Fabio hört: Lo & Leduc «Krise als Chanson»

von Fabio Lang 27. März 2026

Soundcheck Lo & Leduc bewegen sich auf «Krise als Chanson» zwischen Liedermacher-Tradition und Gegenwartspolitik. Mal verträumt, mal messerscharf, und näher an Mani Matter und Reinhard Mey als erwartet.

Punktiert, präzise und doch voller Überraschungen: Lo & Leducs Album ist eine Ode an die grossen Liedermacher*innen und Chansoniers. Ein Zurück zu den Wurzeln und gleichzeitig ein neuer Abschnitt. Zwischen Mani Matter und Reinhard Mey, auch sprachlich, und doch mit so vielen typischen Lo & Leduc-Einflüssen.

Das Album klingt wie ein Best-of von Lo & Leduc. Es bietet von alledem, was die beiden ausmacht, Etwas: Songs für die Radiorotation mit Hitpotenzial, Wortspiele, wie sie nur wenige in der Schweizer Musiklandschaft beherrschen, verträumte Tracks, starkes Storytelling und eine Featureliste, die sich sehen lassen kann. Badnaiy, Pronto und To Athena sind mit dabei.

Badnaiy bringt Feuer! Und zwar nicht zu knapp. Mit einem starken Part zeigt sie, warum sie auf diesem Album ist: «Teil gö i ds Solarium, la mi vor Badnaiy la verbrönne am ne Fritti Abe.» Pronto liefert eine verträumte Hook und einen stabilen Part auf «SOLA», der wie ich finde, durchaus Sommerhit-Potenzial hat. To Athena macht auf «ALTPAPIER» den Abschluss. Ihr Beitrag: eine sensationelle Pre-Hook und ein genauso toller Refrain.

Krise als Chanson, passender könnte ein Albumtitel im Jahr 2026 kaum sein. Irgendwo zwischen einer Welt, die von Kapitalinteressen und Imperialisten gegen die Wand gefahren wird, liefern Lo & Leduc den passenden Soundtrack, um der Realität zumindest kurz zu entfliehen. Mal verträumt, mal eloquent, mal gnadenlos direkt.

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(Foto: David Fürst)

Lo & Leduc positionieren sich politisch klar links: gegen Wehrpflicht, für die Enteignung des obersten Prozents und mit deutlichen Hinweisen auf die Klimakrise. «Chinder frage: Was isch Winter?»

Meine zwei heimlichen Favoriten sind «SILIKON» und «LIFT ME UP».

«SILIKON» ist eine eigenwillige, poppige und gleichzeitig urbane Produktion, kombiniert mit träumerischen Parts und einem eingängigen Refrain. «Das sy keni Stärne, Baby, all of the lights sy Satellites» fast schon ironisch schön, wie Lo & Leduc sich über den Müll lustig machen, den wir in die Stratosphäre schiessen.

«LIFT ME UP» zeigt vor allem eines: wie stark Lo als Rapper und Texter ist. Seit längerer Zeit wird den beiden immer wieder die Daseinsberechtigung im Rap abgesprochen, hier liefert Lo den Gegenbeweis. Der Refrain ist simpel, eingängig, catchy – typisch Leduc, der in der zweiten Strophe den Song nochmals mit seinem ganz eigenen Stil aufwertet.

Ire Fabrik näbe Züri boue sie Waffe u verchoufe se a alli, wo fest chöi verspräche, dass sie se nie bruche

Es gibt aber einen Elefanten im Raum, über den wir sprechen müssen. Zwei Songs sind auf Deutsch, «WIE ES IST» und «ALLES UMSONST». Warum machen Lo & Leduc das?

Für viele dürfte es ein Schock sein – zumindest liegt diese Vermutung nahe. Ob das bewusst provoziert ist oder einfach ein Ausprobieren, bleibt offen. Denkbar ist auch, dass Lo & Leduc hier ihre Fühler Richtung Deutschland und Österreich ausstrecken.
Ich persönlich bleibe zwiegespalten: Der Schritt ist nachvollziehbar, gerade inhaltlich. Gleichzeitig hätte ich mir an dieser Stelle lieber zwei weitere Mundart-Songs gewünscht – und die hochdeutschen Tracks eher als einzelne Releases gesehen.

Inhaltlich ergibt der Schritt dennoch Sinn: Beide Songs greifen Themen auf, die derzeit in den Nachbarländern intensiv diskutiert werden, Wehrpflicht und Mobilmachung. Gerade in Deutschland wird aktuell kaum etwas so heiss verhandelt.

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(Foto: David Fürst)

Den stärksten Antikriegs-Song liefern Lo & Leduc allerdings auf Mundart: «LOYALTY / MANY MEN».

Dieser Track war die erste Singleauskopplung von «Krise als Chanson» und fand besonders in linken und rapaffinen Kreisen grossen Anklang. Mit «U mir shoote, shoote, shoote immer nur in the Name of Love» vehandeln die beiden metaphorisch die westliche Machtpolitik, einer der Gründe für die aktuellen globalen Krisen.

Das Besondere: Der Song ist als Doppelsingle aufgebaut. Zuerst «LOYALTY», dann «MANY MEN». Musikalisch bewegt sich das zwischen Rap und Chanson.

Jeder Track bringt etwas Eigenes mit, sei es Tiefgang, Gesellschaftskritik, starke Melodien oder einfach wieder mehr Rap

Auch die Schweiz bekommt ihr Fett weg: «Ire Fabrik näbe Züri boue sie Waffe u verchoufe se a alli, wo fest chöi verspräche, dass sie se nie bruche.» Poetisch, pointiert und unangenehm treffend.

Spätestens bei «mini Ching schicki ni i Chrieg» wird klar: Die Parallele zu Reinhard Mey ist kein Zufall. Sein «Nein, meine Söhne geb’ ich nicht» behandelte bereits 1986 dieselbe Thematik. Was beide eint: eine klar pazifistische Haltung.

Jetzt haben wir also 15 neue Lo & Leduc Songs. Zwei davon: «SILIKON» und «SOLA feat. Pronto» werden meiner Meinung nach in der ganzen Schweiz in Rotation laufen, letzterer mit echtem Sommerhit-Potenzial für 2026.

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(Foto: David Fürst)

Zwei weitere klammere ich aus, die erwähnten hochdeutschen Songs. Der Rest ist aber alles andere als Füllmaterial. Jeder Track bringt etwas Eigenes mit, sei es Tiefgang, Gesellschaftskritik, starke Melodien oder einfach wieder mehr Rap.

Beim letzten Track «FASS» mache ich es anders als Lo & Leduc: Ich schliesse es, sie öffnen es. «Wär het itz das Fass ufgmacht? Das wär doch itz e guete Schluss gsy.» Was bleibt: ein überraschender Beat-Switch, eine ironische Brechung und dann, Ende.

Bevor ich aber ganz zumache, noch ein letztes Fass für die Text-Nerds: Hört euch Leducs Strophe auf «SAFE feat. Badnaiy» an. Wie hier Krankenkassennamen aufgezählt werden und wie perfekt der Flow sitzt! «Agrisano, Sanagate, Arcosana, Atupri, Aquilana, Sanitas, Supra, Swica, Sympany.» Noch ein kleiner Tipp, Lo macht nach Badnaiys Gastauftritt dasselbe.

Fass zu. Krise als Chanson zu.