«Ich habe gemerkt, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin»

von Nicolas Eggen –7. Oktober 2026

Psychische Gesundheit Am Samstag findet die Mad Pride zum zweiten Mal in Bern statt. Schirmherr Martin Fankhauser spricht offen über Depression und Angsterkrankungen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Stigmatisierungen.

Eine Pride für Psychische Gesundheit: Die Mad Pride lehnt sich an den Geist der LGBTQ+-Pride an und setzt sich weltweit für mehr Sichtbarkeit, Akzeptanz und Inklusion von Menschen mit psychischen Erkrankungen ein. Sie will so Vorurteile und Stereotype abbauen, sensibilisieren und auch Mut machen, offen über psychische Gesundheit zu sprechen. Die erste Mad Pride in Bern fand vor vier Jahren statt (Journal B berichtete).

2022 fand die Mad Pride zum ersten mal in Bern statt, hier vor dem Bundeshaus. (Foto: Mad Pride)

Martin Fankhauser ist hauptberuflich im HR tätig, der diesjährige Schirmherr der Mad Pride in Bern und selbst auch von psychischen Problemen betroffen: Er hat eine Depression und eine Angsterkrankung. Seit acht Jahren kennt er die Diagnose, und seit Jahren spricht er als Experte aus Erfahrung auch öffentlich darüber.

Auf seinem Instagramkanal «ganzabnormal» hat er seiner Angst einen Namen gegeben: «Ich habe meine Angst Horst genannt», sagt Fankhauser.  In der Psychotherapie habe er gelernt, seine Ängste von aussen zu betrachten – als etwas Eigenständiges, also nichts, was wirklich zu ihm gehört, um dadurch mehr Distanz zu gewinnen. So sei er auf die Idee gekommen, der Angst einen Namen zu geben und wie es oft in Filmen, mit Teufelchen und Engelchen, dargestellt ist, ihr eine eigene Identität zu verleihen, gepaart mit einer Prise Humor. In einem der zahlreichen Posts beschreibt Fankhauser beispielsweise die Angst, die eine Erinnerungs-SMS des Zahnarzttermins bei ihm auslösen kann: Er befürchtet eine schlimme Diagnose und hohe Kosten, wodurch sich seine Gedanken bis hin zu Existenzängsten steigern.

Auf seinem Instagramkanal «ganzabnormal» geht Fankhauser humorvoll mit dem Thema um: hier mit Horst beim Zahnarzt. (Foto: Martin Fankhauser)

Oder er beschreibt die Reaktionen, die er im Alltag in Zusammenhang mit seinen psychischen Problemen erlebt: Zum Beispiel lösen die Aussagen «Ich gehe ins Gym» vs. «Ich gehe zum Psychotherapeuten» meist völlig unterschiedliche Reaktionen aus. Während man bei der ersten Aussage wohl Komplimente für die körperliche Ertüchtigung erhält, kommt bei der zweiten Aussage nur verlegenes Schweigen, obwohl man in beiden Fällen etwas für die Gesundheit tut. «Genau das ist eines der vielen Beispiele, warum es die Mad Pride braucht», erklärt Fankhauser.

Am Anfang habe ich mich dafür geschämt.

Auch an der ersten Mad Pride in Bern im Jahr 2022 war Fankhauser mit einem Fotoprojekt dabei, bei dem er Menschen mit psychischen Erkrankungen porträtierte. Die Idee dahinter: Betroffene stärken und gleichzeitig Vorurteile abbauen. Der offene Umgang mit seiner Erkrankung prägt auch seine Rolle als Schirmherr der diesjährigen Mad Pride. Für ihn sei die Anfrage des Vereins «sehr schön und wertschätzend» gewesen und sich öffentlich mit dem Thema psychische Gesundheit auseinanderzusetzen, findet er wichtig.

«Ich habe gemerkt, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin»
Dass Fankhauser so offen über seine psychischen Probleme spricht, war nicht immer so: Lange hatte er im privaten Umfeld wie auch im Beruf seine psychische Belastung maskiert. Wenn ihn jemand gefragt habe, wie es ihm gehe, habe er oft einfach gesagt: «Alles gut.» Im Berufsleben wollte er nicht als weniger belastbar gelten, im privaten Umfeld niemanden mit seinen Problemen belasten. «Am Anfang habe ich mich dafür geschämt», sagt er.

