Ich sitze in der Küche meiner Altbauwohnung, die Dielen ächzen unter der Hitze, das Thermometer zeigt 30 Grad. Das Monbijou schwitzt mit mir. Im Internet vergleiche ich verschiedene Ventilatoren. Eigentlich kann ich mir einen solchen gerade nicht leisten, habe aber zu grossen Respekt vor der nächsten Hitzewelle. Ich rufe Digitec auf. Papa fand ihre Werbestrategie schon immer gut und sollte recht behalten: Ehrlichkeit als Verkaufsargument ist ein cleverer Trick.
«Leise und leistungsstark, elegant kompakt. Maximale Kühlung, minimale Geräuschentwicklung.» Ich bin überzeugt und befördere das elegante Modell von Philips in den Warenkorb. «Will sonst noch wer einen?», schreibe ich in den WG-Chat und verdreifache kurz darauf meine Bestellung.
Die Situation macht mir Sorgen. Ich selbst ertrage die Hitze zwar relativ gut – bin etwas träge vielleicht. Aber meine Grossmutter verlässt kaum mehr das Haus und liest ihre Zeitung mittlerweile in der Waschküche, weil es dort etwas angenehmer ist. Ich frage mich, wie die Sommer wohl aussehen werden, wenn ich in ihrem Alter bin. Werden wir uns angepasst haben, mit Siesta und verschobenen Tagesabläufen? Werden wir mit Pullovern in der Küche sitzen, weil die Klimaanlagen derart runterkühlen?
Es fühlt sich an, als würde mein Gewissen etwas leichter, wenn ich nur achtsam genug lebe.
Ich sitze also am Küchentisch und mache mir Sorgen. Weiter frage ich mich, was ich eigentlich mit dieser Sorge mache, ausser hier zu sitzen und einen Ventilator zu bestellen.
Ich fliege nicht. Ich kaufe bio ein. Ich esse kein Fleisch. Ich sortiere meinen Abfall so gewissenhaft, dass manche die Augen verdrehen. Ich fahre Fahrrad und besitze kein Auto. Was noch? Ich stelle die Lichter aus, wie wir es in der Schule gelernt haben. Wie viel Strom der Ventilator verbraucht, habe ich vorab recherchiert; das ist vertretbar.
Es fühlt sich an, als würde mein Gewissen etwas leichter, wenn ich nur achtsam genug lebe.
Genau diesen Mechanismus seziert die deutsche Autorin Kathrin Fischer in ihrem neuen Sachbuch «Achtsam geht die Welt zugrunde». Ihre These: Der Rückzug ins Private, das Optimieren des eigenen Fussabdrucks, das Zur-Ruhe-Kommen mit sich selbst – all das fühlt sich nach Handeln an, ersetzt aber echtes politisches Engagement. Fischer plädiert dafür, den Blick von der Innenschau weg und hin zu den Strukturen zu lenken, die eigentlich verändert werden müssten: Gesetze, Märkte, Institutionen. Wer sich nur um sein eigenes Verhalten kümmert, so ihr Punkt, blendet aus, wie sehr wir alle von diesen grösseren Systemen abhängig sind.
Meine Achtsamkeit ist wie ein Kübel Wasser gegen einen Waldbrand – gut gemeint, aber komplett irrelevant im Vergleich zu dem, was strukturell entschieden wird.
Während ich meinen Kompost umschichte, verhandeln Konzerne und Regierungen weiter über Emissionsziele, die sie dann doch verwässern. Während ich freiwillig verzichte, bauen die grossen Player neue Pipelines, subventionieren Kerosin, verschieben Klimaziele um ein weiteres Jahrzehnt. Meine Achtsamkeit ist wie ein Kübel Wasser gegen einen Waldbrand – gut gemeint, aber komplett irrelevant im Vergleich zu dem, was strukturell entschieden wird.
Und das macht mich wütend. Nicht die Hitze selbst, sondern das Gefühl, dass meine Sorgfalt zur Beruhigungspille wird – für mich selbst und für alle, die zusehen, wie ich brav meinen ökologischen Fussabdruck optimiere, während sie weitermachen wie bisher. Es macht mich wütend, dass sich andere einen Dreck scheren, während ich ewig lange Zugreisen mache.
Solange wir Einzelne uns mit unserem Gewissen beschäftigen, muss sich niemand mit der Politik beschäftigen, die wirklich etwas bewegen könnte. Es macht mich wütend, dass diejenigen, die am Hebel sitzen, wirklich etwas bewirken könnten, es wieder und wieder versäumen. Und ich merke, wie ich selbst in dieser Lücke feststecke. Was bringt es denn, dass ich mir Mühe gebe?
Ich fühle mich ohnmächtig. Mir fehlt, um ehrlich zu sein, die Kraft für mehr politisches Engagement – zu viel geht schon drauf, im Alltag klarzukommen. Ich bin zu beschäftigt damit, achtsam mit mir selbst und meinem Umfeld umzugehen, auf meine Gesundheit zu achten, meine Ressourcen im Blick zu behalten.
Es macht mich wütend, dass diejenigen, die am Hebel sitzen, wirklich etwas bewirken könnten, es wieder und wieder versäumen.
Stattdessen sitze ich also am Küchentisch und sorge mich. Gleichzeitig bin ich wütend auf die Welt, wie sie jetzt ist.
Der Ventilator wird in zwei Tagen geliefert. Express, versteht sich – die Hitzewelle wartet nicht. Ich werde ihn auspacken, einschalten, und für ein paar Stunden wird es in meiner Küche erträglich sein. Vielleicht vergesse ich den Klimawandel sogar für einige Zeit, bis ich wieder von Schlagzeilen und Unwettern aufgerüttelt und in meiner Achtsamkeit gestört werde.
Was ich eigentlich brauche, ist nicht maximale Kühlung und minimale Geräuschentwicklung. Was ich brauche, ist das Gefühl, dass sich etwas bewegt, das grösser ist als mein Warenkorb.
Die Grossmutter unserer Kolumnistin liest die Zeitung wegen der Hitze mittlerweile in der Waschküche, weil es dort etwas angenehmer ist. (Illustration: Paula)