Wieder daheim – nach Jahren (2)

von Basrie Sakiri-Murati 5. März 2026

Serie «Wieder daheim» Unsere Kolumnistin kehrte kürzlich nach Jahren wieder einmal in den Kosovo zurück. Dorthin, wo sie aufgewachsen ist und vieles zurückgelassen hat.

Die Fahrt zu meinem Dorf kam mir dieses Mal ewig lang vor. Die Sehnsucht nach meinen Leuten und meinem Zuhause, das ich sieben Jahre nicht mehr gesehen hatte, war riesig.

«Llapashticë e poshtme» heisst mein Dorf und liegt dreissig Kilometer nördlich von Prishtina. Ich bin da geboren und aufgewachsen. Mein Dorf besteht aus 152 Häusern und etwa 2100 Bewohner*innen. Seinen wunderschönen Charme verleiht ihm die Umgebung: die Ebene, die Täler, Felder, der Wald und sein Fluss.

Unzählige Erinnerungen und Erlebnisse teilen mein Dorf und ich zusammen, auch viele traurige. Zu der Zeit, als ich noch dort lebte, war das Leben nicht einfach. Die Bevölkerung war sehr arm, die meisten Leute arbeitslos. Sie lebten von der Selbstversorgung.

Glückliche Jugend trotz Entbehrungen

Ich wuchs auf einem Bauernhof in einer grossen Familie auf. Wir besassen viel Land und einen grossen Garten. Trotzdem mussten wir immer und mit allem sehr sparsam umgehen, da mein Vater kein regelmässiges Einkommen hatte. Wir mussten mit sehr wenig durchkommen. Ich musste immer die Kleider meiner älteren Schwestern anziehen, ihr Schulmaterial benutzen.

Für das Familienleben war unsere Mutter verantwortlich. Sie war sehr tüchtig, eine gute Erzieherin und Organisatorin. Mit ihrer liebevollen und geduldigen Art hat sie uns nicht nur die verschiedenen Aufgaben im Haushaltsbereich beigebracht, sondern auch mit einer beratenden Stimme erzogen. Mein Vater war hauptsächlich in seiner Auto- und Traktor-Reparaturwerkstatt beschäftigt. Er war aber auch viel unterwegs, um Werkzeug und Ersatzteile zu besorgen.

Wir mussten mit sehr wenig durchkommen.

Damit das Familienleben gut funktionierte, brauchte es das Engagement von jedem von uns. Schon vor dem Einschulungsalter mussten wir bei verschiedenen Aufgaben mithelfen, sei es im Haushalt oder auf dem Feld. Gleichzeitig spielten wir Kinder viel zusammen und unterstützten uns, wo immer es nötig war. Und auf dem Hof gab es viele Tiere, die ich sehr mochte. Ich war glücklich.

Krieg

Im Juni wird es 37 Jahre her sein, seit ich mit achtzehn Jahren wegen meiner politischen Aktivitäten, Hals über Kopf, von zuhause fliehen musste. Ich wurde von der serbischen Regierung zur Fahndung ausgeschrieben und überall gesucht. Zehn Jahre und zwei Wochen musste ich warten, bis ich 1999 wieder in meine geliebte Heimat gehen durfte. Diese Zeit kam mir unendlich lang vor.

Unterwegs traf ich überall Bilder der Zerstörung, leere Dörfer und Brandruinen.

Drei Wochen nachdem Kosovo befreit wurde, am 5. Juli 1999, packte ich ein paar Sachen, nahm meine beiden kleinen Kinder mit und ging via Mazedonien in meine Heimat. Ein unbeschreiblicher Moment für mich. Wären da nicht noch all die anderen Reisenden und vor allem meine Kinder gewesen, ich hätte vor lauter Emotionen wohl ganz laut geschrien, als ich die Grenze passierte. Ich spürte Furcht, Traurigkeit, Mitleid, Hilfslosigkeit und Freude gleichzeitig.

Unterwegs traf ich überall Bilder der Zerstörung, leere Dörfer und Brandruinen.
Ein ähnliches Bild erwartete mich auch in meinem Dorf. Durch die Offensive der serbischen Armee und der Paramilitärs am 24. Dezember 1998 waren auch in unserem Dorf die meisten Häuser von den Granaten zerstört und in Flammen gesetzt worden. Darunter auch das Haus meiner geliebten Eltern.

