Kann der Gurten Vielfalt?

von Elisa Faes 19. Juli 2026

Diversität Gegenüber anderen Schweizer Festivals steht das Gurtenfestival punkto Diversität fast schon vorbildlich da – gerade im DJ-Line-up. Wir reden mit den FLINTA-DJs hinter den Decks und fragen beim Booking nach.

Fernab der grossen Headliner stehen die Dancetents des Gurtenfestivals: Soundgarden, Cosmodrome und Supermercado. Während vier Tagen werden hier 72 Sets gespielt – mehr als die Hälfte davon von FLINTA-Personen. BiPoC DJs sind über alle vier Tage vertreten und die Genres reichen einmal um den Globus – auch auf den übrigen Bühnen ist rund die Hälfte der Acts FLINTA. Damit nimmt das Gurtenfestival eine Vorreiterrolle unter den grösseren Schweizer Festivals ein. Ein Befund, der auch zeigt, wie tief die Latte in der Branche insgesamt liegt.

Eine Vorstudie der Universität Basel zeigte 2021, dass der Musikbereich zu den am wenigsten diversen Kultursparten der Schweiz gehört und Festivalprogramme nach wie vor stark männlich geprägt sind. Zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass der Weg noch lang ist: Am Openair Frauenfeld, dem grössten Hip-Hop-Festival Europas, stehen 2026 vier weibliche Acts insgesamt 42 männlichen Acts gegenüber – nicht einmal zehn Prozent.

Zwei Jahre zuvor, im Sommer 2024, buchte das Openair St. Gallen für das damalige Casa Bacardi – das renommierte Clubzelt des Festivals – ausschliesslich Männer. Es folgte ein öffentlicher Aufschrei. Unter dem Namen «Casa di Finta» veröffentlichten lokale FLINTA-DJs auf Instagram ein fiktives Line-up und zeigten damit, wie viele FLINTA-DJs es in der Ostschweiz tatsächlich gibt. Am Angebot kann es also kaum gelegen haben.

Wie sieht es am Güsche aus?

2019 übernahm ein neues Booking-Team am Gurtenfestival. Seither erreicht das Festival bereits zum fünften Mal in Folge einen FLINTA-Anteil von mindestens 50 Prozent. 2018 lag der Anteil noch bei 23 Prozent des gesamten Line-ups.

Hinter den Decks steht jeden Tag mindestens eine internationale DJ-Person. Am Mittwoch etwa Gia Fu aus Hongkong, Produzentin und DJ, bekannt für ihren Salsa-inspirierten Sound oder DJ Travella, der das rasante tansanische Genre Singeli auf den Gurten bringt. Daneben spielen lokale Grössen wie Saharaa, Zolya oder Larataqué und Newcomer*innen aus der Berner Szene.

Trilemma, sonst mit ETO unterwegs, spielte am Samstagabend ihr erstes Gurten-Set im Soundgarden. (Foto: Maël Erlenkamp)

Christoph «Biru» Haller, Head of Booking am Gurtenfestival, führt die Vielfalt im Line-up weniger auf einen Richtwert als auf die Nähe des Booking-Teams zur Clubkultur zurück: «Die DJs spielen am Gurtenfestival eine sehr grosse Rolle. In den Dancetents entstehen die Trends von morgen, die einige Jahre später vielleicht auch auf einer Haupt- oder Zeltbühne funktionieren.» Wer neue Sounds verfolge, finde fast automatisch auch zur Vielfalt, sagt Haller.

Es gehe auch darum, der lokalen Nachtkultur eine Plattform zu geben und Newcomerinnen zu fördern – etwa durch die Zusammenarbeit mit dem Verein Helvetiarockt, der sich für die Gleichstellung aller Geschlechter in der Musik einsetzt und der täglich den ersten Slot im Soundgarden kuratiert. Zusätzlich bekomme das Booking-Team Inputs vom eingespielten Host-Team der Tanzzelte, die selbst auch als DJs und Veranstalterinnen im Nachtleben aktiv seien.

In den Dancetents entstehen die Trends von morgen, die einige Jahre später vielleicht auch auf einer Haupt- oder Zeltbühne funktionieren.

