Wer in ein anderes Land auswandert, darf sich auf Neues freuen, muss aber auch Altes zurücklassen können. Für die, die nicht gerade mit allem und jedem brechen wollen, gibt es die Post. E-Mail-Postfächer, unzuverlässige Brieftauben, Instagram-DMs oder das gute alte Fresspäckli. Solche Fresspäckli bekommt auch die Protagonistin des heute empfohlenen Buches von ihrer Schwester.
Die Autorin und Werbetexterin ist von Kolumbien nach Argentinien gezogen. Sie fühlt sich manchmal einsam, versteht die Witze wegen der Sprachbarriere nicht immer so ganz und muss als Krönung der ganzen Misere noch einen Werbetext über eine Kuh schreiben, die demnächst geschlachtet werden soll (deren Fleisch aber dank Bioqualität ethisch unbedenklich ist). Ihre Schwester schickt ihr aber dafür regelmässig Pakete nach Hause.
In einem davon befindet sich dann auch ihre Mutter, die sich von da an bei der Tochter einquartiert und mit mütterlichen Ratschlägen stets beiseite steht. Das Buch «Das Paket» von Margarita García Robayo wurde mir von meiner Lieblingsautorin Mariana Enriquez empfohlen, beziehungsweise habe ich ein Zitat von ihr auf der Rückseite des Buchs gelesen. Und wurde – wie sonst auch von Enriquez – nicht enttäuscht.
Ich kaufe durchaus noch Bücher, die die New York Times ablehnt, aber ich gehe sicher nicht zu einem Zahnarzt, den mir ein Fremder auf Google als Dilettanten beschreibt.
Wenn man von Daniel Kehlmann ein neues Buch gelesen hat, fühlt man sich fast schon dazu verpflichtet, es zu empfehlen. In den meisten Fällen kann man das dann auch mit gutem Gewissen. In diesem Fall handelt es sich bei mir um die Essay- und Redensammlung «Sorgt, dass sie nicht zu zeitig mich erwecken», die 2024 erschienen ist. Was mir an den Essays so gut gefällt, ist dass sie von jemandem geschrieben wurden, der offensichtlich Kunst in allen möglichen Varianten und Formen liebt.
Von Gabriel García Márquez bis hin zu George Orwell findet er für Ikonen unterschiedlicher Genres geeignete Worte. Aber das ist nicht nur bei Personen der Fall. Er beschreibt im Buch die eigentlich unbeschreibbare Schwere eines Konzerts im KZ Mauthausen, die Atmosphäre in den USA nach einem aggressiven Präsidentschaftswahlkampf oder Rezensionen im digitalen Zeitalter («Ich kaufe durchaus noch Bücher, die die New York Times ablehnt, aber ich gehe sicher nicht zu einem Zahnarzt, den mir ein Fremder auf Google als Dilettanten beschreibt»).
Eine Autorin, die selbst von sich sagt, dass sie kein Verhältnis zu Trophäen und dem Jagen hat, schreibt ein Buch über die Trophäenjagd.
Nachdem das Buch schon sehr lange auf meiner Leseliste rumgeisterte, habe ich diesen Sommer endlich «Trophäe» von Gaeta Schoeters gelesen. Eine Autorin, die selbst von sich sagt, dass sie kein Verhältnis zu Trophäen und dem Jagen hat, schreibt ein Buch über die Trophäenjagd. In der Hauptrolle ein Mann, der sich schämt, wieder nach Hause zu kommen, wenn er seiner Frau kein Souvenir in Form eines toten Tieres mitbringen kann. Einer, der sich damit rühmt, das wahre Afrika zu kennen und nachhaltigen Tourismus zu betreiben. Der ein Nashorn erschiesst, um die Welt zu retten. Schoeters sagte in einem Interview, dass sie ein Faible für unangenehme Charaktere hat. Das ist ihr hier sehr gut gelungen.
Sommerlektüre für die restlichen Sommerferienwochen. (Foto: Lea Schlenker)