Neue EP, neues Soundbild: Alwa Alibi verabschiedet sich auf «DREAMGIRL» von den melancholischen und ruhigeren Klängen ihrer früheren Musik. Musikalisch geht es für die Berner Musikerin in Richtung RnB und Pop, thematisch wird es direkter und selbstbewusster. Denn auf «DREAMGIRL» geht es vor allem darum, lesbisches Leben zu feiern.
Zu erkennen, dass lesbisch sein nichts Schambehaftetes sein muss, hat mir zusätzliches Selbstvertrauen gegeben
Gleichzeitig endet auch die Zusammenarbeit mit Produzentin Simo Saster. Seit ihrem letzten Song «Charre» und dem Gemeinschaftsprojekt «Vernisage» «hat sich einiges verändert», erzählt Alwa Alibi: Dort lernte sie die Produzenten Ben Mühlenthaler und Dr. Mo kennen und gemeinsam mit Ben entstand schliesslich «DREAMGIRL». Schnell merkte sie, dass sie Lust hat, mit verschiedenen Produzierenden zusammenzuarbeiten. Die zweite EP, die noch dieses Jahr erscheinen soll, wird bereits wieder von einer anderen Person produziert. Das Projekt «Vernisage» habe sie dabei vor allem in ihrer Herangehensweise an Musik geprägt. Mit Ben habe sie sich schnell verstanden, die Songs seien beinahe wie von selbst entstanden: «Wir waren in einem künstlerischen Flow», erzählt sie.

Die Songs sind stärker auf die Bühne ausgerichtet, sie sollen live mehr Energie entwickeln. Ihre älteren Stücke vergleicht sie mit Spoken Word. Geblieben ist ihre Stärke für Texte mit klaren Aussagen. Inhaltlich beschäftigt sich Alwa Alibi auf der EP vermehrt mit dem Leben als queere Person. Dass diese Themen auch heute noch negative Reaktionen auslösen, zeigte sich nach einem Teaser zum Song «Garage»: Unter dem Video sammelten sich zahlreiche homo- und transfeindliche Kommentare.
Beim Schreiben der Songs habe sie sich oft gefragt, weshalb solche Aussagen in ihren Texten überhaupt noch nötig seien. Diese Reaktionen hätten ihr jedoch gezeigt, wie unterschiedlich die Realität innerhalb und ausserhalb der eigenen «Bubble» sein könne. «Mir ging es in meinen Texten nie darum, das rapübliche Beleidigen zu machen, sondern das Lesbischsein zu feiern und es selbstbewusst zu leben», sagt sie. Die Hasskommentare hätten sie zwar beschäftigt, gleichzeitig aber auch bestätigt, «weshalb solche Songs weiterhin wichtig sind.» Gerade ausserhalb queerer Räume werde Sichtbarkeit noch immer mit Ablehnung beantwortet. «Umso wichtiger ist es für mich, positive und selbstbewusste Geschichten über lesbisches Leben zu erzählen», sagt Alwa Alibi.
Der Satz ‹Es ist 2026 und alles ist toleranter› zieht meiner Meinung nach nicht mehr
Genau dieses Selbstbewusstsein zieht sich durch die ganze EP. «DREAMGIRL» ist keine Abrechnung, sondern eine Feier von queeren Lebensrealitäten. Das Selbstvertrauen, das auf der EP spürbar ist, komme teilweise von ihrer Kunstfigur. Künstler*innen würden sich oft von ihrer stärksten Seite zeigen, erzählt sie. Gleichzeitig habe ihr auch die persönliche Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität geholfen. Alwa Alibi: «Zu erkennen, dass lesbisch sein nichts Schambehaftetes sein muss, hat mir zusätzliches Selbstvertrauen gegeben.»

Dass wir heute in einer vollkommen toleranten Gesellschaft leben, sieht Alwa Alibi allerdings anders. «Der Satz ‹Es ist 2026 und alles ist toleranter› zieht meiner Meinung nach nicht mehr», sagt sie. Immer wieder höre sie von queeren Freund*innen, die von Anfeindungen auf der Strasse oder im Internet erzählen. Alwa Alibi: «Es gibt in dieser Hinsicht aktuell sogar gesellschaftliche Rückschritte. Umso wichtiger ist es für mich, lesbisches Leben sichtbar zu machen und zu feiern.»
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Provokation entsteht dabei oft ganz von allein. Als Beispiel nennt sie den Titelsong «Dreamgirl». «Die Kernaussage ist: Dein Girl verlässt dich für mich. Das ist eigentlich schon alles», sagt sie lachend. Während männliche Rapper seit Jahrzehnten über genau solche Geschichten schreiben, werde daraus plötzlich ein grosses Thema, wenn die Geschichte aus lesbischer Perspektive erzählt wird.

Mit der Veröffentlichung der EP fällt für Alwa Alibi nun eine grosse Last weg, erzählt sie. Besonders freut sie sich über die vielen positiven Rückmeldungen von queeren, lesbischen und trans Personen. Dieses Feedback wiege deutlich schwerer als die negativen Kommentare im Netz. Nun blickt sie nach vorne: Im Herbst geht sie mit «DREAMGIRL» auf Tour.
Stillstand ist allerdings nicht geplant. Noch dieses Jahr erscheint eine zweite EP. Diese werde musikalisch wieder ganz anders klingen: ruhiger, tiefgründiger und näher an den Gefühlen, so Alwa Alibi. Im Moment sei sie aber vor allem glücklich, «dass der musikalische Bruch gelungen ist und sich dadurch neue Bühnen und Möglichkeiten eröffnet haben».
Heute erscheint die neue EP «DREAMGIRL» von Alwa Alibi. (Foto: Loan Schläppi)