Fabio hört: Fischermätteli Hood Gäng, PVP – Us üs wird nüt

von Fabio Lang 16. April 2026

Soundcheck Lange war es nur ein Gerücht, nun ist es da: Das Collabo-Album von FHG und PVP. Ein Projekt, das jedem der acht Rapper und seinen Stärken gerecht wird, findet unser Kolumnist.

Nehmen wir acht der charakteristischsten Rapper der Schweiz und packen sie auf ein Album, passiert meist das Gleiche: zu viele Stimmen, Qualitätsunterschiede, Songs, die zu lange dauern. Bei FHG PVP passiert genau das nicht. Sie halten die Sache zusammen. Kurze Parts, nicht auf jedem Track sind alle vertreten. Es wirkt kontrolliert, fast schon beiläufig. Genauso, wie man sich ein solches Projekt erhofft. Fans beider Crews kommen auf ihre Kosten: Das Album ist politisch, poetisch, ironisch, ehrlich. Gut gerappt, sauber produziert. Oder wie sie selbst sagen: «PVP FHG – politisch bis random».

Die Verbindung zwischen den Mitgliedern von FHG & PVP ist keine neue: 2015 taucht Migo auf Greis’ «Hünd i parkierte Outos» auf, 2018 ist PVP auf «Chlini Rebellion» von Pit und Iroas zu hören. Dann passiert lange nichts. Bis kurz nach Weihnachten im letzten Jahr: Als erste Album-Single veröffentlichen die beiden Crews «Chum nume».  Gut Zehn Jahre nach den ersten Berührungspunkten steht plötzlich ein gemeinsames Album: «Us üs wird nüt».

Über dieses Album wurde in Bern schon lange gemunkelt. Dass es jetzt tatsächlich erscheint, grenzt fast an ein Wunder. Acht Rapper zu koordinieren und aufzunehmen, ist eine grosse Aufgabe. Eine, die sich gelohnt hat.
Vier Jahre nach dem Projektstart liegt ein Album vor, das genau weiss, was es sein will. Schon der Titel setzt den Ton: «Us üs wird nüt». Wird aus dem Projekt nichts? Aus den Crews? Aus allen acht? Vielleicht genau darum dieser Albumtitel.

Es geht darum, was passiert, wenn jeder genau weiss, worin er gut ist.

Dem gesamten Album ist die Ironie eingewoben. Mal subtil, mal sehr offensichtlich, wie bei den drei Tracks, die jeweils mit «Vorschlag» betitelt sind: kleine, gerappte Skits, die immer gleich Enden. Der eingebrachte Vorschlag trifft am Ende immer auf Ablehnung. Auf dieser Dreierserie rappt sich Pit durchs Alphabet, Greis spielt Stadt, Land, Fluss, Migo und Iroas sind jeweils etwas Grossem auf der Spur.

Das Album dauert 42 Minuten,16 Songs, dazu drei Skits. Und für alle, die das Album physisch besitzen, noch zwei Tracks obendrauf. Mit Features, die man nicht unbedingt erwartet hätte: Sophie von der Chaostruppe ist zurück, und ganz am Schluss taucht plötzlich DASHCAM*DEVI auf, eine Person ohne klare Verbindungen zu einer der beiden Crews. Ein Album an Highlights zu messen, greift hier zu kurz. Klar gibt es Songs, die man öfter hört als andere, aber Ausfälle gibt es keine. Die Dichte an guten Zeilen ist konstant hoch. Wer FHG und PVP kennt, weiss: Es geht nicht um Hits. Es geht darum, was passiert, wenn jeder genau weiss, worin er gut ist. Genau das zieht sich durchs ganze Album: FHG PVP kennen ihren Wert, kennen ihre Stärken – und spielen sie konsequent aus.

Foto: Yoshiko Kusano

 

Diese Drei Songs stehen exemplarisch für das Album:

«Dini Heude» setzt den Ton und ist der bestmögliche Opener. Alle acht sind darauf vertreten, überall gibt es Querverweise. Gleichzeitig wird gleich wieder relativiert: kein zweites Album, keine durchgehende Harmonie. Im Refrain fragt eine Kinderstimme: «eh siter gueti Fründe?» Greis: «eher niid». Iroas Poul Prügu, Migo und Greis greifen sich gegenseitig auf, Lance Trance passt sich an um nach einem alten Mann (Greis) zu rappen, Krust regt sich über den Gin auf. Und mittendrin eine Kapitalismuskritik, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt: «Maximiere üse Gwinn dür z’kumuliere vo de Fängmeinde». Nebenbei wird klar, wer hier wen geprägt hat. PVP gehören zu den Vorbildern von FHG.

«Boum» funktioniert über ein klares Konzept: Die beiden Crews wechseln sich innerhalb von zwei Parts ab, während sie bekannte Sprichwörter verdrehen ohne das es gezwungen wirkt. Aus «Schweigen ist Gold» wird «me seit sig Goud wed schwigsch doch mir fouge nid», aus dem Blitz, der in den Baum einschlägt, wird «I Blitz schlat dr boum i», und aus «den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen» wird «I gseh nur no Böim vor luter Waud». Spielerisch, direkt und wer genau hinhört erkennt einen doppelten Boden – ein Track, der nicht beim ersten Hören komplett aufgeht.

Das Album ist durchzogen von Anspielungen auf frühere Projekte.

«Legände» mit DJ Kermit ist eine der Hymnen, die dieses Album wahrscheinlich gar nicht braucht aber trotzdem erhält. Eine Hook, die live trägt, kurze Parts, alle auf den Punkt. Pit liefert wie so oft einen starken Refrain, Krust teilt gegen die Immobilienbranche aus und Greis reflektiert, ob aus ihnen etwas geworden ist. Dabei greift er auf eine Referenz zu seinem Song «Testläbe» aus dem Jahr 2003 zurück.

Poul Prügu glänzt mit Ironie, Migo schreibt präzise wie eh und je und Fantu malt Bilder. Iroas fasst schliesslich das Ganze zusammen: «das mr üs hei zämeta isch unluterä Wettbewärb». Gleichzeitig baut der Track die Brücke zu «Monument 3».
«Legände» ist der erste Song des Albums mit einem Videoclip. Gedreht im von Allianza Ambulanza besetzten Verwaltungsgebäude des ehemaligen Tiefenauspitals, als One-Shot Video.

Ein Fazit ist nicht ganz einfach. Zu viele eigenständige Stimmen kommen hier zusammen. Natürlich gibt es Momente, in denen einzelne Parts leicht abfallen, aber das bleibt Kritik auf hohem Niveau. Das Album ist vielseitig, musikalisch wie inhaltlich und genau dann am stärksten, wenn es sich nicht entscheiden will. Einen Namen muss man trotzdem nennen: Iroas alias C.Perkins. Er produziert den Grossteil der Instrumentals nimmt alle Rapper auf, hält das Ganze zusammen. Poul Prügu sagt es direkt: «Los, Für dä Job muesch am Dimi fasch Props gä». Mehr muss man dazu nicht sagen.

Zum Schluss noch etwas für die Nerds. Das Album ist durchzogen von Anspielungen auf frühere Projekte, alte Lines und Crew-internen Verweise: Auch songübergreifende Referenzen ziehen sich durch das Ganze. Gut hinhören lohnt sich. Migos erste Zeile auf dem Album ist: «I ha gmeint di Tür wär zue sit i dr Baldy ha disst». Seine letzte: «i la jedi Türe off für die, wo aus nächschts chöme.»

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