Meine Frau und ich besitzen in Damaskus einen riesigen Reichtum. Der grösste Teil davon war schon nach Europa unterwegs, noch bevor wir hier überhaupt Fuss gefasst hatten. Dieser «Reichtum» – das sind unsere Freunde. Mein einziges Problem damit: Sie lieben nichts auf der Welt so sehr, wie mich zu necken – selbst wenn das bedeutet, sich über die Niederlage einer Fussballmannschaft zu freuen, für die ich mitfiebere. Und wie es das Schicksal so wollte, habe ich noch nie eine Mannschaft unterstützt, ohne dass sie verloren hat!
Monate nach unserer Ankunft in der Schweiz, als sich unser Leben allmählich eingependelt hatte, begannen Freunde, uns zu besuchen. Jede Erkundungstour, die ihnen die Region näherbringen sollte, führte unweigerlich nach Bern.
Bei fast jedem Ausflug mit einer neuen Gruppe – während ich vorneweg ging und Gastgeber und Reiseleiter zugleich spielte – tauchte die unvermeidliche Frage auf: «Shukri, weisst du, wo sich die Uhr am Zytglogge-Turm in Bern befindet?» In jenen ersten Tagen unseres Aufenthalts antwortete ich meist, dass ich es nicht wisse. Wie auf Kommando folgte dann die übliche Welle von Sticheleien: «Was?! Du kennst die Uhr nicht, die Einstein zu seiner Relativitätstheorie inspiriert hat?!» Es dauerte nicht lange, bis mich meine eigene Neugierde überkam und ich die Nittlichkeiten vergass – denn ich wollte diese Uhr unbedingt sehen.
Bist du schon Mitglied?
Das Online-Magazin Journal B macht seit 14 Jahren Journalismus für Bern. Wir finanzieren uns grossteils über Mitgliederbeiträge. Bist du schon dabei?
Abgesehen von den Sticheleien waren anfangs alle verwirrt darüber, dass ich mich in der Stadt noch nicht auskannte. Bern war fast einen Monat lang unsere erste Station gewesen, bevor wir in das langwierige Asylverfahren gerieten und zwischen verschiedenen Schweizer Städten hin- und herzogen. Was keiner von meinen Freunden begriff, war, dass ich mir bei meiner Begegnung mit Bern vorgenommen hatte, unsere Beziehung langsam aufzubauen und jeden Augenblick davon zu geniessen – so wie man an einem edlen, gut gealterten Wein nippt.
Schon bei meinen allerersten Schritten durch die Altstadt wurde mir klar, dass dies eine andere Art des Ankommens erforderte. Ich weigerte mich, mich von dem anhaltenden Gefühl, ein Aussenseiter zu sein, oder dem schmerzhaften Gedanken, dass ich vielleicht bald meine Sachen packen und wieder gehen müsste, überwältigen zu lassen. Das war ein Schmerz, den ich einfach nicht ertragen konnte.
Was keiner von meinen Freunden begriff, war, dass ich mir bei meiner Begegnung mit Bern vorgenommen hatte, unsere Beziehung langsam aufzubauen und jeden Augenblick davon zu geniessen – so wie man an einem edlen, gut gealterten Wein nippt.
Als wir uns in der Nähe von Bern niederliessen, zunächst in Langenthal, blieb Bern eine ständige Präsenz und ein wichtiges Reiseziel für meine Frau und mich – nicht nur, um die Sprache zu lernen, sondern auch, um jene lebenswichtige Verbindung zu pflegen, ohne die wir einfach nicht leben konnten.
Als begeisterter Spaziergänger machte ich mich daran, Schritt für Schritt meine mentale Karte der Stadt zu erstellen, ausgehend von Orten, die ich zu Fuss erreichen konnte. Selbst wenn das bedeutete, den ganzen Weg vom Berner Hauptbahnhof bis zur Giacomettistrasse im Freudenberg-Quartier zu laufen, wo sich meine letzte Sprachschule befand. Diese Spaziergänge waren unersetzlich. Die Gebäudefassaden, die subtilen Veränderungen im architektonischen Stil von einem Stadtteil zum nächsten, die zu entdecken ich auf dem Rückweg nach dem Unterricht nie müde wurde. Sie waren meine tägliche Nahrung – oft sogar wichtiger als der neue Wortschatz und die neuen Redewendungen einer Sprache, mit der ich erst mit Anfang fünfzig in Berührung kam.
Bei jedem Spaziergang fing ich den Faden einer Geschichte auf, die sich lange vor meiner Ankunft entfaltet hatte, und versuchte nachzuverfolgen, wohin sie führte: zu einem eleganten Balkon mit Blick auf einen kleinen Garten in einer ruhigen Ecke abseits einer Hauptstrasse, wo jemand vielleicht etwas Aussergewöhnliches schreiben oder eine sanfte Romanze beginnen könnte; zu einem kleinen Café, dessen raumhohe Fenster eine intime Szene offenbarten, in der sich eine Gruppe lebenslanger Freunde an ihrem üblichen Tisch versammelt hatte; oder zu jemandem, der hastig mit dem Fahrrad den Bürgersteig hinunterfuhr und mich an einen Freund erinnerte, den ich in Damaskus zurückgelassen hatte – und ich fragte mich, ob er, wie mein Freund aus Damaskus, ein Tonstudio hatte und sich beeilte, einen Musiker zu treffen, um eine Passage einer Komposition zu spielen, an der sie monatelang gearbeitet hatten. So genoss ich mein Glas Wein.