Eine Checkliste mit Diversitätsmerkmalen abzuhaken, könne er sich als Booker kaum vorstellen. «Wir haben einen grossen Anspruch an Diversität, aber einen fixen Richtwert gibt es nicht. Dafür spielen beim Booking zu viele Variablen eine Rolle. Ich will Künstler*innen für ihre Musik buchen und nicht wegen eines Merkmals für eine Quote.» Er freue sich, dass FLINTA-Acts wie die queere Rapperin Young Miko oder Lorde heute auch ein neues Publikum anziehen. Vor einigen Jahren sei die heutige Durchmischung der Gäste noch kaum denkbar gewesen.

Doch ein diverses Line-up allein macht noch kein diverses Festival. Wie sich das Gurten tatsächlich anfühlt, erzählen die DJs selbst.

Auflegen ist Care-Arbeit

Bei allem Lob: Sexismus macht auch vor dem Gurten nicht Halt. Shubhangi Kansal – als DJ heisst sie «Kansi» – wohnt seit einem Jahr in Bern und erzählt, dass bei der Anreise zum Festival zuerst eine Männergruppe dachte, ihr männlicher Partner sei der DJ und sie bloss die Begleitung. Das Bild des weissen DJ-Dudes sei noch immer allgegenwärtig.

Kansal wuchs in Delhi auf und lebte acht Jahre in Leipzig, wo sie sich eine Community rund um Musik aufbaute. In Bern sucht sie diesen Ort noch – auch wenn sie ihre Liebe zum Radio inzwischen mit ihrer Sendung «sutr» bei Radio Bollwerk ausleben kann. Das Gurten-Set am Mittwochabend war ihre Bern-Premiere: «Es fühlt sich wie ein Ankommen in dieser Stadt an.»

Kansi spielte ihr Set im Cosmodrome, während Sean Paul die Hauptbühne einheizte. (Foto: Maël Erlenkamp)

Dass ihr Set parallel zum Konzert von Sean Paul stattfand, nimmt sie mit Humor: «Ich kann nun für immer sagen, dass ich gleichzeitig mit Sean Paul gespielt habe. Und trotzdem waren einige Menschen da zum Tanzen.» Ihr elektronischer Sound ist zu mindestens einem Fünftel von FLINTA-Personen und südasiatischen Künstler*innen produziert: «Das ist mir sehr wichtig.»

Es ist viel Care-Arbeit, einen Dancefloor aufzuwärmen, sodass sich die Leute wohlfühlen.

Kansi hebt die Offenheit des Gurten-Bookings hervor. Besonders freue sie sich, dass andere PoC FLINTA-DJs Primetime-Slots erhalten – etwa Nive vom südasiatischen Kollektiv SOORIYAN. Oft würden FLINTA-DJs lediglich die frühen Slots spielen, während cis-männliche DJs die Hauptzeiten übernähmen. Dabei werde gerade die Arbeit der Opener unterschätzt. «Es ist viel Care-Arbeit, einen Dancefloor aufzuwärmen, sodass die Leute wohlfühlen. Es ist eine Art zu sagen: Hey, kommt her, hier ist es sicher zu tanzen», sagt Kansi und lacht.

Das Gurtenfestival habe sie mit seinem Line-up positiv überrascht – auch wenn sie hier wohl «die grösste Anzahl von Männern mit freiem Oberkörper an einem Festival» gesehen habe. Und es gibt noch mehr Momente, die das Bild eines diversen Festivals trüben. Im Supermercado legt ein Mann Jule X auf und die Meute brüllt dreimal nacheinander «Dr DJ isch ä H****sohn». Andere Männer liefern auf Bühnen fragwürdig machoide Shows, benutzen objektifizierende Sprache – und werden dafür von den Shirtlosen vor der Bühne gefeiert.

Jasmina und Nabyla Serag geht es darum, mit der Musik einen Raum für Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu schaffen. (Foto: Maël Erlenkamp)

Es liegt in den Strukturen

Dass Bewusstsein für Diversität nicht beim Booking endet, beschäftigt auch Sirens of Lesbos. Die Berner Schwestern Jasmina und Nabyla Serag spielten mit ihrer Band letztes Jahr auf der Waldbühne. Am Freitag stehen sie im Soundgarden hinter den Decks – eines jener lokalen DJ-Sets, auf die sich die Szene besonders freute.

