Mehr als ein Kampf

von David Fürst & Elisa Faes 18. Juni 2026

Kampfsport Im Juni fand in Bern zum ersten Mal der «Payday» statt: ein selbstorganisiertes Kampfsportevent ohne Sieger*innen und Pokale. Journal B begleitete Kämpfer*in Flora und sprach mit dem Organisationskollektiv über seine Arbeit.

Der Tag beginnt wie auch andere Kampfsportveranstaltungen mit dem Wägen. Die Uhr zeigt halb elf, wir befinden uns in der Turnhalle der alten Feuerwehr Viktoria. 34 Kämpfer*innen steigen der Reihe nach auf die digitale Waage, auch Flora, deren Gewicht 62 Kilogramm anzeigt. Seit drei Jahren trainiert Flora Brasilianisches Jiu-Jitsu (BJJ) – ein bodenbasierter Kampfsport, der auf Hebelwirkung und Kontrolltechniken setzt, ohne Schläge oder Tritte zu verwenden. Heute tritt Flora hier gegen Uma an, eine erfahrene BJJ-Kämpferin.

(Foto: David Fürst)

Die beiden lernen sich heute zum ersten Mal kennen und identifizieren sich mit den Werten des Payday : gegen Leistungsdenken, eine übertriebene Darstellung von Männlichkeit und die Sexualisierung weiblich gelesener Körper und für mehr Respekt und Zugänglichkeit. «Ich wollte hier kämpfen, weil es um den Sport geht und um die Begegnung zwischen den Kämpfer*innen», erklärt Flora, «gewinnen steht nicht im Zentrum». Solche Events sind unüblich in der Kampfsportszene. Die meisten Kampfsportevents positionieren sich nicht politisch, Payday nennt sich jedoch klar antifaschistisch und emanzipatorisch.

Ich wollte hier kämpfen, weil es um den Sport geht und um die Begegnung zwischen den Kämpfer*innen.

Neben Brasilianischem Jiu-Jitsu wird heute auch in anderen Kampfsportarten gekämpft: klassischem Boxen, Muay Thai und K-1 (Kickboxen). Zwischen den Kämpfen werden für das BJJ Matten ausgelegt, damit im Ring in verschiedenen Disziplinen gekämpft werden kann. Die Veranstaltung soll die Vielfalt der Szene abbilden und auch die Möglichkeit bieten, sich untereinander zu vernetzen. Flora startet in der Kategorie FINTA (Frauen, Intersexuell, Non-binär, Trans und Agender). Eine möglichst ausgeglichene Geschlechterverteilung ist eines der Ziele des Payday-Kollektivs.

Uma und Flora lernen sich am «Payday» zum ersten Mal kennen. (Foto: David Fürst)

Die Idee war es, ein Setting fern dem Druck der grossen Kampfsportveranstaltungen zu schaffen, in dem Menschen ihre ersten Kampferfahrungen machen können. Die alte Feuerwehr Viktoria eignet sich für einen persönlichen Rahmen, hier wird auch sonst Kampfsport trainiert. Eigentlich war das Event in der Turnhalle geplant, die wenig Platz bietet. Entsprechend zurückhaltend warb das Kollektiv im Vorfeld: Tickets zur Veranstaltung suchte man online vergeblich.

Der Wetterumschwung ermöglicht dann doch im letzten Moment einen spontanen Ticketverkauf. Der Ring wird nach draussen verlegt, es gibt mehr Platz für Publikum und aus den Musikboxen scheppern Popsongs. Durch den Tag moderieren Simon Anliker und Anouk Ursin von der Dachterrasse aus, mit gutem Blick auf das Geschehen.

Vor dem Kampf

Im Keller der alten Feuerwehr Viktoria ist der Boden mit Schaumstoffmatten ausgelegt. Von der Decke hängen schwarze Boxsäcke und an den Wänden kleben alte Boxposter. Hier ziehen sich die Kämpfer*innen um und üben letzte Abläufe wie Hebel und Würfe. Flora und Trainer Christian wärmen sich ein. Nur durch ein weisses Leinentuch getrennt, macht sich auf der anderen Seite des Raumes auch Uma warm. Ihr Trainer ist Luiz Fion, der im Januar Europameister in BJJ wurde. Kurz vor dem Kampf posieren Uma und Flora noch für ein gemeinsames Foto.

Flora übt im Keller nochmal die Techniken. (Foto: David Fürst)

Und dann ist der Moment da: Flora und Uma steigen nacheinander unter tosendem Applaus und in Begleitung ihrer Trainer aus dem Keller, dazu wird ihr jeweiliger Einlaufsong abgespielt: für Flora Venom von Little Simz, für Uma Dammi Falastini von Mohammad Assaf. Sie schwingen sich in den Ring, geben dem Schiedsrichter die Hand.

Mit gebannter Aufmerksamkeit verfolgen die Anwesenden den Kampf. In heiklen Momenten hört man gespanntes Schnaufen aus den vorderen Reihen, nahe am Ring geben die Trainer*innen Anweisungen: «Kopf eindrehen, Hüfte hoch», ruft Trainer Christian Flora zu. Sobald eine* Kämpfer*in «tappt», also aufgibt, wird das Publikum wieder laut, applaudiert, pfeift. Es ist zu spüren, dass der Sport für die Menschen hier im Zentrum steht, dass die gegenseitige Wertschätzung jeden Konkurrenzgedanken überwiegt.

