Fabio hört: Pharago

von Fabio Lang 18. Mai 2026

Soundcheck Sie ist noch ein Geheimtipp, hat aber eine unverwechselbare Stimme: Pharago. Als Opening Act für die Fischermätteli Hood Gäng in der Mühle Hunziken zeigte sie kürzlich, warum. Unser Kolumnist hat sie vor dem Konzert getroffen.

Pharago ist in der Schweizer Musikszene noch immer eher Geheimtipp als grosser Name. Wer sich aber ein bisschen in der Berner Musikbubble bewegt, dürfte ihr schon begegnet sein. Persönlich ist mir Pharago zum ersten Mal als Feature auf «Summer Beach» der Fischermätteli Hood Gäng aufgefallen. Vor allem wegen ihrer Stimme, die etwas sehr Eigenes hat: kräftig, rauchig und kratzig, gleichzeitig aber auch weich und verletzlich. In den ruhigeren Momenten schafft sie es, dass Songs nicht einfach nur gehört, sondern richtig gespürt werden.

Ende April spielte Pharago gemeinsam mit ihrem Bandprojekt Furaha Juice das Opening für die Fischermätteli Hood Gäng in der ausverkauften Mühle Hunziken. Eine eher ungewöhnliche Kombination: Funk, Jazz und melancholischer Pop als Voract für ein Rap-Konzert. Genau das machte den Abend aber spannend.

Die «Mühli» war bereits gut gefüllt, als Furaha Juice die Bühne betrat. Das Publikum brauchte nicht lange, um sich auf das Set einzulassen. Von funkigen Grooves über jazzige Parts bis hin zu ruhigen Pianomomenten war alles dabei, zum Schluss wurde es sogar noch kurz rockig.

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Was aber vom ersten Song an auffiel: Pharago gehört auf die Bühne. Nicht im Sinn von grossen Gesten oder perfekter Showperformance, sondern weil sie sich dort sichtbar wohlfühlt. Dies merke ich währenddem ersten Song und kurz danach, als sie die Band vorstellt. Cool und gelassen steht sie auf der Bühne. Sie wirkt nie gespielt oder überinszeniert. Eher so, als würde sie einfach komplett in der Musik aufgehen.

(Foto: Amélie Salomon)

Vor dem Konzert sitzen Pharago und ich gemeinsam draussen vor der Mühle Hunziken in der Abendsonne. Die Anspannung vor dem Konzert ist ihr nicht anzumerken. Trotzdem verrät sie mir, dass sie nervöser als sonst sei. «Normalerweise bin ich selten nervös vor Konzerten. Aber heute war es anders.»

Schon Tage vorher habe sie schlecht geschlafen. Vor allem, weil sie nicht wusste, wie ihre Musik bei einem klassischen Rap-Publikum ankommen würde. «Ich mache ja eigentlich überhaupt nicht die Musik, die die Fischermätteli Hood Gäng macht.» Vielleicht bedeutete ihr die Anfrage genau deshalb so viel. Vor über einem Jahr wurde sie für die Show angefragt. Dass eine so etablierte Crew bewusst auch kleineren Artists eine Bühne gebe, schätze sie sehr.

Sie wirkt nie gespielt oder überinszeniert. Eher so, als würde sie einfach komplett in der Musik aufgehen. 

Trotz Nervosität hatte ich während dem Konzert nie das Gefühl, dass Pharago unsicher wäre. Im Gegenteil. Gerade ihr ruhiger und melancholischer Song funktionierte überraschend gut in diesem Setting. Vielleicht auch, weil sie nie versucht hat, sich dem Publikum anzupassen.

Dass Pharago dabei so authentisch wirkt, scheint kein Zufall zu sein. Gerade in ihrer eigenen Musik legt sie grossen Wert darauf, ehrlich zu bleiben und Emotionen möglichst ungefiltert festzuhalten. Trotzdem entwickelt sich ihr Zugang zur Musik ständig weiter. Nach eineinhalb Jahren an der Jazzschule in Bern studiert Pharago mittlerweile Pop Vocals, ein Begriff der sie breiter sieht als andere. «Viele denken bei Pop direkt an Radiomusik. Dabei machen bei uns Leute Indie, Funk oder Rock.»

(Foto: Amélie Salomon)

Das Studium habe ihren Zugang zur Musik stark verändert. Sie denke heute mehr über Songwriting, Harmonien oder Spannungen nach als noch vor ein paar Jahren.
Trotzdem existiert bisher erst ein veröffentlichter Solosong, «Safe Place», von ihr. Nicht etwa, weil keine Musik da wäre. Im Gegenteil. «Ich habe ein ganzes Buch voller fertiger Texte zuhause.»

Das Problem sei eher alles rundherum: Musik aufnehmen koste Geld, Zeit und Organisation. Fördergelder beantragen, Studios finden, Songs produzieren… Vieles davon lasse sich momentan nur schwer mit ihrem intensiven Studium vereinbaren.
Darum liegt der Fokus aktuell stärker auf Furaha Juice. Dort sei es eingespielter und weniger organisatorisch belastend. Die Songs entstehen gemeinschaftlich, oft bringt der Pianist erste Ideen mit, die dann zusammen weiterentwickelt werden.

Ich habe ein ganzes Buch voller fertiger Texte zuhause.

Auch musikalisch unterscheidet sich die Band stark von ihrem Soloprojekt «Pharago». «Mit Furaha Juice ist alles viel instrumentallastiger. Meine eigene Musik lebt von meinen Texten, die mein emotionales Ventil sind. Musik ist meine Art, Emotionen in Worte zu fassen.»

Pharago mit ihrem Bandprojekt «Furaha Juice»: vlnr. Michael Lin, Pharago, Andrin Salomon, Mischa N’cho, Toma Fabiola (Foto: Amélie Salomon)

Gerade dort könne sie Gefühle und Gedanken am direktesten verarbeiten.
Was sie lieber mache — solo oder mit Band — könne sie trotzdem nicht wirklich beantworten. Mit der Band zu proben mache unglaublich Spass, sagt sie. Gleichzeitig könne sie als Solokünstlerin Gefühle noch direkter transportieren.

Vor Konzerten werde sie meistens komplett unproduktiv. Auch am Tag des Konzerts in der «Mühli» sei das nicht anders gewesen. «Ich habe ausgeschlafen, mein Bad geputzt und mit Freund:innen abgemacht. Ich hasse es, an Konzerttagen zu warten.» Sie lacht kurz, fast so, als könne sie ihre eigene Nervosität im Nachhinein nicht mehr ganz ernst nehmen. Dass davon auf der Bühne kaum etwas zu spüren war, machte den Auftritt umso stärker. Vielleicht gerade deshalb blieb Pharago an diesem Abend länger hängen als viele lautere Acts.