Bei jedem Spaziergang fing ich den Faden einer Geschichte auf, die sich lange vor meiner Ankunft entfaltet hatte, und versuchte nachzuverfolgen, wohin sie führte.
Mit Freunden ein Glas Wein oder auch nur einen Kaffee zu trinken, ist ein Vergnügen, auf das man niemals verzichten sollte. Genau dazu habe ich mich ganz spontan entschlossen, als eine Gruppe von Freunden zu Besuch kam. Wir spazierten an der Aare entlang auf der Gerberngasse in Richtung Nydeggbrücke, um dann zurück in die Altstadt abzubiegen, als ich alle – und mich selbst – überraschte: Ich lud sie auf einen Kaffee bei einem alten Freund von mir ein, der in der Nähe wohnte.
Ich erklärte, dass mein Freund mitten in der Berner Altstadt wohnte, was eine seltene Gelegenheit bot, Bern aus dem Inneren einer historischen Wohnung zu erleben. Die Idee faszinierte sie, löste aber auch eine Flut von Fragen aus. Sie hatten Bedenken, unangemeldet bei einem Fremden vorbeizuschauen, zumal wir zu viert waren. Ich schürte ihre Neugier noch weiter, indem ich ihnen erzählte, mein Freund sei ausserordentlich gastfreundlich, freue sich über Besuch und sei zu jeder Uhrzeit bereit, Gäste zu empfangen. «Ohne vorher anzurufen?!», fragte einer. «Er verlässt sein Haus sowieso selten», antwortete ich.
Als wir nur noch wenige Meter vom Eingang entfernt waren, rechnete ich damit, dass jemand mein kleines Spiel durchschauen würde, aber keiner kam darauf. Ich verriet nichts, bis wir direkt vor dem Eingang standen, an dem ein Schild «Einstein-Haus» verkündete.
In Wahrheit einte uns alle, die wir dort sassen, eine tiefe Verbindung zu Einstein.
Sie waren auf einmal alle sprachlos. Es war offensichtlich, dass sie keine Ahnung hatten, dass Einsteins Wohnhaus in Bern noch existierte, geschweige denn, dass es in ein Museum umgewandelt worden war.
Nach dem Besuch, als wir unten im Café sassen, wurde mir klar, dass sie wirklich nichts über die Wohnung gewusst hatten. Ich lehnte mich zurück und trug jenes triumphierende Lächeln zur Schau, das ich normalerweise aufsetze, wenn Liverpool die Premier League gewinnt. Endlich hatte ich ein unvergessliches Tor geschossen.
Die drei waren völlig fasziniert – nicht, weil Einstein ihnen unbekannt gewesen wäre (manche hatten seine Theorien sogar schon in Syrien unterrichtet), sondern wegen der Erkenntnis, dass ein Ort, der für sie so bedeutungsvoll war, direkt vor ihrer Nase gelegen und nur darauf gewartet hatte, von mir enthüllt zu werden. Was für ein Sieg!
Als ich dort im Café sass, wurde mir klar, dass ich nicht übertrieben hatte, als ich sie einlud, einen «Freund» zu besuchen. In Wahrheit einte uns alle, die wir dort sassen, eine tiefe Verbindung zu Einstein. Über die wissenschaftliche Verbundenheit hinaus, die einige von ihnen empfanden, gab es jenen stillen Faden, der Flüchtlinge aller Epochen und Orte miteinander verbindet. Wir sind in Wahrheit ein Volk.
Zwar floh Einstein nicht nach Bern, um politischer Verfolgung zu entgehen, sondern um der Arbeitslosigkeit und der akademischen Isolation zu entkommen, die ihm vom traditionellen Establishment in Zürich auferlegt worden waren – das ihn selbst aufgenommen hatte, nachdem er aus Deutschland geflohen war, weil dessen Institutionen seinen rebellischen Geist nicht verkraften konnten. Und ja, er hatte bereits die Schweizer Staatsbürgerschaft erworben, als er den Grundstein für die Theorie legte, die die Welt der Physik auf den Kopf stellte. Doch letztendlich suchte er nach einem Ort, an dem er seiner Leidenschaft nachgehen und sie verwirklichen konnte.
Wenn wir unserem eigenen Exil eine tiefere Bedeutung verleihen wollen, dann liegt sie vielleicht genau hier: in dieser Leidenschaft, ohne die wir für immer heimatlos bleiben und die genau jene Heimat bildet, die wir mit meinem Freund Albert teilen.
In langen Spaziergängen lernt unser Kolumnist die Stadt Bern kennen. Dabei fängt er Fäden von Geschichten auf, die er versucht nachzuverfolgen. (Illustration: Anna Husi)