Revolutionärin, Horror, Ehemänner

von Lea Schlenker 29. April 2026

Lea liest Lea Schlenker stellt monatlich drei ihrer Lieblingsbücher vor. Im April gibt es zwei Bände mit Kurzgeschichten: einmal mit Horror und einmal die Geschichte von Männern, aus der Perspektive verschiedener Frauen erzählt. Ausserdem bringt Lea die Briefe einer feministischen Revolutionärin mit, die sich in Bern über die Sprache nervte.

«Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht», Michelle Steinbeck & Marina Galli

Es gibt Frauen, von denen hört man während des Lebens irgendwann so durch Zufall, dass sie existieren oder existiert haben. Das können Autorinnen, Filmemacherinnen, Malerinnen oder Musikerinnen sein. Dann fragt man sich, wieso man nur so lange nichts von deren Existenz gewusst hat. Wie wir alle wissen, hat das strukturelle Gründe. Umso grösser der Frust, aber auch die Freude, wenn es dann doch mal klappt. So eine Frau ist für mich Anna Kuliscioff.

Die Briefe ermöglichen einen Einblick in das Leben und die Gedanken einer klugen und kämpferischen Frau

Kuliscioff war eine feministische Revolutionärin, die mehrheitlich in Italien lebte. Sie studierte als eine der ersten Frauen Medizin in Russland und war die zweite Frau, die an der ETH in Zürich studierte. 1882 zieht sie für die saubere Luft nach Bern, wo sie sich über die Sprache nervt. Ich lernte sie nun in den letzten Monaten dank Michelle Steinbeck und Marina Galli kennen. Die beiden Autorinnen haben Kuliscioffs Briefe zum ersten Mal vom Italienischen ins Deutsche übersetzt. Das Buch «Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht. Liebesbriefe einer Revolutionärin» ist kürzlich im Paranoia City Verlag erschienen. Die Briefe ermöglichen einen Einblick in das Leben und die Gedanken einer klugen und kämpferischen Frau, die sich mit Mutterschaft, Liebe, Politik und Ungerechtigkeiten auseinandersetzt.

«Grelles Licht für darke Leute», Mariana Enriquez

Eine weitere Frau, die ich zu meinem Erfreuen schon seit längerem lese, ist Mariana Enriquez. Ich liebe ihre Kurzgeschichten und zähle sie zu einer meiner Lieblingsautorinnen. Ich kenne keine Autorin, die es so gekonnt schafft, den Horror des alltäglichen Lebens mit dem Horror des Übernatürlichen zu verbinden. Vor ein paar Monaten ist die deutsche Übersetzung ihres neusten Kurzgeschichtenbandes erschienen. Das Buch heisst «Grelles Licht für darke Leute» und hält, was der Titel verspricht. Dort kommen die Geister vor, die Opfer der Gräueltaten des argentinischen Militärs wurden. Verfluchte Vintage Kleidung, die die Trägerinnen so verletzt, wie der ehemalige Besitzer gerne seine Ehefrau verletzt hätte. Irgendwo habe ich gelesen, ihre Stories seien brutal, und sie seien lebendig. Das trifft es meiner Meinung nach perfekt.

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«Mein Mann», Rumena Bužarovska

Weil ich gerade so in der Stimmung dafür bin, gibt es als dritten Buchtipp diesen Monat noch einmal Kurzgeschichten. Eine liebe Bühnenkollegin hat mir nämlich nach einem gemeinsamen Auftritt das Buch «Mein Mann» der in Skopje geborenen Autorin Rumena Bužarovska empfohlen. In diesem Buch geht es – wenig überraschend – um die Geschichte von Männern, aus der Perspektive verschiedener Frauen erzählt. Häufig sind diese in dysfunktionalen Beziehungen mit schlechten Dichtern, hochmütigen Gynäkologen oder miserablen Malern gefangen. Manchmal wirken die Männer bedrohlich und gefährlich, manchmal schlicht einfach nur lächerlich und grosskotzig. Der Unterhaltungswert ist auf jeden Fall aber gross.