«Tripity» wehrt sich gegen «Abriss auf Vorrat»

von Nicolas Eggen 25. Juni 2026

Freiräume Gegen das Abbruchgesuch fürs «Tripity» an der Weissensteinstrasse sind 152 Einsprachen eingegangen. Das «Tripity»-Kollektiv kämpft mit dem Quartier und Teilen der Stadtpolitik gegen den geplanten Abriss und stellt damit eine grundsätzliche Frage zur Stadtentwicklung.

Vor dem Gebäude der ehemaligen Schreinerei an der Weissensteinstrasse 4 ragen seit einiger Zeit Bauprofile in die Höhe: Anfang Mai wurde für die Liegenschaft ein Abbruchgesuch sowie ein generelles Baugesuch für einen Neubau eingereicht. An einem der Bauprofile weht eine Piratenfahne: Sie steht symbolisch für den Kampf, den das «Tripity»-Kollektiv derzeit führt.

Die Fahne am Bauprofil symbolisiert den Widerstand des Kollektivs. (Foto: David Schelker)

Fünf Jahre nach der Besetzung (Journal B berichtete) droht nun der Abriss. Seit der Veröffentlichung der Abbruch- und Baugesuche wehren sich die Besetzer*innen gegen das Vorhaben. «Kurz nach der Veröffentlichung der Baugesuche wandten wir uns mit einem Instagram-Post an die Öffentlichkeit und riefen Nachbar*innen und Quartierbewohnende dazu auf, Einsprachen einzureichen», erzählen Paula und Peter, die beide mit geändertem Namen erwähnt werden wollen.

«Wir klingelten direkt bei Quartierbewohnenden, um das Gespräch zu suchen und sie von einer Einsprache zu überzeugen», so Paula weiter. Das Kollektiv hat zudem eigens ein «Flohmi» organisiert, bei dem sie Quartierbewohnende beim Verfassen der Einsprachen unterstützt hätten.

152 Einsprachen gegen Abbruchgesuch fürs «Tripity»

Das Ergebnis: Bis zum Ende der Einsprachefrist am 8. Juni gingen insgesamt 152 Einsprachen ein, wie Anette Hodel, Leiterin des Bauinspektorats, auf Anfrage bestätigt. Sie erklärt, die Einsprechenden würden unter anderem kritisieren, dass eine Abbruchbewilligung ohne konkretes Ausführungsprojekt erteilt werden soll. Weiter werde argumentiert, ein generelles Baugesuch sei unzulässig, solange die spätere Nutzung noch nicht bekannt sei. Zudem würden sie einen unnötigen Verlust von Wohnraum und Freiraum sowie zusätzliche Verkehrs- und Lärmbelastungen befürchten.

Viele der von den Einsprechenden vorgebrachten Rügen entsprechen mehr politischen Forderungen

Die Einsprachen werden nun im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens geprüft. Aufgrund der hohen Zahl an Einsprechenden verzichtet die Behörde darauf, die Legitimation jeder einzelnen Person separat zu prüfen. Einspracheberechtigt seien eigentlich nur Personen, die durch das Bauvorhaben unmittelbar in eigenen schutzwürdigen Interessen betroffen sind, führt Hodel aus. Also beispielsweise unmittelbare Nachbarn. Aber: «Blosse Quartierzugehörigkeit und indirekte Betroffenheit reicht gemäss der Rechtsprechung für die Legitimation nicht», so Hodel weiter. Es habe zudem «wortgleiche Einsprachen aus der unmittelbaren Nachbarschaft» dabei.

Zu den Erfolgsaussichten der Einsprachen sagt Hodel, dass Einsprachen nur dann Erfolg haben können, wenn öffentlich-rechtliche Vorschriften verletzt würden: «Viele der von den Einsprechenden vorgebrachten Rügen entsprechen mehr politischen Forderungen, auf welche im Baubewilligungsverfahren nicht eingetreten werden kann.»

