Fabio hört: Blanco – Lucid Dreams (Deluxe)

von Fabio Lang 26. Februar 2026

Soundcheck Diese Woche veröffentlicht Blanco ein neues Album. Es handelt sich um die Deluxe-Version seines Albums «Lucid Dreams». Die Version bietet einiges mehr als das ursprüngliche Album, findet unser Autor.

Deluxe-Versionen haben oft etwas Mechanisches: ein paar neue Songs, ein kleiner Schub für die Charts, fertig. Bei Blanco fühlt es sich anders an. «Lucid Dreams (Deluxe)» wirkt nicht wie ein nachgereichter Bonus, sondern wie ein bewusst gesetzter Schlusspunkt – auch, weil die Vinyl-Version für ihn ein lang gehegter Traum war. Die digitale Deluxe-Ausgabe bringt drei neue Songs, genug, um noch einmal in Blancos Welt einzutauchen und das ursprüngliche Album neu zu fühlen.

Lucid Dreams ist für mich eines der ehrlichsten, persönlichsten und reflektiertesten Alben aus Bern der letzten Jahre. Kein klassisches «Coming-of-Age», sondern eher ein Einblick in die Zwischenräume des Erwachsenwerdens: in Zweifel, Verantwortung, Freundschaften, Fehler, Fluchten und den Versuch, all das irgendwie zusammenzubringen. Blanco erzählt von seinem Bern, nicht als Kulisse, sondern als Ort, an dem er wächst, scheitert und wieder aufsteht. «RHG» klingt wie ein Abend mit den Jungs, «Graue Beton» wie der Moment nach einer durchwachten Nacht, wenn der Kopf zu laut ist.

Lucid Dreams (Deluxe) wirkt nicht wie ein nachgereichter Bonus, sondern wie ein bewusst gesetzter Schlusspunkt.

Genau diese zwei Welten bespielt Lucid Dreams Deluxe: Tracks mit Antrieb, die einem gute Laune vermitteln und solche, die düster produziert sind. Es sind jene zwei Welten, in denen sich Blanco während der Entstehung von Lucid Dreams bewegte. Ein Wechselbad der Emotionen von Freude zu Trauer. Freude, weil Blanco und seine Partnerin erneut Eltern wurden. Tiefe Trauer wegen dem Verlust ihres ersten Kindes.

blanco mit nuri in der altstadt in bern
«Hüt gsehsch mi fasch nurno mitem Wägeli debi», rappte Blanco auf «Aues guet» – Mittlerweile läuft Nuri neben ihm her, oder lässt sich auf den Schultern tragen. (Foto: David Fürst)

Auffällig bleibt, wie viele Menschen Blanco auf diesem Album um sich hat: Migo, Pit, Iroas, Z The Freshman, INvert, Kater Karlo, Sechser, später noch Kimbo und CHE$TER. S-Tune hat das ganze Album gemixed, gemastered und aufgenommen. Trotz der Fülle bleibt ein Moment herausragend: «RHG» mit Nuri, Blancos Sohn. Nuri, der auf ein paar Adlibs zu hören ist, liefert für mich einen der zärtlichsten Momente im Schweizer Rap der letzten Jahre. Ich habe selten etwas so Unprätentiöses, Warmes gehört.

Mein Lieblingssong bleibt «Aues Guet» mit Migo & Pit. Diese Mischung aus Melancholie und Loyalität trifft mich mitten ins Herz. Wenn Blanco rappt: «Und hüt gsehsch mi fasch nurno mitem Wägeli debi», sehe ich Nuri jetzt durch Bern laufen: längst nicht mehr im Wägeli, sondern an Blancos Hand oder wahlweise auf den Schultern.

Die Deluxe-Tracks setzen daran an und erweitern die Welt von Lucid Dreams um drei neue Nuancen.

Eastpack Bag (feat. CHE$TER)

Blanco hält an seinem ursprünglichen Part fest, doch der Moment nach dem Refrain überrascht. CHE$TER taucht auf, als wäre er in den Track hineingestolpert, und liefert einen lupenreinen CHE$TER-Part ab: locker, frech, im besten Sinne respektlos. Seine Line «Ich bi MVP, du bisch nidemal en Antwort wert», wirkt wie ein Schulterzucken, aber eines, das sitzt. Der Song bekommt dadurch eine neue, unerwartet leichte Energie.

Pflasterstei (feat. Kimbo)

Kimbo öffnet mit einer melancholischen Hook und seinem Part einen Raum, der Blanco förmlich einlädt, tiefer zu gehen – und genau das tut er. Für mich enthält Pflasterstei die stärkste Zeile des Albums:

«Fahre vom Festival hei, niemer het gschlafe der Fahrer uf Drugs – aber s schlimmste isch: Ig ha riskiert, dass mis Ching ohni Vater ufwachst.»

Journal B unterstützen

Unabhängiger Journalismus kostet. Deshalb brauchen wir dich. Werde jetzt Mitglied oder spende.

Selten habe ich Blanco so klar, so verwundbar gehört. Es ist einer dieser Momente, in denen man kurz still wird, weil man spürt, wie viel hier auf dem Spiel steht.

RHG – Buatoma Remix

Der Text bleibt derselbe wie auf «Lucid Dreams» aber der Beat geht wesentlich mehr nach vorne. Es ist offensichtlich ein Track fürs Live-Set. Einer, der die Menge in Bewegung bringt. Ich verstehe komplett, warum dieser Remix existiert, auch wenn ich persönlich einen weiteren, vollkommen neuen Song bevorzugt hätte. Aber schlecht ist er nicht, nur funktional.

Foto: David Fürst
Foto: David Fürst

Zwischen dem ursprünglichen Album und der Deluxe-Version war Blanco alles andere als inaktiv. Er tauchte als Feature-Gast bei verschiedenen Artists auf – zuletzt etwa bei MzumO – und arbeitet parallel mit den Brokeboys, seiner Crew an neuer Musik. Stillstand scheint für ihn kein Thema zu sein.

«Lucid Dreams (Deluxe)» ist für mich weniger ein neues Kapitel als eine schöne Ergänzung zum Debütalbum. Vor allem aber diente es dazu, sich einen Herzenswunsch zu erfüllen. Ein Release, das zeigt, wo Blanco heute steht – irgendwo zwischen Verantwortung, Ambition und dem Gefühl, dass Träume manchmal greifbar werden, wenn man lange genug daran festhält.

blanco und nuri
Blanco mit seinem Sohn Nuri. (Foto: David Fürst)