Rowland Hanson, der Marketingchef von Microsoft in den 1980er Jahren, soll als Erster den Namen «Windows» (zu Deutsch: Fenster) für die bahnbrechende Software des Unternehmens eingebracht haben. Die Programmierer hatten den Namen «Interface Manager» vorgeschlagen. Dieser hochtechnische, befremdliche Name hätte unseren kollektiven Eintritt ins digitale Zeitalter möglicherweise verzögert, ein Eintritt, der unter unter einem einfacheren, weitaus intuitiveren Namen nahtlos gelang.
«Windows» war eine wörtliche Beschreibung dessen, was auf dem Bildschirm erschien: Dateien und Programme, die sich innerhalb definierter Grenzen öffneten, wie ein Fensterrahmen. Hanson schlug den Namen aus reinen Marketinggründen vor. Später, als die Software eine unumkehrbare Revolution auslöste – einen klaren Bruch mit einer vergangenen Ära – erhielt dieser einfache Name eine neue, poetische Bedeutung: als Fenster zur Zukunft.
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Mein Fenster in der Schweiz ist kein Software-Rahmen auf einem Bildschirm – von der Art, die einen dazu auffordert, Befehle einzugeben und in Details einzutauchen, die vor deinem ersten PC keinerlei Bedeutung gehabt hatten, nur um dann rasch zum Dreh- und Angelpunkt deines gesamten Lebens zu werden. Mein Fenster ist physisch. Es befindet sich links neben meinem Schreibtisch, an dem ich acht Stunden am Tag verbringe, um zu lesen, zu schreiben und in die verschiedenen Fenster einzutauchen, die das Betriebssystem auf meinem Laptop öffnet. Doch auch beim Tauchen muss man letztendlich wieder Luft holen. Mein echtes Fenster zu meiner Linken ist mein einziger Hauch frischer Luft.
Das Fenster öffnet sich auf den Hinterhof meines Wohnhauses. Wenn ich aussergewöhnliches Glück habe, erhasche ich einen Blick auf zwei Liebende, die sich küssen, als wäre das Universum für diese beiden wunderschönen Vögel, die mir den Tag erhellen, einen Moment lang stillgestanden. Wenn das Glück nicht auf meiner Seite ist – was meistens der Fall ist – blicke ich auf Herrn Gasser, der den Rasen mäht.
Liebe und Arbeit: Diese beiden gegensätzlichen Horizonte definieren die Grenzen des Lebens in der Schweiz, wie ich es von meinem Fenster aus sehe. Wenn ich mich entferne – nicht, um an meinen Schreibtisch zurückzukehren, sondern um mich nach draussen zu wagen – tauche ich in ein Leben ein, das sich auch nach zwölf Jahren immer noch bemerkenswert erfrischend anfühlt. Und ich hoffe, dass ich nun, da ich selbst Teil jener Welt geworden bin, die andere aus einem Fenster zur Strasse beobachten, ihnen einen erfrischenden Anblick biete oder zumindest zum Nachdenken anrege.
In Damaskus wurden wir des Gefühls beraubt, dass uns die Stadt gehörte – sie blieb das ausschliessliche Eigentum ihrer Tyrannen.
Wer ein Land verstehen will, beginnt mit seiner Geografie. Nach diesem Massstab ist die Schweiz eine der kleinsten Nationen. Doch wenn ich mit dem Zug durch das Land reise oder Freunde mit unterschiedlichem Hintergrund, verschiedenen Nationalitäten und Kulturen in den vielfältigen Schweizer Städten treffe – von denen jede sogar in ihrer Sprache einzigartig ist – finde ich mich in einem grenzenlosen Ozean wieder. Mir wird klar, dass ich mehr Zeit brauche, um diese Vielfalt zu erfassen und sie langsam zu geniessen, wie ein Glas gereiften Weins.
Romantisiere ich dieses Land? Nein. In meiner Heimatstadt Damaskus wurden wir des Gefühls beraubt, dass uns die Stadt gehörte – sie blieb das ausschliessliche Eigentum ihrer Tyrannen. Wir erfanden uns deshalb ein anderes Damaskus. Wir betrachteten die Stadt als unerreichbare Geliebte, als mächtige, ungerechte oder vielleicht doch als zärtliche, hilflose Mutter.
Unabhängig von unserem eigenen Status oder Geschlecht war Damaskus immer diese ferne Frau. Es war ein Bewältigungsmechanismus für die tiefe Entfremdung, die wir an einem Ort empfanden, der eigentlich allen hätte gehören sollen. Ohne diese Vorstellung war Überleben unmöglich. Durch die Liebe – die intensivste Form des Ausdrucks – brachten wir unser brennendes Verlangen zum Ausdruck, unsere Stadt zurückzugewinnen. Wir, ihre rechtmässigen Kinder.
