Es ist 00:30 Uhr am 23. Mai 2026, die erste Ausgabe von «The Attic» im Dachstock. Die Discokugel streut kleine Lichtpunkte über die Tanzfläche. Sie gleiten über den Boden, berühren die Tanzenden und legen sich wie ein Muster auf die sich bewegenden Körper. Es sind Tänzer*innen aus Hip-Hop, House und Waacking, dazwischen Paare, die Hustle tanzen, einen Paartanz aus der Discozeit.
Eine Tänzerin beginnt mit einer Schrittfolge, andere machen sie nach. Immer mehr steigen ein, bis plötzlich der ganze Dachstock dieselben Moves tanzt. Niemand hat es angesagt, es passiert einfach. Die Stimmung ist sanft, konsumiert werden vorwiegend Musik und Softdrinks. Gegen Ende des Abends tanzt sogar der Security.

Das ist nicht selbstverständlich, finden die vier von «The Attic». Zu oft tanze man im Ausgang nebeneinander statt miteinander, den Blick nach vorne zum DJ, das Handy in der Hand für eine Instagram-Story. Dabei ist das Nachtleben ein Zwischenraum, in dem sich Menschen treffen und manchmal auch finden.
Wir sind mit dem aktuellen Nachtleben in dieser kleinen Stadt nicht zufrieden, uns fehlt etwas.
«Keep The Fire Burning», sang die Soulsängerin Gwen McCrae 1982. Eine Aufforderung an die tanzenden Menschen. Aus heutiger Sicht vielleicht ein Wunsch, dass der Geist jener Jahre erhalten bleibt. Das Kollektiv nimmt den Titel wörtlich. «Wir wollen die Flamme brennen lassen», sagt Tina Mühlemann (30) auf einer Bank im Rosengarten in Bern.
Gegen den Trend
Tina tanzt Waacking und arbeitet im Schlachthaus Theater. Mit ihr im Kollektiv sind die DJs José Rodriguez und Simon Schär und der Tänzer Ousmane Ba, den man auch als Ousi kennt. José (42) legt als Joe Rodri auf und veranstaltet seit Jahren Partys. Simon (36) legt seit zwanzig Jahren als Simon J. Frank auf und stellt mit Varia Instruments, einer kleinen Firma, DJ-Mischpulte her, die weltweit verkauft werden. Ousi (28) arbeitet im Gesundheitswesen und geht seit rund zehn Jahren clubben, immer wenn gute Musik läuft, «angetrieben vom Wunsch, die Clubbing-Kultur der 70er und 80er in New York zu zelebrieren».

Angefangen hat «The Attic» im Sommer 2025 mit einem Open Call des Dachstocks. Für José ist der «Dächu», wie ihn Berner*innen nennen, «fast so etwas wie der heilige Gral im Berner Nachtleben». Den Namen hat das Kollektiv vom Dachstock, auf Englisch «The Attic». In seinem Konzept steht: «Egal wer Du bist, von wo Du kommst, welcher Kultur Du angehörst […] hier sollst Du einen Ort finden, an dem Du ganz Du sein kannst, ohne dich zu verstellen.»
Simon bringt es auf den Punkt: «Wir sind mit dem aktuellen Nachtleben in dieser kleinen Stadt nicht zufrieden, uns fehlt etwas.» Dem wolle man etwas Positives und Lebensbejahendes entgegensetzen.
Zurück nach New York
Wie anders Clubbing sein kann, zeigt ein Blick zurück. Disco entstand in einer ähnlich unsicheren Zeit wie der heutigen: Ölkrise, Rezession, Vietnamkrieg, New York stand 1975 kurz vor dem Bankrott. In den Clubs der Stadt fanden Schwarze, Latinx und queere Menschen einen sicheren Ort. Die Disco-Tracks handeln von Liebe und Verbundenheit, als Kontrast zu den gesellschaftlichen Verhältnissen.
«Man muss ein Verständnis dafür haben, dass Disco und dadurch auch House primär aus der afroamerikanischen queeren Kultur stammen», sagt Ousi. House entstand Anfang der 80er-Jahre in Chicago, aus Disco heraus. Viele House-Tracks seien sehr nah am Gospel. «Und dort wird an einem Fest immer zusammen getanzt.»

Diese Kultur hat er in New York kennengelernt, an der House-Party Body & Soul. «Da waren Leute mit Rollschuhen im Club, manche waren 60, andere knapp volljährig», sagt er. «Es ist schön, wenn generationenübergreifend miteinander getanzt wird, wenn der Tanz im Zentrum steht und der soziale Status keine Rolle spielt.»
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Der Dokumentarfilm «Check Your Body at the Door», gedreht in den 90er-Jahren in New Yorker Clubs, fängt genau dieses Gefühl ein. Der Tänzer Archie Burnett erklärt darin den Titel: «You take your attitude, your baggage, and all of that, and check it at the door.» Zu Deutsch: Man nimmt seine Attitüde, seinen Ballast, all das, und gibt es an der Tür ab. «Diesen Geist möchten wir neu ansiedeln», sagt Simon.
Der DJ steht in der Ecke
Dafür bauen sie den Dachstock um. Die Bühne bleibt geschlossen, der DJ steht unten auf der Tanzfläche, eher in einer Ecke als im Zentrum. «Wir wollen die Verherrlichung des DJs herunterholen», sagt José. Im Mittelpunkt sollen die Musik und die Leute stehen, die tanzen. «Das Clubbing in purer Form, wenn ich das so sagen kann.»

