenly takes hold, repetition becomes your only way of restoring some human connection with those around you, of overcoming that fear, which is always ugly, always disfiguring. Especially when part of your surroundings – the human part, specifically– insists that you are indeed a stranger.

I live in the hope that these people are not the majority of those around me. Drawing on the personal freedom I have gained here, and feel with a new intensity, I insist on adding another way of exercising it: remaining optimistic. This is what we need most to resist that hateful feeling that we are strangers, and always will be.