0,20 Quadratkilometer Welt

von Shukri Al Rayyan 5. August 2026

Durch mein Fenster Eine nächtliche Begegnung lässt unseren Kolumnist über identitäre Abschottung, extremes Gedankengut und den Weg zu mehr Toleranz nachdenken.

Ich schätze es, durch die Strassen von Burgdorf zu spazieren, besonders in tiefster Nacht. Die beinahe ausgestorbenen Strassen bieten gerade genug Einsamkeit und einen weiten Horizont, um einen freien, unbeschwerten Gedankenfluss auszulösen. Tatsächlich würde man auch zu normalen Zeiten – abgesehen von lokalen Festtagen – kaum mehr als zehn Menschen auf einer ganzen Strasse antreffen.

An einem dieser späten Abende, als ich in meine Strasse einbog, hörte ich zufällig ein Gespräch zwischen zwei jungen Männern Anfang zwanzig. Der eine sprach laut in die Leere der verlassenen Strasse hinein, seine Worte in syrischem Arabisch flogen deutlich durch die Nachtluft. Da fing ich einen schneidenden, zutiefst verletzenden Satz auf, den er aussprach, während er versuchte, seinen Begleiter von seiner Weltanschauung zu überzeugen:

«Du kannst nicht leugnen, dass eine Frau, die sich weigert, den Hidschab zu tragen, nichts anderes als ein Biest ist, ein Dummkopf!»

Diese Worte stellen eine tiefe Beleidigung für alle Frauen dar, insbesondere für jene muslimischen Frauen, die sich dafür entscheiden, keinen Hidschab zu tragen – darunter meine Frau, meine Schwiegertochter, meine Schwester, meine Nichten und viele meiner Verwandten.

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Die Äusserung des jungen Mannes spiegelte eine strenge Identitätsregression wider, die weitaus näher am dogmatischen Extremismus liegt als an einem blossen Schutzreflex. Ein Abwehrreflex, sofern er andere nicht herabwürdigt, könnte als natürliche Reaktion auf eine Realität verstanden werden, die zu komplex ist, um sie zu begreifen, geschweige denn mit ihr zu koexistieren. Ich meine damit die neue Realität, in der sich dieser junge Mann und seine Gleichaltrigen gefangen sahen: als Geflüchtete in einem fremden Land, ohne Vorwarnung entwurzelt, auf der Flucht vor dem sicheren Tod, der sie in ihrer Heimat verfolgt hatte.

Ich glaube, dieser junge Mann lebt seit mindestens fünf oder sechs Jahren in der Schweiz; seither ist er mein Nachbar. Das bedeutet, dass er bei seiner Ankunft kaum fünfzehn Jahre alt war. Die Institutionen der Aufnahmegesellschaft – Schulen, Integrationsprogramme und Arbeitsplätze – hätten gemeinsam mit seiner Familie dazu beitragen sollen, sein Weltbild neu zu formen. Sie hätten ihm eine grundlegende Wahrheit vermitteln sollen: Man bewohnt diesen Planeten nicht allein. Es gibt andere Kulturen, Religionen und Identitäten, und die Menschheit kann nur dann zusammenleben, wenn gegenseitiger Respekt für diese Vielfalt herrscht, selbst innerhalb desselben Glaubens.

Doch nach der kategorischen Äusserung meines Nachbarn zu urteilen, ist dies nicht geschehen. Oder vielleicht haben diese Integrationsmechanismen versagt.

Letztendlich ist identitäre Abschottung nicht auf eine einzige Kultur beschränkt. Überall in Europa sind politische Parteien in die Parlamente eingezogen, die genau diese Denkweise offen vertr

Natürlich leugne ich nicht die zentrale Rolle der Familie. Wir haben jedoch keine Hinweise darauf, dass seine Familie – oder irgendeine andere – ihre Kinder bewusst so erzieht, dass sie diejenigen, die anders sind, als blosse Bestien betrachten. Wir haben Fälle von Radikalisierung erlebt, in denen Jugendliche die Grenze zum offenen Terrorismus überschritten haben und ihre Familien einen unerträglichen Preis für Entscheidungen zahlen mussten, von denen sie niemals gewollt hatten, dass ihre Kinder sie treffen.

Letztendlich ist identitäre Abschottung nicht auf eine einzige Kultur beschränkt. Überall in Europa sind politische Parteien in die Parlamente eingezogen, die genau diese Denkweise offen vertreten. Folglich können wir uns der Realität nicht entziehen, dass die Institutionen des säkularen Staates – der sich stolz als «Festung der Vielfalt und Offenheit» bezeichnet – auf beiden Fronten einen spürbaren Rückschlag erlitten haben. Dieses Versagen liegt nicht allein bei meinem jungen Nachbarn, sondern auch bei seinen europäischen Altersgenossen, die dieselben Schulen besuchten und als Bürger, nicht als Geflüchtete, dieselben sozialen Systeme durchliefen.

