Ich sitze am Esstisch eines befreundeten Paars (nennen wir sie Hannah und Franz), wir haben gerade ihre Kinder zu Bett gebracht. Es war ein anstrengender Abend, die Kinder müde und überdreht, das zu Bett gehen chaotischer als sonst. Dankbar, dass dieser Teil des Abends nun geschafft ist, sitzen wir über einer Tasse Tee. Hannah fragt nach, wie es bei mir sei, ob Kinder in meiner Beziehung denn ein Thema seien? Welche Frau anfangs dreissig kennt diese Frage nicht? Mein Umfeld wird offiziell erwachsen, einige investieren in Wohneigentum, einige gründen Familie und wiederum andere beginnen ein zweites Studium. Es ist wie Stereo Luchs im Song «Ziitreis» singt:
«Jungs mached Nachwuchs, studiered Babyname. Schiebed Chinderwage, anderi laded Tinder abe. Ich mach mis Ding, hole es Guiness usem Inderlade. Stadt die gliich nume d’Hüser sind höcher worde. Us Bsetzer-WGs wird schöner Wohne.»
Anders als mit Anfang zwanzig begegnen meine Freund*innen und ich unterschiedlichen Lebensrealitäten, gehen unsere eigenen Wege und finden uns im Leben zurecht.
Seit ich in einer Beziehung mit einer Frau bin, werde ich weniger nach dem Kinderwunsch gefragt.
Die Freundin fragt also nach, ob ich Kinder wollen würde. Als bisexuelle Frau habe ich die Frage öfter gehört, als ich noch mit einem Mann in einer Beziehung war. Von meiner damaligen zukünftigen Schwiegermutter wurde ich sogar regelmässig darauf hingewiesen, dass sie sich Enkelkinder wünsche. Seit ich in einer Beziehung mit einer Frau bin, werde ich weniger nach dem Kinderwunsch gefragt. Ich druckse etwas rum, wir sind ja noch nicht lange ein Paar.
Im Hinterkopf öffnen sich derweil mehrere Tabs zu meinen letzten Recherchen: medizinische Samenspenden, Rechte von Elternteilen, Adoption, private Samenspende, gleichgeschlechtliche Ehe, Regenbogenfamilien, Erfahrungsberichte von Kindern gleichgeschlechtlicher Elternteile, Studien zu Mobbing von Kindern aus Regenbogenfamilien, Geburt, Risikoschwangerschaft, Jahre mit höchster Fertilität, einfrieren von Eizellen, biologische Eltern, Rechte von Samenspendern, ROPA-Methode.
Ich scrolle durch die Tabs in meinen Kopf, während Franz sich meldet. «Also ich fände solche Abende wie heute ja unglaublich schwierig, wenn ich nicht wüsste, dass diese Kinder zu 50 Prozent von meinen Genen abstammen.» Die Aussage trifft, ich wechsle das Thema. Mein Familienwunsch, ein Politikum.
«Ihr habt ja schon die Ehe für alle und damit gleiche Rechte,» sagt irgendein Roland. Aber die gleichen Rechte hören bei der Geburt von Kindern auf. Bei privater Samenspende bei lesbischen Paaren wird nur die gebärende Person als Elternteil anerkannt, nicht aber die Ehefrau. Wir Queers sind aber nicht auf den Kopf gefallen, und haben via Stiefkindadoption ein Gesetz gefunden, welches beiden lesbischen Elternteilen ermöglicht auch rechtlich Eltern zu sein.
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Dieses Gesetz ist aber mit vielen Hürden verbunden: Mindestens drei Jahre muss man zusammengelebt haben, ein Jahr gemeinsam für das Kind gesorgt haben, bevor der Antrag gestellt werden kann, welcher je nach Kanton mehrere Jahre Bearbeitungszeit hat. Das sind vier Jahre. Und MEHRERE Jahre, in denen das Kind rechtlich nur ein Elternteil hat. Falls diesem einen Elternteil etwas zustösst, hat die andere sorgende Mutter keine Rechte.
Diese Misslage ist auch im Bundeshaus nicht unbemerkt geblieben. So hat der Bundesrat zur «Vereinfachten Stiefkindadoption» einen Vorschlag gemacht. Dieser beinhaltet weniger Jahre Wartezeit und schnellere rechtliche Absicherung für die Kinder. In der Schweiz kann der Bundesrat jedoch nicht einfach Dinge ändern; Nein, die zwei Kammern haben auch ihr Mitspracherecht. Und das haben sie genutzt. Der Nationalrat hat sich bereits im März einmal im Geschäft 2025.073 dafür ausgesprochen, die Stiefkindadoption zu vereinfachen. Vor kurzem stand das Geschäft 2025.073 wieder im Nationalrat – aber wieso? Das erklärt Tamara Funiciello mit ihrem Votum während der diesjährigen Herbstsession ziemlich treffend:
« […] Lesben kriegen weiterhin Kinder – sehr süsse Kinder im Übrigen. Gleich geblieben ist auch, dass viele dieser Kinder nach wie vor nur einen rechtlichen Elternteil haben, obschon reell zwei Elternteile anwesend sind, und dass wir nach wie vor keinen Schritt weiter sind, um diese Kinder abzusichern. Wieso? Weil der Ständerat zwar mit 31 zu 13 Stimmen anerkannt hat, dass es ein Problem gibt, aber dann mit 23 zu 20 Stimmen bei 1 Enthaltung entschieden hat, dass er es nicht lösen will.»
Der Ständerat hat also dagegen gestimmt, dass Kinder aus Regenbogenfamilien auch rechtlich zwei Elternteile haben sollen.
Der Ständerat hat also dagegen gestimmt, dass Kinder aus Regenbogenfamilien auch rechtlich zwei Elternteile haben sollen, und entschieden, dass dies nur über jahrelange und auch teure Adoptionsverfahren möglich sein soll. Der Nationalrat blieb diesen Herbst zum Glück seiner Entscheidung treu und schickte das Geschäft 2025.073 zurück in den Ständerat.
Was heisst das nun? Bald diskutiert also der Ständerat erneut darüber, ob die Kinder von Lesben jahrelang rechtlich nur ein Elternteil haben, obschon zwei vor Ort sind. Bis dahin werde ich wohl kaum eine Familie gegründet haben. Und ich hoffe, dass der Ständerat das nächste Mal, wenn er in dem viel zu schönen Saal sitzt, den betroffenen Kindern ein Minimum an Sicherheit zugesteht. Dass er nicht nur anerkennt, dass es ein Problem gibt, sondern auch gewillt ist, es zu lösen. In der Zwischenzeit übernehme ich noch etwas Aufklärungsarbeit in meinem Umfeld, spreche mit Franz, und so kommen wir vielleicht auch als Gesellschaft einen Schritt näher an gleiche Rechte für alle – und vor allem näher an rechtlich abgesicherte Kinder mit zwei Elternteilen.
Wenn es um Kinder geht, ist es mit den gleichen Rechten für gleichgeschlechtliche Paare sehr schnell zu Ende. (Illustration: Dan)
