Ferien im Quartier

von Nicolas Eggen & David Fürst 20. Juli 2026

Sommerserie: Bern macht Ferien Während die einen ans Meer fahren, verbringen andere den Sommer im eigenen Viertel. Im Wittigkofen-Quartier zeigt der Trägerverein für die offene Jugendarbeit der Stadt Bern (TOJ), wie Ferienfeeling auch ohne Reisen entstehen kann.

Donnerstag, erste Schulferienwoche, 30 Grad. Die Schulen sind leer und es kehrt Ruhe in die Quartiere ein. Auch das Wittigkofen-Quartier am östlichen Stadtrand liegt still in der Hitze, der Himmel ist blau, das Gras ausgetrocknet. Hinter den Hochhäusern Richtung Muri steht der Saalistock: ein altes Haus, in dem die offene Jugendarbeit (TOJ) einquartiert ist.

Der Treff ist so etwas wie ein zweites Wohnzimmer.

Im Garten steht ein langer, weiss gedeckter Tisch mit Gebäck, Käse, Orangensaft und Hummus. Drei junge Frauen decken mit, es riecht schon nach Kaffee und aufgeschnittenem Zopf. Jugendarbeiter Ilario Martina geht die Reihe entlang und erkundigt sich, wer ein Spiegelei möchte. «Gerne so, dass das Eigelb noch flüssig ist», sagt eine der jungen Frauen. Eine andere steht auf und macht sich lieber gleich selbst auf den Weg in die kleine Küche im ersten Stock. Sie will ihr Ei selber braten.

(Foto: David Fürst)
(Foto: David Fürst)

Die Sommerferien seien für Jugendliche jeweils eine bewegte Zeit: «neue Klasse, Lehre, Gymnasium, eine Zeit der Übergänge und Veränderung», erklärt Jugendarbeiter Ilario Martina später im Gespräch. Manche Familien könnten sich Ferien im In- oder Ausland leisten, andere nicht. Genau deshalb sei es dem TOJ wichtig, in dieser Zeit etwas zu bieten: Bowling, Rodeln auf dem Gurten, Brunch, Grillfeste, oder während der WM gemeinsames Fussballschauen bis spätabends. Für viele hier sei der Treff «so etwas wie ein zweites Wohnzimmer».

Aufwachen, TikTok, Fussball spielen und in die Stadt gehen

Wie genau ein Ferientag von Jugendlichen hier in Bern aussehen kann, erzählt eine Gruppe Schülerinnen am Tisch: Balqisa, Qamar, Nadia und Anna-Mae. «Aufwachen, TikTok schauen, Zähne putzen, wieder TikTok schauen, rausgehen und etwas essen». Am liebsten verbringen sie die Tage beim schönen Wetter draussen: beim Fussball, in der Badi oder in der Stadt.

Nach den Ferien wartet der Wechsel in die 8. oder 9. Klasse: Balqisa, Qamar, Nadia und Anna-Mae. (Foto: David Fürst)

In den Saalistock kommen sie regelmässig, immer wenn er offen ist – mittwochs und freitags. Was sie am Sommerprogramm besonders schätzen, ist die gemeinsame Zeit. «Wir können gemeinsam reden und etwas unternehmen», sagt eine von ihnen. Ein Ausflug mit dem TOJ auf den Gurten – rodeln, Glace essen und der Aussichtsturm – ist ihr dabei besonders in Erinnerung geblieben.

Auffällig an diesem Vormittag: Von neun Teilnehmenden sind alle weiblich – ungewöhnlich für die offene Jugendarbeit, wo sonst meist mehr junge Männer die Angebote nutzen. Ilario führt das auf gute Vorarbeit im Team zurück, auf genderspezifische und niederschwellige Angebote. Genauso entscheidend seien aber Zeitpunkt und Format: «Es ist eine Momentaufnahme, man weiss nie, wer das Angebot schliesslich nutzt», sagt er.

Einfach mal kurz chillen und nicht lernen müssen.

Was es von der Stadt bräuchte? Zuerst antworten die Schülerinnen mit einem Scherz: «Geld!» – dann die Relativierung: Eigentlich reiche «nur Spass». Mit den Jugendarbeiter*innen sei es einfacher, weil man nicht allein losziehen müsse: «Mit dem TOJ ist es einfach cooler, weil coole Leute dabei sind.»

Nach den Ferien wartet der Wechsel in die 8. oder 9. Klasse, und darauf freuen sie sich vor allem wegen der Kolleginnen und Kollegen. Ganz einig sind sie sich aber nicht, ob Ferien nur schön oder manchmal auch langweilig sind: «In den Ferien ist man oft am Handy. In der Schule hat man mehr Programm und Action.»