Extremistische Ideologien sind uns in Syrien auf tragische Weise nur allzu vertraut. Die Syrer litten unter den abscheulichsten Formen des Fanatismus während der brutalen Herrschaft des IS, der allen die von den Anhängern dieses gewalttätigen Wahnsinns als anders angesehen wurden, qualvolle Folter zufügte – Sunniten, Kurden, Schiiten und Christen gleichermassen. Ironischerweise waren die eifrigsten und sadistischsten dieser IS-«Emiren» diejenigen, die aus Europa stammten. Dort geboren und aufgewachsen, an westlichen Schulen ausgebildet, kamen sie irgendwie zum Schluss, dass jeder, der nicht ihrer Meinung war, systematisch ausgelöscht werden müsse.

Damit dieser Vorwurf nicht allein gegen Muslime erhoben wird, müssen wir an Anders Breivik in Norwegen (2011) und an Brenton Tarrant in Neuseeland (2019) erinnern. Beide ermordeten Unschuldige aus Protest gegen das, was sie als «Islamisierung» ihrer Gesellschaften bezeichneten. Was sie mit den europäischen «Emiren» des IS verbindet, ist, dass auch sie im Herzen der westlichen Nationen aufgewachsen sind.

Was wir in unserer Nachbarschaft erleben, ist ein Mikrokosmos der Welt, und dieser wird nicht ausschliesslich von Engeln bevölkert.

Jede Kultur und Religion birgt den Keim des Extremismus als letzte psychologische Festung gegen wahrgenommene existenzielle Bedrohungen in sich. Aber ist die Welt heute so eng geworden, dass kulturelle Eigenheiten, dass das Besondere keinen Platz mehr hat? Wir leben so dicht beieinander, dass in einem Stadtteil wie Gyrischachen in Burgdorf, der sich über lediglich 0,20 Quadratkilometer erstreckt, 50 verschiedene Sprachen gleichzeitig gesprochen werden.

Was wir in unserer Nachbarschaft erleben, ist ein Mikrokosmos der Welt, und dieser wird nicht ausschliesslich von Engeln bevölkert. Dazu gehören Menschen, die mit vielfältigen Krisen zu kämpfen haben, was sich in Abwehrreaktionen äussert, wenn sie das Gefühl haben, ihre Identität werde inmitten der Menschenmenge bedroht. Das beschränkt sich nicht nur auf meinen jungen Nachbarn. Es gibt auch andere, die insgeheim Anstoss daran nehmen, wenn in der Nachbarschaft Fremdsprachen gesprochen werden, und die ihre Ablehnung in verlassenen Strassen flüstern, wo sie davon ausgehen, dass niemand sie versteht.

Fassungslos über die Äusserung meines Nachbarn hielt ich einen Moment inne, bevor ich ins Haus ging. Ich machte mir Gedanken darüber, wie viel Glück ich gehabt hatte, dass ich nicht in die entgegengesetzte Richtung gegangen war und direkt an den beiden vorbeigekommen wäre, gerade, als er seine verbale Bombe platzen liess. Es wäre zu einer Konfrontation gekommen, und Konfrontation ist niemals die Lösung.

Der bessere Weg, so wurde mir klar, wäre es, mit ihm in einen sanften, rationalen Dialog zu treten. Ihm helfen zu verstehen, dass seine Worte eine inakzeptable Beleidigung für Millionen von Frauen sind.

Nur eines weiss ich aber mit Gewissheit: Als ich in seinem Alter war, habe ich genau dasselbe gesagt.

Und vielleicht, wenn die Zeit es erlaubt hätte, hätte ich ihm gesagt, dass er, wenn er sich nur die Chance geben würde, zu einer Schlussfolgerung gelangen könnte, die seiner derzeitigen Haltung völlig entgegengesetzt ist. Nur eines weiss ich aber mit Gewissheit: Als ich in seinem Alter war, habe ich genau dasselbe gesagt.

Wenn wir uns mit Themen von solch gefährlicher Tragweite befassen, müssen wir, bevor wir mit dem Finger auf gescheiterte Integrationsprogramme zeigen oder einer bestimmten Kultur, Identität oder Religion die Schuld geben, zunächst in uns selbst als Individuen blicken. Die Lösung – wenn wir uns wirklich wünschen, dass sie dauerhaft und heilend ist – beginnt genau hier.