Heute spricht Fankhauser offen über seine psychische Gesundheit. Die Diagnose habe ihm auch geholfen, seine Erfahrungen und Gefühle einzuordnen: «Plötzlich habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Gefühlen nicht alleine bin», erzählt Fankhauser. Als er begonnen habe, darüber zu sprechen, stellte er fest, dass sich auch in seinem Umfeld Menschen mit psychischen Erkrankungen befanden. Zuvor hatte er davon nichts gewusst.

Reden hilft: im Austausch mit anderen merkte Fankhauser, dass er mit seinen Gefühlen nicht alleine ist. (Foto: David Fürst)

Jedem sein Rucksack

Das diesjährige Motto der Mad Pride in Bern lautet «JEDEM SEIN RUCKSACK». Der Rucksack steht dabei für das, was Menschen mit sich tragen: Erfahrungen, Ängste, Krisen und persönliche Geschichten.

Für Fankhauser ist das Bild auch persönlich wichtig. Die Diagnose sei zwar ein Teil seiner Geschichte, definiere ihn aber nicht vollständig. «Ich trage den Rucksack zwar mit mir, ich bin aber weit mehr als nur mein Rucksack», sagt er. Er findet es wichtig, dass eine psychische Erkrankung kein Stempel sei und eine betroffene Person solle auch nicht ständig nur darauf reduziert werden.

Dass psychische Erkrankungen gegen aussen häufig unsichtbar bleiben, hat Fankhauser selbst erlebt. Wenn ihm Bekannte während seiner Krankschreibung zufällig an einem Wochentag begegneten, fragten sie ihn, ob er in den Ferien sei. «Ein psychisches Leiden sieht man dir nicht direkt an, wie bei einem gebrochenen Bein mit Gips oder so», erklärt Fankhauser. Auch hier erntete er als Reaktion auf seine Erklärung häufig ein verlegenes Schweigen.

Selbststigmatisierung

Die Stigmatisierung komme allerdings nicht nur von aussen. Auch Betroffene selbst würden gesellschaftliche Vorstellungen verinnerlichen. Fankhauser kennt das aus eigener Erfahrung. Während seiner ersten Krankschreibung habe er geglaubt, mit einer Depression dürfe man eigentlich nicht ausfallen.

Er habe sich deshalb teilweise wie ein «Alien» gefühlt und sich zum Teil auch «selbststigmatisiert», erzählt Fankhauser: So habe er anfangs ein schlechtes Gewissen gehabt, sich auszuruhen und auf sich zu schauen, sich auch mal etwas zu gönnen, während seine Arbeitskolleg*innen seine Arbeit übernehmen mussten.

Heute kann Martin Fankhauser besser mit seinen psychischen Problemen umgehen. (Foto: David Fürst)

Fankhauser findet, dass psychische Erkrankungen für viele Menschen schwer greifbar seien. Er führt das unter anderem auch darauf zurück, dass Betroffene trotz Erkrankung oft noch lange funktionieren können. Er selbst habe noch lange weitergearbeitet, während sich seine Situation im privaten Leben zunehmend verschlechtert habe. Entscheidend sei deshalb auch die Frage, «zu welchem Preis» jemand funktioniere.

Die Offenheit, darüber zu sprechen, habe ihm mit der Zeit geholfen, besser mit seinen psychischen Problemen umzugehen. Und er hat auch gelernt, auf seine Gefühle zu hören: Er könne beispielsweise heute sagen, dass es ihm gerade nicht gut gehe oder dass er sich zurückziehen müsse.

Fankhauser möchte anderen Betroffenen mit seiner Offenheit Mut machen. Gleichzeitig müsse sich niemand gezwungen fühlen, seine psychische Erkrankung öffentlich zu machen, so wie er es tut. Manche Menschen würden nur mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin darüber sprechen, andere nur mit der Familie oder wenigen Freunden. Auch das sei legitim.