In der Schweiz lernte ich, dass der Vergleich von Städten mit Frauen lediglich eine Flucht vor der Realität ist. Dass Städte vor allem Orte zum Leben sind. Ich lernte, dass Städte Räume sind, um sich zu versammeln, in Verbindung zu treten und wo alle Gefühle, Ansichten und Ambitionen zum Ausdruck kommen – ein krasser Gegensatz zu meiner zermürbenden Beziehung zu Damaskus, der grössten aller Verführerinnen unter den Städten und den Frauen.
In der Schweiz lernte ich, dass Städte vor allem Orte zum Leben sind.
Durch eine Wendung des Schicksals befand sich auch das Fenster in meinem Arbeitszimmer in Damaskus zu meiner Linken. Ich schaute oft hinaus, und was mir am meisten auffiel, war der Anblick der zahlreichen Kinder, die sich im Innenhof vor dem Gebäude versammelten, um zu spielen und erste Beziehungen untereinander sowie zu jenem Ort zu knüpfen, an dem sie den Rest ihres Lebens verbringen sollten. Unter ihnen waren meine beiden Kinder, die später ihre Mutter und mich auf unserer Reise in die Schweiz begleiteten, wo wir Asyl suchten. Anderen unter ihnen gelang ebenfalls die Flucht, während einige bei ihrem Versuch vom Meer verschlungen wurden.
Was den Rest betrifft … diejenigen, die überlebt haben, die nicht unter Folter in den Gefängnissen des Tyrannen oder bei irgendeinem Zusammenstoss während des Bürgerkriegs ums Leben gekommen sind und die in diesem Land geblieben sind – sie sind immer noch dort und versuchen, sich den Weg in einer Stadt zu bahnen, die sie nach wie vor als eine unerreichbare Frau betrachten, die ihre ganze Liebe verdient.
Wird es ihnen eines Tages gelingen, sie als Stadt des Lebens, der Liebe, des Zusammenkommens und des Ausdrucks jedes Gedankens, jedes Strebens und jedes Lebensvorhabens, das ihnen durch den Kopf geht, zurückzugewinnen? Ich hoffe es um ihretwillen, und ich versuche mit aller Kraft, zu helfen … doch letztendlich ist es ihre Stadt und ihr Leben. Sie sind es, die dort versuchen, sich diese Stadt zurückzuerobern.
Und wenn Damaskus diese Mühe nicht wert wäre, dann hätten sich nicht schon vor rund 10’000 Jahren die ersten Menschen mit der Stadt beschäftigt, als sie sich hier das erste Mal niederliessen. Und doch schmerzt mich der Gedanke, dass ich, indem ich mich in diese Geschichte zurückziehe, im Grunde nur bestätige, dass ein wirklicher Bruch mit der Vergangenheit in Damaskus noch nicht stattgefunden hat – und genau dort muss die Revolution beginnen.
Die Herausforderung liegt hier nicht darin, gegenüber dem Nichts zu bestehen; vielmehr geht es darum, diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen.
In der Schweiz sind die Möglichkeiten des Lebens grenzenlos und erfordern keinen Rückblick auf Jahrtausende der Geschichte, nur um den Mut zum Weitermachen zu finden. Die Eidgenossenschaft hatte ihre «Revolution» – einen Bruch mit der Vergangenheit – und organisierte ihr Leben durch eine schrittweise Entwicklung, die im Bundesstaat von 1848 gipfelte. Vielleicht gerade weil diese Revolution gelungen ist, ist das Leben hier für jeden einfacher, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft – solange das Land für Neuankömmlinge offenbleibt. Die Herausforderung liegt hier nicht darin, gegenüber dem Nichts zu bestehen; vielmehr geht es darum, diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, statt sie nur als poetischen Marketing-Slogan zu betrachten, den alle abgekauft haben.
Warum dieser gewaltige Unterschied zwischen der Schweiz und Syrien?! Für mich ist das die Frage meines Lebens. Werde ich jemals eine Antwort darauf finden? Ich weiss es nicht … Ich weiss nur, dass ich, wenn ich aus meinem Fenster auf ein neues Land blicke, Facetten des Lebens entdecke, die mich dazu anregen, noch einmal ganz von vorne einzutauchen – doch dieses Mal durch echte Fenster, die auf ein echtes Leben hinausblicken.
Und durch dieses Fenster gibt es so vieles, was ich euch erzählen will – während ich hindurchschreite, in eine Zukunft, in der ich vorhabe, einen Platz innezuhaben.
Jedes Fenster regt zum Nachdenken an, findet unser Kolumnist. Und eröffnet neue Blicke aufs Leben. (Illustration: Anna Husi)