Uma und Trainer Luiz Fion beim Aufwärmen. (Foto: David Fürst)

Solidarisch und antifaschistisch

Kampfsport gilt historisch als Ausdruck von Männlichkeit und Körperkult. Sportarten wie Mixed Martial Arts (MMA) erfreuen sich hoher Beliebtheit, bedienen in der Popkultur aber auch eine Symbolik der Härte und Disziplin. MMA ist Trumps Lieblingssportart; am 14. Juni feierte er seinen Geburtstag mit einem Ultimate Fighting Championship-Kampf vor dem Weissen Haus. UFC  (die weltgrösste MMA-Organisation)-Kämpfe gelten als halboffizielle Sportart seiner politischen Bewegung, eingebettet in ein Universum rechter Influencer und Podcasts, in dem dominante Männlichkeit zelebriert wird.

(Foto: David Fürst)

Joe Rogan, UFC-Kommentator und Host des meistgehörten Podcasts der Welt, steht für diese Verknüpfung. Auch in der Amateur-Szene sind kommerzielle und gewaltverherrlichende Strukturen keine Seltenheit. Das deutsche Neonazi-Turnier «Kampf der Nibelungen» etwa wird von rechtsextremen Bekleidungsmarken gesponsert und ist mittlerweile selbst zu einem kommerziellen Label geworden.
Diesen Diskurs wollte das siebenköpfige Payday-Kollektiv nicht reproduzieren und stellt sich entschieden dagegen. Unsere Gesprächspartner*innen aus dem OK, die hier nicht beim Namen genannt werden wollen, erzählten uns im Vorfeld, warum ihr Ansatz von etablierten Turnieren abweicht: «Viele Kampfsport-Veranstaltungen, die wir kennen, sind stark von männlichen Leistungsdiskursen geprägt, oft sehr wettbewerbsorientiert, unpersönlich und wenig solidarisch. Das lehnen wir ab.»

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Sie hätten sich bewusst dafür entschieden, keine offizielle Wertung vorzunehmen. «Es gibt keine Sieger*innen und keine Pokale. Aber wir wollten trotzdem echte Kämpfe. Es geht nicht darum, den anderen zu besiegen, sondern gemeinsam etwas zu erleben. Beide Kämpfer*innen sind nervös, beide haben Angst, beide geben alles und teilen den Ring für diese gemeinsame Erfahrung.»

Wichtig war dem Kollektiv zu betonen, dass sie zwar probieren, mehr Zugänglichkeit zu schaffen, dies aber mit dem Payday noch lange nicht erreicht hätten. «Es braucht Zeit und gezielte Angebote für Veränderung: spezielle Trainingsgruppen, Mentoring, sichtbare Vorbilder. Es ist auch nötig, dass wir immer wieder aktiv gegen sexistisches oder rassistisches Verhalten eingreifen. Wir sind noch nicht am Ziel. Aber wir versuchen, diesen Raum Stück für Stück anders zu gestalten.»

Beide Kämpfer*innen sind nervös, beide haben Angst, beide geben alles und teilen den Ring für diese gemeinsame Erfahrung.

Die junge, siebenköpfige Gruppe, die sich über die Kampfsport-Szene kennt, hat sich zusammengetan und monatelang geplant. Für alle ist es die erste organisatorische Erfahrung in diesem Ausmass – der Aufwand war immens: von der Helfer*innenbetreuung über medizinische Absicherung bis zum Ringtransport.

Das grösste Problem für die beabsichtigte Niederschwelligkeit war die Preisgestaltung. Die Fixkosten waren hoch und es gab weder Sponsoring noch Fördergelder. Die Ticketpreise konnten nicht so tief gehalten werden, wie es sich das Kollektiv wünschte. Und das, obwohl alle ehrenamtlich arbeiteten.

(Foto: David Fürst)

Ein Gegenentwurf

Der gemeinschaftliche Aspekt des Events sticht am Tag selbst heraus – die Stimmung ist freundschaftlich und gelöst, Kämpfer*innen, Team und Publikum scheinen sich mit beeindruckendem Engagement dem Sport hinzugeben. Sichtbar wird besonders, was das Payday-Kollektiv schon im Vorhinein betonte: Kampfsport ist kein Einzelsport, sondern ein kollektiver Prozess. Jede*r Kämpfer*in hat ein Team: Sparringspartner*innen, Trainer*innen, die, die den Kopf freihalten, die, die die Bandagen binden. «Es braucht unglaublich viel Arbeit unterschiedlichster Menschen, bis mal zwei Kämpfer*innen im Ring stehen», betont das Kollektiv.

Wir haben keine Lichtshow, keine Werbung und keine Gladiatoren-Stimmung.

Uma und Flora nach dem Kampf (Foto: David Fürst)

Diese Zusammenarbeit bleibt in dominanten Bildern von Kampfsport oft unsichtbar, stattdessen wird der Einzelne als Held oder Monster dargestellt. «In unseren Räumen soll das anders sein. Wir haben keine Lichtshow, keine Werbung und keine Gladiatoren-Stimmung. Es geht um den Sport und nicht um die Show.»

Nach drei Runden à je drei Minuten ist Floras und Umas Kampf beendet – wer ihn gewonnen hat, spielt eine Nebenrolle, die beiden umarmen sich noch im Ring, lachend. Viel wichtiger ist, was Uma gleich anschliessend laut verkündet: «Wir leben in einem kapitalistischen System, in dem es heisst: Ihr müsst gut in irgendwas sein. Und es muss Gewinn bringen. Aber wenn ihr etwas einfach gern macht – macht es. Dann haben wir nächstes Jahr hoffentlich noch mehr Jiu-Jitsu-Kämpfe von FINTAs.»

Flora nach dem Kampf. (Foto: David Fürst)