Wieder daheim – nach Jahren (3)

von Basrie Sakiri-Murati 23. März 2026

Unsere Kolumnistin kehrte kürzlich nach Jahren wieder einmal in den Kosovo zurück. Dorthin, wo sie aufgewachsen ist und vieles zurückgelassen hat. Im dritten Teil erzählt sie von ihrem Besuch beim Kriegsgefallenendenkmal in ihrer Heimat.

Viel zu schnell verging die Zeit in meiner Heimat. Sechs Tage reichten nicht, um all das zu sehen, was mir am Herzen liegt.

Ziemlich bald nach Ende des Kriegs ist auf dem Grundstück meiner Eltern für die 21 Menschen ein Denkmal errichtet worden, die während der Offensive der serbischen Streitkräfte am 24. Dezember 1998 in der sogenannten «Schlacht von Llapashticë» gefallen waren.

Als ich mich das erste Mal davor befand, wurde ich emotional: Trauer und Stolz mischten sich. Trauer, denn mein Vater wurde auf seinem Grundstück umgebracht, nur weil er ein Albaner war. Stolz, weil die Freiheit Kosovos, für die sie gefallen sind, mittlerweile Wirklichkeit geworden war.

Das Denkmal meines Vaters und den anderen 20 Kriegsmartieren. (Foto Basrie Sakiri-Murati)

In unserer Region gelten rund 600 Personen als Kriegsopfer oder Verschwundene, davon sind 200 gefallene UÇK-Soldaten. Für die Gefallenen wurde zirka 8 km entfernt von meinem Dorf eine weitere Gedenkstätte errichtet. Zuvor waren sie an verschiedenen Orten beerdigt und im Jahr 2018 dorthin umgebettet worden.

Ich wollte die Gedenkstätte besichtigen gehen, aber irgendwie fehlte mir der Mut. Ich ahnte, dass ich unter den Gefallenen auch einige Freunde und Bekannte finden würde. Ich war erleichtert, als mein Bruder und seine Frau sagten, sie würden mich dorthin begleiten.

Ein emotionaler Gang

Wir treffen uns auf dem riesigen Areal mit den weissen Gräbern. In der Mitte des Areals steht eine grosse Statue, die eine Frau mit zwei kleinen Kindern im Arm zeigt. Ruhe herrscht. Ich gelte generell als stark, aber in diesem Moment überwältigen mich Emotionen und ich habe das Gefühl, nur aus Herz und Blut zu bestehen.

Mit jedem Schritt werden meine Beine schwerer.

Beim Eingang ist das Kriegsarchiv. Ich laufe durch die Gänge. Links und rechts hängen Bilder von Gefallenen, die meisten junge Männer. Sie wirken lebensfroh und friedlich. Direkt unter den Bildern, in einer kleinen Kommode aus Glas ausgestellt, sind die persönlichen Sachen, welche sie bei sich trugen, als sie fielen.

Unter den Sachen eines 21-Jährigen zum Beispiel eine feine Goldkette. «Seine Verlobte hatte sie ihm geschenkt, kurz bevor er an die Front ging», erklärt mein Bruder, der ihn gekannt hatte, «er trug sie, als er fiel!». Meine Augen werden feucht und mein Herz schwach. Mit jedem Schritt werden meine Beine schwerer.

Erinnerungen an schwierige Kriegschirurgie

Ein Teil des Archivs handelt auch von den medizinischen Bedingungen während des Krieges. Wie ich in einer anderen Kolumne bereits beschrieben habe, war mein Bruder während des Kosovo-Krieges als Chirurg im Einsatz. Zusammen mit anderen Ärzten und Pflegekräften hat er Erstversorgung für Verletzte im Kriegsgebiet geleistet, notfallchirurgische Eingriffe vorgenommen und kranke Bewohner*innen auf der Binnenflucht behandelt. Er hat also am eigenen Leib erfahren, was hier gezeigt wird.

Zum Teil sind es grauenhafte Bilder.

«Mehrere tausend Kämpfer dienten im Laufe des Krieges in unserer Region, der Zone Llap», erzählt mein Bruder, während wir durch die Ausstellung laufen, «viele von ihnen wurden verletzt und brauchten direkt nach den Gefechten eine Erstversorgung. Mit rund 130 medizinischen Freiwilligen bildeten wir eine Gesundheitseinheit, welche in 21 Behandlungsorten im Einsatz waren.

Auch Fachkräfte aus anderen Regionen oder sogar aus der Diaspora unterstützten uns.» Mein Bruder erzählt von den Schulen, die als Militärspitäler umgenutzt wurden, von den improvisierten Feldlazaretten und den schwierigen Bedingungen. Sie hatten kaum Medikamente oder chirurgische Instrumente und mussten dauernd fürchten, entdeckt oder angegriffen zu werden.

Mein Bruder führte uns weiter durch das medizinische Archiv. In drei Räumen sind in grossen Glaskommoden und Vitrinen chirurgische Utensilien und andere Pflegematerialen ausgestellt. An den Wänden hängen Bilder von Verletzten, Massakrierten und Toten. Zum Teil sind es grauenhafte Bilder.

Obwohl mir nicht wohl ist, höre ich aufmerksam zu, als mein Bruder über die Zeit berichtet. Doch langsam wird mir schwindlig. Als ich unter den Bildern auch jenes meines Vaters entdecke, bringe ich kein Wort mehr heraus. Mein Magen zieht sich zusammen und jede Kraft verlässt mich. Ich breche in Tränen aus.

Die grauenhaften Überbleibsel des Kriegs, ausgestellt im medizinischen Archiv. (Foto: Basrie Sakiri-Murati)

Und die Last der Kriegswunden

«Die schlimmsten Ereignissen sind nirgends zu sehen und man berichtet ungern darüber!» sagt mein Bruder, als wir das Areal verlassen. Und meine Schwägerin ergänzt: «Während dein Bruder im Einsatz unterwegs war, war ich die ganze Zeit mit drei kleinen Mädchen auf der Flucht, und wir sahen uns kaum.»

Ein Gedanke lässt mich nicht los: Während meine Verwandten und Freund*innen in Kosovo die Hölle durchmachen mussten, sass ich hilflos in der warmen Stube in der Schweiz. Ich fühle mich als Versagerin.

Eine schmerzliche Tatsache bleibt: Auch nach 27 Jahren muss kaum jemand Rechenschaft für all die Kriegsverluste ablegen: über eine halbe Million Vertriebene, 10’000 Tote, davon 1’392 Kinder und 1’739 Frauen, über 20’000 vergewaltigte Frauen und 1’600 Vermisste.

Während meine Verwandten und Freund*innen in Kosovo die Hölle durchmachen mussten, sass ich hilflos in der warmen Stube in der Schweiz.

Beim Rückflug herrscht im Flugzeug Ruhe. Nur ab und zu hört man das Schreien der Kinder. Ich habe das Gefühl, das Flugzeug ist schwerer als beim Hinfliegen. Wohl weil viele Passagiere eine Last mehr mit sich tragen als beim Hinflug. Die Kriegswunden!

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