Niederschwellige Angebote als Ergänzung zur Therapie

Fankhauser geht bis heute in Therapie und hat dadurch verschiedene Strategien gelernt. Dank der Therapie sei er bezüglich seiner Angsterkrankung «ganz an einem anderen Ort» als anfangs nach der Diagnose, erzählt er. Der schwierige Zugang zu professioneller Hilfe und die langen Wartezeiten für Psychotherapie wurden vor einigen Jahren, während der Covid-Pandemie, auch vermehrt von den Medien aufgegriffen. Dennoch hat sich die Situation laut Fankhauser nicht gross verändert, es sei weiterhin schwierig, schnell an professionelle Hilfe zu kommen. «Aktuell kann das locker mal drei Monate oder länger gehen.»

Niederschwellige Angebote könnten hier laut Fankhauser eine wichtige Ergänzung sein. Er nennt etwa Selbsthilfegruppen oder auch das Recovery College in Bern. Diese ersetzten zwar keine professionelle Therapie, könnten aber Menschen auffangen und einen ersten Austausch ermöglichen.

Zahlen zeigen: Psychische Probleme sind gesellschaftliche Probleme

Die Zahlen der letzten Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2022 zeigen: In der Schweiz waren rund 18 Prozent der Bevölkerung mittel oder stark durch psychische Probleme beeinträchtigt. Zudem sei laut Schätzungen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) davon auszugehen, dass in der Schweiz 20 bis 40 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens einmal die Kriterien für eine Depression erfüllen werden, jede vierte Person einmal die Kriterien für eine Angststörung und jede sechste Person die Kriterien für eine substanzbedingte Störung. Umso erstaunlicher ist es, dass psychische Erkrankungen trotz ihrer grossen Verbreitung noch immer einem solchen gesellschaftlichen Tabu unterliegen und selten offen thematisiert werden.

Fankhauser sieht für die hohen Zahlen mehrere Gründe: «Auf der einen Seite ist es für mich klar, dass unsere Leistungsgesellschaft ein Grund ist», meint er. Allerdings glaubt er nicht, dass es «so viel mehr Menschen» mit psychischen Erkrankungen gibt als früher. Seine Vermutung: Früher sei das Thema kaum angesprochen und behandelt worden. Heute seien die Menschen und die Gesellschaft generell sensibilisierter und deshalb gäbe es wohl auch mehr Diagnosen.

In der Statistik tauchen Männer zudem seltener auf. Fankhauser vermutet dahinter keinen echten Unterschied: «Wahrscheinlich gibt es genau gleich viele Männer mit psychischen Erkrankungen.» Schuld sei das Rollenbild des starken Mannes, der keine Schwäche zeigen darf, erklärt Fankhauser. In die offiziellen Statistiken würden meist ohnehin nur die diagnostizierten Fälle einfliessen. Die Dunkelziffer dürfte deshalb wohl gross sein.

Die erste «Mad Pride» fand 2019 in Genf statt. Nach zwei Jahren coronabedingter Wartezeit konnte die zweite «Mad Pride» 2022 in Bern über die Bühne gehen. (Foto: Mad Pride)

Selbstbewusst hinstehen

Der Name Mad Pride ist eine bewusste Provokation: «Man kann mit diesem Ausdruck polarisieren, das ist uns bewusst», sagt Fankhauser. «Für mich steht er für eine gewisse Emanzipation. Ich kann selbstbewusst hinstehen und sagen: Ja, ich habe das.» Es gehe auch darum, sich den Begriff mad (verrückt) in einem gewissen Sinne anzueignen und ins Positive umzudeuten.

Er geht auch selbst ironisch damit um. «Ich sage halt auch so: Ich bin offiziell bisschen gestört, ich habe eine offizielle Diagnose.» Wenn man das könne, so schwer es auch sei, könne Humor helfen, etwas lockerer über das Thema zu sprechen und die damit verbundenen gesellschaftlichen Tabus einfacher aufzubrechen.

Ich kann selbstbewusst hinstehen und sagen: Ja, ich habe das.

Für Fankhauser liegt eine der Stärken der Mad Pride in der Begegnung. Für Betroffene sei der Anlass ein «Safe Space», sagt er: «Man kann sich austauschen, trifft auf verschiedene Organisationen und lernt im besten Fall jemanden kennen, der etwas Ähnliches erlebt.» Die Mad Pride sei neben dem Kampf gegen das Stigma also auch «ein Treffpunkt für Austausch und Vernetzung». Auch Nichtbetroffene lädt er ein, vorbeizuschauen, ins Gespräch zu kommen und Berührungsängste abzulegen.