Linke Stadträt*innen unterstützen das «Tripity»-Kollektiv

Das Kollektiv wertet die hohe Anzahl der Einsprachen positiv und auch als wichtiges symbolisches Zeichen. Ganz unabhängig, ob die Einsprachen dann erfolgreich sein werden oder nicht. Denn das «Tripity»-Kollektiv macht nicht nur mit den Einsprachen Druck: Das Thema hat inzwischen auch die städtische Politik erreicht. PdA-Stadtrat Matteo Micieli hat Ende Mai gemeinsam mit Vertreter*innen von SP, AL und Grünes Bündnis mehrere Vorstösse im Zusammenhang mit dem «Tripity» eingereicht, darunter auch eine dringliche Interpellation: Ziel ist unter anderem, dass die Stadt künftig Abbruchgesuche ablehnen kann, wenn kein konkret umsetzbares Folgeprojekt vorliegt, ähnlich wie bereits bei Wohnnutzungen.

Foto: David Schelker

Laut dem Kollektiv verlief der Kontakt zur Politik in beide Richtungen: Einerseits sei das Kollektiv auf einzelne Politiker*innen zugegangen, andererseits hätten sich Politiker*innen beim Kollektiv gemeldet.

Micieli sieht im Fall «Tripity» ein typisches Beispiel für «Abriss auf Vorrat». Das Baugesuch lasse keine klare Nutzung erkennen. «Zwischennutzungen und Besetzungen, die kulturelle Freiräume schaffen, sind für die Stadt und ihre Bewohner*innen zentral, sie dürfen nicht ohne konkretes Projekt verdrängt werden», sagt Micieli. Das «Tripity» habe das Gebäude während mehr als fünf Jahren zu einem niederschwelligen und vielfältigen Ort unkommerzieller Kultur, Begegnung und gemeinschaftlicher Nutzung gemacht, heisst es beispielsweise in der dringlichen Interpellation.

«Alle Menschen sind bei uns willkommen»

Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick auf die zahlreichen Veranstaltungen, die im «Tripity» in den vergangenen Jahren stattfanden. Das Haus werde für ein breites Spektrum an Anlässen genutzt: von einer Punk-Bar über Ateliers und Theaterproben bis hin zu Workshops und Veranstaltungen, wie das «Tripity-Lab», ein Safe Space für Queere und FLINTA-Menschen, erzählt Paula.

Foto: David Schelker

Es würden sich demnach etwa 50 Personen engagieren, die helfen, «den Raum zu beleben» und etwa 15 Personen würden ganzjährig im Haus wohnen. Paula: «Wir haben auch wiederkehrende Formate wie beispielsweise eine selbstorganisierte Theatergruppe Jugendlicher, eine jährliche Fashion-Show sowie das Hausfest, das zahlreiche Kollektive zusammenbringt.» Der Raum werde dabei bewusst niedrigschwellig und selbstbestimmt genutzt: «Alle Menschen sind bei uns willkommen und kriegen Raum für ihre Projekte und Ideen.»

Peter vom «Tripity»-Kollektiv beschreibt den Ort als Gegenmodell zu kommerziell organisierten Kultur- und Veranstaltungsräumen. Entscheidend sei, dass sich die Nutzung nicht am Gewinn orientiere. Stattdessen ermögliche der Raum freie kulturelle und politische Produktionen ohne hohe Eintrittsbarrieren oder kommerzielle Zwänge. Dadurch entstehe ein Ort für Jugendkultur, politische Vernetzung und kollektive Organisation, der sonst kaum existieren würde: «Wie soll das existieren ohne solche Räume?»

Die vielen Einsprachen und die politischen Vorstösse stimmen die Besetzer*innen zuversichtlich.

Besonders betont das Kollektiv die Funktion als niederschwelliger, konsumfreier Raum. Solche Orte seien für viele Gruppen, insbesondere für junge Menschen und marginalisierte Gruppen zentral, um kulturelle und soziale Aktivitäten ausserhalb kommerzieller Strukturen zu ermöglichen.

Ungewisse Zukunft mit unklarem Zeithorizont

Die vielen Einsprachen und die politischen Vorstösse stimmen die Besetzer*innen zuversichtlich: «Nach einer längeren Phase der Unsicherheit ist es schön, den Rückhalt aus dem Quartier und aus der Politik zu spüren», sagt Peter vom «Tripity»-Kollektiv. Dem Kollektiv gehe es dabei aber nicht «nur» darum, diesen konkreten Abriss zu verhindern, sondern auch um die grundsätzliche Frage, wie kulturelle und soziale Freiräume, die durch Besetzungen oder Zwischennutzungen entstanden, geschützt werden können.

