Die gesellschaftliche Vision von Steiner und von Bergen gründet auf Unternehmertum – wie dem eines Marc Lüthi. Sein Erfolgsmodell SCB sei das «Gegenprogramm zur satten Verwaltungsstadt». Es entbehrt nicht der Ironie, dass 2026 ebendieser Marc Lüthi seinen abrupten Rücktritt verkündet hat und der SCB bereits vor den Playoffs ausgeschieden ist. In ihrer aufgeräumten Welt der Grossprojekte haben soziale Themen keinen Platz. Abgehandelt werden sie als Probleme einer Banlieue im Aaretal, wo der Gemeindepräsident tamilischer Herkunft ist: Onlinesucht, Jugendgewalt, Jugendarbeitslosigkeit, Drogen, heruntergekommene Wohnviertel in Wichtrach.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Hier geht es zu Teil 1: Der Chancen-Kanton, der keiner sein will (1)
Viele kleine Schritte
So verstellen sich die Autoren 2012 selbst den Blick auf Entwicklungen der letzten Jahre im Sozial- und Kulturbereich. Bern hat als erste Stadt die Frühförderung in den Schulen eingeführt, welche die Familiensituation einbezieht. Es gibt das «Berner Modell» zur Berechnung der Kostenmiete, ebenso das «Berner Modell» in der Mitwirkung zwischen Stadtbehörden und Quartierorganisationen. Die Einführung von Tempo 30 auf Hauptstrassen in Köniz fand weit über die Region Beachtung. Der «Velosack» – die Möglichkeit, sich als Velo bei einem Rotlicht zuvorderst einzureihen – ist eine Berner Erfindung.
Nur solange eine Stadt und ihre Region – das gilt seit Jahrhunderten – genügend Freiraum haben, können sie ihre Aufgabe als Motor einlösen.
Der Progr und die Reitschule sind über die Landesgrenzen bekannt, ebenso das Kunstmuseum mit der souveränen Aufarbeitung der Gurlitt-Sammlung. Der True Story Award wird in Bern für hervorragende Reportagen aus der ganzen Welt vergeben. Gewiss entscheidet ein Velosack allein nicht über Lebensqualität. Doch es sind die vielen kleinen, gemessen an Grossanlagen beinahe unsichtbaren Elemente, welche zusammen das subjektive Lebensgefühl und damit messbar die Qualität prägen. In der Mercer Studie zur Lebensqualität, gemessen als dynamisches Zusammenspiel wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Faktoren, rangiert Bern in den Top Ten von weltweit 241 analysierten Städten.
Viele offene Fragen
Längst ist nicht alles gut im Kanton Bern, und Steiner/von Bergen haben unermüdlich auf kritische Punkte hingewiesen, etwa dass sich Kanton und Stadt immer wieder gegenseitig blockieren. Das ist weniger Ausdruck eines Stadt-Land-Grabens, als vielmehr gegensätzlicher politischer Mehrheiten in Stadt- und Grossrat, wie kürzlich Raphael Wyss schrieb. Nur solange eine Stadt und ihre Region – das gilt seit Jahrhunderten – genügend Freiraum haben, können sie ihre Aufgabe als Motor einlösen.
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Kein Thema ist in den Szenarien von 2012 die Landwirtschaft. Hier könnte es bis 2040 grossen Innovationsbedarf geben. Während etwa in Graubünden 2023 über 60 Prozent Bio-Landwirtschaftsbetriebe zählte, sind es im Kanton Bern gerade mal 15 Prozent. Fragen bezüglich Ernährungssystem, Pestizide, PFAS, Artenvielfalt und Trockenheit stellen sich immer dringlicher.
Ungelöste Probleme auf Bundesebene können die Entwicklung von Bern ebenfalls beeinflussen, etwa das unklare Verhältnis zu Europa, der starke Franken oder die Risiken des Finanzplatzes Schweiz.
Genossenschaften als Alternative
Ich hatte 2012 in meiner Kritik an den Szenarien von Steiner/von Bergen auf das Potential von Genossenschaften hingewiesen. «Programm eines SP-Politikers» wurde ich von ihnen belächelt. 2025 war UNO-Jahr der Genossenschaften. Weltweit 10 Prozent aller Arbeitsplätze sind genossenschaftlich organisiert. Die Schweiz hat über 8000 Genossenschaften und steht bezüglich deren Mitgliederzahlen und Arbeitsplätzen weltweit mit an der Spitze. Dazu der UNO-Generalsekretär: «Genossenschaften sind die Lösung für viele globale Herausforderungen unserer Zeit. Sie fördern regionales Unternehmertum, ermöglichen den Zugang zu Märkten und bekämpfen weltweit Armut und soziale Ausgrenzung.
Genossenschaften gestalten eine bessere Welt.» Dabei besteht auch hier durchaus Reformbedarf: Die letzte Rechtsreform von 1936 liegt bald 100 Jahre zurück und die Zahl der Genossenschaften in der Schweiz sinkt. Allerdings wird der Beitrag zum Bruttoinlandprodukt meist völlig unterschätzt. Allein die 20 grössten Genossenschaften machen gemäss Studien des Kompetenzzentrums für Genossenschaftsunternehmen 15 Prozent des Schweizer BIPs aus.
Ein Aushandlungsprozess über Fragen von Verteilung und Innovation mit der konservativen Mehrheit der ländlichen Gebiete steht an.
Auch bei kleineren und mittleren Genossenschaften nimmt der Umsatz in der Tendenz zu. Im Espace Mittelland finden sich ein Viertel aller Schweizer Genossenschaften – dieser Raum ist das Genossenschaftsland schlechthin und trägt mit Sicherheit auch zur resilienten Wirtschaft bei.
Zur Halbzeit 2026 wird deutlich, wie befremdlich die Visionen für 2040 waren, die Jürg Steiner und Stefan von Bergen in ihrer Serie in der Berner Zeitung von 2012 ausgebreitet haben. Das kann für Bern keine Orientierung sein. Vielmehr entwickelte sich in den letzten Jahren ein neues Selbstverständnis, getragen von den politischen Mehrheiten der Städte bis hinein in die Agglomerationen. Es wird von einem resilienten, wenn auch unspektakulären Wachstum begleitet.
Ein Aushandlungsprozess über Fragen von Verteilung und Innovation mit der konservativen Mehrheit der ländlichen Gebiete steht an. Bern ist ein Kanton der Chancen. Aber er ist sich dies zu wenig bewusst.
Wo steht Bern im Jahr 2026? Die Prognose aus der Vergangenheit steht in starkem Kontrast zur Realität, findet Autor Thomas Göttin. (Illustration: David Fürst)