Das zentrale Gefühl hinter Musik und Tanz ist für Ousi Befreiung: «Ein Befreiungsschlag.» Bei Disco gehe es um die Befreiung von gesellschaftlichen Normen wie Heteronormativität. «Genau dieses Gefühl verfolgen wir.» Darum gebe es bei «The Attic» auch kein Leistungsdenken. Wie gut jemand tanze, spiele keine Rolle. «Es soll gerade befreiend sein, weil es wertfrei ist. Wertfreies Bewegen zu Musik.»
So entstehen Momente wie jener an der ersten Ausgabe, als plötzlich alle dieselben Schritte tanzten. «Wenn jemand einen Step macht und dieser sieht spassig aus, dann machen das andere nach, und schon entsteht eine Harmonie, wie in der Musik», sagt Ousi. «Das sieht dann aus wie eine Choreo, ist aber einfach so entstanden.»
Es ist schön, wenn generationenübergreifend miteinander getanzt wird, wenn der Tanz im Zentrum steht und der soziale Status keine Rolle spielt.
Musikalisch ist der Abend offen. «Bei The Attic wird auch Techno gespielt», sagt José. Simon hat an der ersten Ausgabe selbst Techno aufgelegt, im richtigen Moment sogar Hip-Hop. «Ich finde es ultra toll, wenn zur richtigen Zeit Techno-Tracks kommen», sagt er. «Es geht um die Offenheit gegenüber der Musik.» Kulturell sieht Ousi kaum einen Unterschied: «Techno kommt aus der gleichen afroamerikanischen Kultur, er ist einfach vom Sound her ein bisschen anders.» Entstanden ist Techno Mitte der 80er-Jahre in Detroit.

Waacking (Journal B berichtete) entstand in den 1970er-Jahren in queeren Clubs in Los Angeles, inspiriert von den Posen der Hollywood-Stars und den Discoqueens. Für die erste Ausgabe lud Tina Tänzer*innen ein und zeigte mit ihnen ein Waacking-Showcase. Wer das nicht kannte, sei überrascht gewesen, «was bei uns Menschen alles möglich ist». Für die nächste Ausgabe ist wieder ein Showcase in Arbeit. Was gezeigt wird, bleibt eine Überraschung.
Volle Tanzfläche, leere Bar
Dass an der Bar vor allem Softdrinks bestellt werden, hat eine Kehrseite. «Es wird weniger exzessiv geclubbt als früher und viel weniger getrunken», sagt Simon. Die Barumsätze gingen «mega runter». Damit kämpfen viele Clubs. Laut einer schweizweiten Umfrage der Zürcher Bar- und Clubkommission gab eine Person 2018 im Club pro Abend durchschnittlich 45 Franken aus, 2023 waren es noch 30 Franken. Auch in Bern verschwinden Clubs. Das Kapitel sollte vom Technoclub zu einem Kulturraum transformiert werden. Dafür kamen 2025 per Crowdfunding über 54’000 Franken zusammen. Im September war trotzdem Schluss: Die Kräfte waren erschöpft, das Geld fehlte.
Es wird weniger exzessiv geclubbt als früher und viel weniger getrunken
«The Attic» hofft, die tieferen Barumsätze über den Eintritt auffangen zu können. Kulturförderung bekommen sie keine, sie sind klassische Veranstalter im Dachstock. Darüber nachgedacht hätten sie noch gar nicht, sagt Ousi. Bisher laufe alles mit «Herzblut und Ellbogenschmalz».

Dass weniger getrunken wird, ist eigentlich eine gute Entwicklung. Doch selbst eine volle Tanzfläche rechnet sich über die Eintritte nicht. Ob sich die erste Ausgabe für den Dachstock gelohnt hat, ist fraglich. Müsste Clubkultur also gefördert werden wie andere Kultur auch? In Bern flossen 2024 rund 23 Millionen Franken, also knapp 88 Prozent der öffentlichen Musikförderung in die Klassik, wie eine Recherche der Musikvielfalt-Initiative zeigt. Für Pop, Rock, Jazz, Hip-Hop und elektronische Musik rund 3 Millionen Franken (11,4 Prozent).
Wie an einer Hochzeit
Und wie fühlt sich das an, wenn man noch nie dort war? Man müsse kommen und es selbst erleben, sagt José. Tina versucht es mit einem Bild. Eine Hochzeit, spät am Abend, ein DJ spielt. «Und dann sieht man den Grossvater, der seine Stöcke wegwirft, abgeht und einfach lebt.» Nicht zu schnell, nicht zu hart, eher weich und smooth. «Groovy und mit einem Lachen auf dem Gesicht. Das ist das Lebensgefühl.»

The Attic: Freitag, 6. November 2026, ab 22 Uhr, Dachstock der Reitschule Bern. Mit Danilo Plessow (MCDE), Joe Rodri, Moksha und Gian. Vorverkauf über petzi.ch.
Zu oft tanze man im Ausgang nebeneinander statt miteinander. Dem will das Berner Kollektiv «The Attic» entgegenwirken. (Foto: David Fürst)