Auch Micieli sieht darin ein grundsätzliches Problem der Stadtentwicklung. Gerade in einer Stadt mit zunehmendem Nutzungsdruck drohe sonst, dass solche Räume verdrängt werden: «Vor einem Jahr stand das ‹Café Toujours› vor einer ziemlich ähnlichen Situation wie heute das ‹Tripity›. Und schon damals hat der Gemeinderat in einer Interpellation erklärt, dass er solche Abrisse auf Vorrat nicht gutheisst. Und jetzt, ein Jahr später, sind wir wieder genau in derselben Situation. Das zeigt, dass, auch wenn sich der Gemeinderat kritisch äussert, trotzdem nicht viel geschehen ist. Deshalb haben wir die Vorstösse eingereicht.»

Foto: David Schelker

Aber klar: Von den Einsprachen und den politischen Vorstössen erhofft sich das Kollektiv auch den drohenden Abbruch des «Tripity» zu verhindern oder zumindest so lange wie möglich hinauszuzögern. «Wir sind motiviert und wir werden uns weiter für das ‹Tripity› einsetzen», betonen Paula und Peter.

Mit den Einsprachen konnte das «Tripity»-Kollektiv aus seiner Sicht zumindest schon mal etwas Zeit gewinnen: Die Einsprachen verzögern das Verfahren laut Hodel um mindestens zwei Monate. Ziel sei es demnach dennoch, das Verfahren auf Stufe Baubewilligungsbehörde bis Ende Jahr abzuschliessen.

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Die Leiterin des Bauinspektorats erinnert aber daran, dass im weiteren Verfahren noch weitere Verzögerungen in Form von Beschwerden hinzukommen könnten. Und auch, dass mit einer Bewilligung im Rahmen des generellen Baugesuchs noch nicht gebaut werden könne, denn dafür bräuchte es dann auch noch ein baubewilligtes Ausführungsprojekt.

Gegenüber der «Bund»-Zeitung sagt der zuständige Architekt Borce Trendafilov, von vbarchitekten in Thun, sie würden einen raschen Abriss und Neubau planen: Sobald die Baubewilligung vorliege, soll  der rund 6-monatige Rückbau und danach der Neubau folgen. Mietverträge würden erst nach Erteilung der Baubewilligung abgeschlossen und es gäbe diesbezüglich bereits Interessenten. Da ein Baugesuch auch abgelehnt werden könne, sei es «zu riskant», zum jetzigen Zeitpunkt Mietverträge anzubieten, die später eventuell nicht eingehalten werden könnten, lässt sich der Architekt in der Bund-Zeitung zitieren.

Lässt der Gemeinderat den Worten nun auch Taten folgen?

Ob und wann ein Abriss tatsächlich erfolgt, ist derzeit noch offen. Das Kollektiv geht davon aus, dass sich das Verfahren über längere Zeit hinziehen könnte. Erfahrungen aus anderen Besetzungen wie der «Anstadt» oder dem «Café Toujours», die zum Teil auch politisch begleitet wurden, zeigten, dass sich das ganze Verfahren noch lange hinziehen könnte.

Foto: David Schelker

Das «Tripity»-Kollektiv sucht nun den Dialog mit der Stadt und der Eigentümerschaft und stellt sich auf mögliche Verhandlungen ein. Abzuwarten bleibt, wie es mit den politischen Vorstössen weitergeht: In einer sehr knappen Antwort vom 10. Juni auf eine Kleine Anfrage zum «Tripity» teilt der Gemeinderat zwar die Ansicht, dass Baubrachen möglichst vermieden werden sollten, konkrete Massnahmen gegen einen möglichen «Abriss auf Vorrat» nennt er jedoch nicht.

Ein runder Tisch mit allen beteiligten Parteien sei nicht geplant. Die Stadt stehe jedoch mit den beteiligten Parteien in Kontakt. Eine weitere Antwort des Gemeinderats auf die dringliche Interpellation zum «Tripity» steht noch aus, darin dürfte er sich dann wohl noch etwas ausführlicher zum Thema äussern.