«Ich war noch nie im Sommer weg»

Während die Gruppe weiter am Tisch sitzt, erzählt Tinuke, eine junge Frau, die ebenfalls regelmässig im Saalistock ist, ihre eigene Version dieses Sommers. Ferien heissen für sie vor allem eins: «Einfach mal kurz chillen und nicht lernen müssen.» Weggefahren ist sie in den Sommerferien noch nie, die meisten ihrer Freundinnen aber schon. Oft habe sie einfach auf deren Rückkehr gewartet.

tinuke
Tinuke freut sich den Sommer ohne Gymer-Stress geniessen zu können, bevor sie im Herbst dann ihr Psychologiestudium beginnt. (Foto: David Fürst)

Dafür kennt sie die Seen der Region wie ihre Westentasche: Bielersee, Murtensee, Thunersee. Ihr Tag beginnt mit Ausschlafen, dann Haushalt, Mittagessen, und am Nachmittag geht es mit Freundinnen an einen der Seen. In der Aare geschwommen ist sie bis jetzt auch noch nie, wie sie sagt. Das wolle sie aber am kommenden Wochenende ändern.

Ihr ganz persönliches Sommer-Highlight: die frisch gemachte Autoprüfung. «Mega unabhängig» fühle sie sich jetzt, sagt sie. Sie freue sich, den Sommer ohne Gymer-Stress geniessen zu können, bevor im Herbst dann das Psychologiestudium beginnt.

«Ferienzeit macht sozioökonomische Unterschiede sichtbar»

Direkt auf die soziale Ungleichheit angesprochen, wird Jugendarbeiter Ilario Martina konkreter: «Gerade die Ferienzeit macht sozioökonomische Unterschiede sichtbar», erklärt der Jugendarbeiter: Etwa wenn jemand nach den Ferien vom gemieteten Einfamilienhaus am Strand erzähle, während andere fünf Wochen lang im Wittigkofen verbracht hätten. «Darum haben wir für zwei Wochen ein spezielles Ferienprogramm zusammengestellt. Von Montag bis Freitag gibt es jeden Tag ein Angebot, das Ferienfeeling vermitteln soll», erklärt Jugendarbeiter Ilario Martina.

Die Sommerferien seien für Jugendliche jeweils eine bewegte Zeit: «neue Klasse, Lehre, Gymnasium, eine Zeit der Übergänge und Veränderung», erklärt Jugendarbeiter Ilario Martina. (Foto: David Fürst)

«Am liebsten hätten wir natürlich unendlich viel Geld, Ressourcen und coole Leute zum Zusammenarbeiten», sagt Martina scherzhaft. Das Recht auf Ferien hätten zwar alle, die eigentliche Frage sei aber, was Ferien für wen bedeuten. Manche Jugendliche können Ausflüge in Bern unternehmen, andere haben aus unterschiedlichen Gründen auch diese Möglichkeit nicht. Ilario Martinas Wunsch sind mehr zugängliche, kostenlose Angebote über die gesamten Ferien hinweg: «Wie die Badis in der Stadt Bern gratis sind, sollten auch Ferienangebote gratis sein.»

(Foto: David Fürst)

Ohne das Angebot des TOJ würde vor allem eine Begegnungszone für die Jugendlichen fehlen, sagt er. Die offene Jugendarbeit biete ein offenes Ohr und Unterstützung. Die soziale Arbeit der Jugendarbeiter*innen reicht dabei weit über die Ferienzeit hinaus: Steuererklärungen, Bewerbungen, Bewerbungsgespräche üben, die erste eigene Wohnung finden, Beratung in Beziehungsfragen und mitunter auch Unterstützung, wenn Jugendliche in Konflikt mit der Polizei geraten. Viele dieser Gespräche entstehen dabei nicht in einem festen Setting, sondern spontan, «zwischen Tür und Angel», wie Martina erklärt.

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Einen gemeinsamen Brunch im Garten, eine Rodelbahnfahrt auf dem Gurten, ein gemeinsam geschautes Fussballspiel. Diese Momente sind zwar keine grossen Reisen, aber es ist ein Programm, das eine Pause vom Alltag erlaubt. Denn im Kern geht es beim Ferienmachen nicht nur ums Wegfahren, sondern um den Ausbruch aus dem Alltäglichen: Einmal etwas Aussergewöhnliches, etwas Spezielles tun, kurz abschalten und etwas anderes machen als sonst. Das lässt sich auch schaffen, ohne einen Koffer zu packen.