Für die beiden ist der Auftritt auf dem Gurtenfestival auch ein «Reality-Check». «Wir bewegen uns so stark in Bubbles und in einer spezifischen Subkultur – da kann man sich in diesem Setting schon ausgesetzt fühlen», erzählen sie mir vor dem Auftritt. Gerade Vorfälle wie die rassistischen Anfeindungen rund um die Spendenaktion des Café Revolution vor zwei Jahren würden dieses Gefühl verstärken (Journal B berichtete).

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Was es für sie bedeutet, am Gurtenfestival zu spielen, sei deshalb eine komplexe Frage. «Es hat so viel mit Identität zu tun. Damit, ob ich mich zuhause fühle in dieser Stadt.» Auch ihr Sound als DJs lässt sich nur schwer über Genres definieren. Es gehe vielmehr darum, mit der Musik einen Raum für Zugehörigkeit und Gemeinschaft zu schaffen. Nabyla nennt es «Pleasure» – Vergnügen. «Ich denke, dass Ausgang und Clubkultur eben nicht nur vom Sonntagmorgen wegnehmen, sondern vielen Menschen auch sehr viel geben können.»

Wenn über Diversität gesprochen werde, müsse man zuerst die Strukturen anschauen. Sie wünschen sich nicht nur vielfältige Bookings, sondern Vielfalt in der gesamten Organisation. Gleichzeitig geben sie dem Gurtenfestival auch Anerkennung: für den mit zwei FLINTA-Headlinerinnen kuratierten Donnerstagabend und für Bookings wie DJ Travella. So kämen unterschiedlichste Communities auf dem Gurten zusammen – und darin liege eine der grossen Stärken des Festivals.

Sonst stehen Sirens of Lesbos als Band auf der Bühne – dieses Jahr tanzte ein voller Soundgarden zum DJ Set. (Foto: Maël Erlenkamp)

Newcomer*innen sind gefragt

Für Trilemma, bekannt als die feste Tour-DJ der queerfeministischen Berner Rap Crew ETO, ist es das erste Set am Gurten. Die Anfrage kam viel schneller als gedacht und ausgerechnet während eines Spaziergangs auf dem Berner Hausberg – «Ich dachte, ich stehe frühestens in vier oder fünf Jahren hier oben als DJ. Es bedeutet mir sehr viel, weil ich in Bern aufgewachsen bin und schon seit meiner Kindheit ans Gurtenfestival gehe.» Es sei ein «Full Circle Moment» – ein Kreis, der sich schliesst – für Trilemma, die bürgerlich Emma Gerber heisst.

Ganz allgemein gab es in den letzten Jahren einige negative Erfahrungen als DJ, die sie auf ihr Geschlecht zurückführt. «Ich ging auch schon vergessen – plötzlich hörte ich kurz vor dem Gig einfach nichts mehr vom Booker, bekam keine Infos. Eine Entschädigung gab es nicht.» Das sei besonders ärgerlich, weil viel Arbeit dahinterstecke. Und oft genug hätte es sich bei Anfragen auch so angefühlt, als müssten die Organisatoren noch «kurz eine FLINTA-Person ins Line-up quetschen».

Ich dachte, ich stehe frühestens in vier oder fünf Jahren hier oben als DJ.

Emma Gerber besucht das Gurtenfestival von Kindesbeinen an. Als Newcomerin hier auflegen zu dürfen, ist was besonderes für sie. (Foto: Maël Erlenkamp)

Ihren Stil suche sie immer noch. Momentan lege sie gerne Baile Funk, Afrobeats und 2000er-Hits auf und spüre auch gerne spontan, was die Leute fühlen. Als Festivalkennerin merke sie, dass die Gurten-Line-ups zunehmend bewusst diverser gebucht werden. «Auch finde ich es super, dass Newcomer*innen unterstützt werden, da spüre ich viel Support vom Booking-Team.» Trotzdem gebe es Potential für ein noch diverseres Festival.

Das Gurtenfestival ist auf dem richtigen Weg, das zeigen nicht nur die Quoten im Line-up. Vom überarbeiteten Awareness-Konzept über FLINTA-Pissoirs bis zur Barrierefreiheit sind Bemühungen wahrnehmbar. Getan ist es damit aber noch nicht.