Der Chancen-Kanton, der keiner sein will

von Thomas Göttin 25. Mai 2026

Serie Halbzeit Im Jahre 2012 wagten die beiden Journalisten Jürg Steiner und Stefan von Bergen in der Berner Zeitung einen Blick in Berns Zukunft im Jahre 2040. Die Halbzeit bietet Gelegenheit für eine Zwischenbilanz. Sie ist auch eine Bestandesaufnahme zum Befinden Berns im Jahre 2026.

Die beiden Journalisten Stefan von Bergen und Jürg Steiner beschrieben 2012 in der Berner Zeitung vier Szenarien für Bern im Jahr 2040. Sie publizierten ihre Visionen auch im Buch «Wie viel Bern braucht die Schweiz?», das im selben Jahr beim Stämpfli Verlag erschien.

Im Szenario «Boom kontrolliert» zeigten sie auf, «wie Bern in dreissig Jahren strukturelle und mentale Blockaden überwunden hat» und wie 2040 «der Kanton sein Wirtschaftswachstum in geordnete Bahnen lenken und sich kühn reformieren kann.» Die drei weiteren Szenarien «Krise frontal» oder «Krise gedämpft» und «Boom ungebremst» beschreiben die unerwünschten Alternativen.

Zukunftsentwürfe sagen ja, wie die Autoren selbst schreiben, vor allem etwas über die Gegenwart aus. Welchen Stellenwert hat also jene gesellschaftliche und politische Konstellation, welche für die Autoren 2012 als erfolgversprechend für die Zukunft galt, aus heutiger Sicht? 2026 ist Halbzeit: Gelegenheit für eine Zwischenbilanz.

Im Jahr 2012 sehen die beiden Journalisten den Weg in eine bessere Zukunft Berns vor allem über Grossprojekte: Das Grimselprojekt mit 300 Arbeitskräften besteht aus der neuen Staumauer, dreissig Windturbinen und einem riesigen Solarkraftwerk. Bern und die umliegenden Gemeinden haben fusioniert. Postfinance hat eine Banklizenz, Bern wird ein Bankenplatz. Eine unterirdische Tramlinie führt durch Bern. Die Globalisierung hat Bern gepackt: Das Dorf Gadmen wird von der chinesischen Reederei Cosco als Entwicklungshilfeprojekt übernommen.

Es ist das Bild einer angebotsorientierten, liberalen Wirtschaft, in welcher der Staat vor allem die Aufgabe hat, diese auch durchzusetzen.

Die Faszination für China schimmert auch in den anderen Szenarien durch: Das Konzert Theater Bern heisst nach dem neuen Geldgeber «Huawei Theater&Sound Berne». Drei chinesische Firmentürme von IT-Unternehmen und ein siebenstöckiger Asian Supermarket stehen im Liebefeld.

Es ist das Bild einer angebotsorientierten, liberalen Wirtschaft, in welcher der Staat vor allem die Aufgabe hat, diese auch durchzusetzen. Der kontrollierte Boom wird möglich dank FDP und GLP, die fusioniert haben und in Stadt und Kanton die politische Mehrheit bilden. Sie stellen mit Ursina Schwarz die Stadtpräsidentin – eine klare Spitze gegen die damalige, profilierte SP-Gemeinderätin Ursula Wyss.

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Welches Szenario trifft zu?

2026 zeigt sich: Nichts von dem ist unterwegs. Die meisten Grossprojekte werden wohl nie realisiert und nichts scheint weiter entfernt als der unbeirrte Glaube an China und die Globalisierung. «Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war», analysierte der kanadische Premierminister Mark Carney 2026 am Weltwirtschaftsforum in Davos klarsichtig: «Dass sich die Stärksten bei Bedarf davon ausnahmen, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Beschuldigten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde. Also […] nahmen wir an den Ritualen teil und vermieden es weitgehend, die Kluft zwischen Rhetorik und Wirklichkeit zu benennen.»

2026 sind auch das unterirdische Tram Gemeindefusionen, ebenso Waldstadt Bremer und Bypass Ost (aus dem Szenario «Boom unkontrolliert») passé. Das Kreditverbot der Postfinance besteht weiter. Der Grimsel-Ausbau wurde reduziert und mit Ausgleichsmassnahmen versehen. Mit der «Berner Methode» wurde dabei sogar ein innovatives Instrument zur Abwägung von Energie- und Umweltinteressen entwickelt.

Nichts scheint weiter entfernt als der unbeirrte Glaube an China und die Globalisierung.

Und doch befindet sich Bern keineswegs in einem der Krisenszenarien von 2012, wo Landgemeinden bankrott gehen und im Grossraum Bern die letzten Grünflächen gegen Widerstand der «ergrauten Grün-Allianz» und der Ökofundis überbaut werden.

Eine mehrheitsfähige FDP-GLP Koalition ist zur Halbzeit weder auf Kantons- noch auf Stadtebene in Sicht. Vielmehr tragen die links-grünen Parteien Dynamik in die Agglomeration. Aber vielleicht ist schon die Annahme falsch, dass nur eine FDP-GLP Koalition den Kanton weiter bringt.

Der Wirtschaftsraum Bern ist stärker als gedacht

Im Gegenteil weist der Wirtschaftsraum Bern gemäss einer Analyse des Center for Regional Economic Development von der Universität Bern 2025 das grösste Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf aus von allen Schweizer Wirtschaftsräumen. «Diese starke Stellung entspricht weder der Selbst- noch der Aussenwahrnehmung Berns», stellt der Leiter des Berner Wirtschaftsamtes Hansmartin Amrein fest. Gemäss dem Wirtschaftsmonitoring 2025 der Regionalkonferenz Bern-Mittelland weist Bern durch eine breit gefächerte Wirtschaftsstruktur 2025 eine hohe Resilienz aus, ist in Wachstumsbrachen gut positioniert und stark im Export von Pharmaprodukten. Baubewilligungen werden deutlich schneller als in Zürich ausgestellt.

Der Wirtschaftsraum lässt sich übrigens sehen: am 5. Juni 2026 findet die erste Berner Wirtschaftsnacht statt im Industriegebiet zwischen Bern und Ostermundigen.

Der Wirtschaftsraum Bern weist 2025 das grösste Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf aus von allen Schweizer Wirtschaftsräumen

Die gute Wirtschaftslage hat allerdings auch ihre Schattenseiten. So ist es für Menschen mit bescheidenem Einkommen schwierig, eine zahlbare Wohnung zu finden. 2025 standen so wenige Wohnungen leer wie seit 2013 nicht mehr, und die Schere bei Einkommen und Vermögen öffnet sich weiter. Bern macht hier keine Ausnahme.

In der aufgeräumten Welt von 2012 verstellen sich Steiner und von Bergen selber den Blick auf spannende Entwicklungen im sozialen und kulturellen Bereich: Frühförderung an den Schulen, Berner Modelle bei der Kostenmiete oder der Quartiermitwirkung, Progr und Reitschule, sind weniger spektakulär und sichtbar, aber weitherum bekannt und tragen viel zur Lebensqualität in Bern bei. Die Region Bern hat Zugkraft für die Bevölkerung des ganzen Kantons.

Es war am Wahlsonntag 2026 in einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen bezeichnenderweise die neugewählte Grüne Regierungsrätin Aline Trede, die den Ton setzte: «Ich habe jetzt so oft gehört, was in diesem Kanton alles schlecht sei – übrigens mehrheitlich von Bürgerlichen, die ja eine Mehrheit haben. Ich möchte aus Bern einen Chancen-Kanton machen.»

Genaueres dazu im nächsten Beitrag dieser Serie.