An diesem Tag sind auf dem Land, das zu unserem Hof gehörte, 21 Menschen für die Freiheit gestorben. Darunter auch mein Vater. Meine liebe Mutter überlebte den Krieg auch nicht. Trotzdem versuchte ich, stark zu sein, als ich nun nach zehn Jahren wieder dort ankam. Die Freude, meine Geschwister nach so vielen Jahren wieder zu sehen, war so gross, dass ich für einen Moment die schrecklichen Bilder rund um mich vergass.

Trotz der schmerzlichen Tatsache, dass unsere Eltern und das Haus nicht mehr da waren, trafen wir Geschwister uns von da an mit unseren Familien meistens einmal im Jahr in unserem Dorf. Bis zu 30 Personen kamen da jeweils zusammen. Wenn ich in Llapashticë e poshtme ankam, hatte ich immer das Gefühl, einen langen Traum geträumt zu haben und nie weg gewesen zu sein.

Der Wasserbrunnen auf dem Grundstück von Basries Eltern (Foto: Basrie Sakiri-Murati)


Heute

Auch jetzt kann ich es kaum erwarten in meinem Dorf anzukommen und meine Verwandten zu treffen. Sieben Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal dort war. Auch dieses Mal möchte ich keine Zeit verlieren, sondern direkt hin gehen und so schnell wie möglich meine Liebsten treffen.

Doch als ich ankomme, sieht die Realität anders aus, als ich sie mir vorgestellt habe. Das Grundstück meiner Eltern ist traurigerweise nicht mehr bewohnt. Das Haus, welches mein Bruder nach dem Krieg aufgebaut hat und in dem er mit seiner Familie jeweils die Wochenenden verbrachte, steht nun ganz leer.

Lange habe ich meine Verwandten und Freunde nicht gesehen, aber als ich ihnen begegne, umarmen wir uns innig. Tränen fliessen, aus lauter Sehnsucht finden wir keine Worte. Nach der ersten Sprachlosigkeit unterhalten uns über unser gegenwärtiges Leben, erinnern uns aber auch an Vergangenes.

Meine Schwester, welche in einem der Nachbarsdörfer lebt, lädt uns bei sich zuhause ein. Sie verwöhnt uns mit traditionellem Essen: eingemachtes Gemüse und selbstgemachte Fli. Nirgendwo schmeckt mir das Essen so gut wie bei meinen Verwandten im Kosovo.

Ein lange vermisstes Stück Heimat: das traditionelle Essen im Kreise der Familie. (Foto: Basrie Sakiri Murati)

Von zehn Geschwistern leben heute nur noch zwei Schwestern und ein Bruder im Kosovo. Alle anderen leben in Europa zerstreut, wie die meisten Menschen aus meinem Dorf. Ein Teil von ihnen ist nach dem Krieg nicht mehr zurückgekehrt und viele haben in den letzten Jahren das Dorf verlassen.

Es herrscht wirtschaftliche Perspektivlosigkeit. Als ich im Dorf die Schule besuchte, sagte mir der Schulleiter: «Ich mache mir Sorgen über die Zukunft unseres Dorfes. Heute haben wir nur noch 160 Schülerinnen und Schüler. In den ersten Jahren nach dem Kriegsende waren es beinahe 400 Kinder. Viele Familien gehen ins Ausland.»

Die Leute sind besorgt und müde. Der Krieg liegt siebenundzwanzig Jahre zurück und Kosovo ist seit achtzehn Jahren ein unabhängiger Staat. Doch die Gesetze funktionieren immer noch nicht, Korruption ist überall spürbar. Selten laufen die Sachen auf einem normalen Weg, es braucht Beziehungen oder Geld, damit du weiterkommst. Die Menschen haben die Hoffnung verloren, dass es im Land jemals Gerechtigkeit und Sicherheit geben wird. Es gibt weder eine Kranken- noch eine Unfallversicherung. Und die öffentlichen Spitäler sind in einem schlechten Zustand.

Das Auto von Basries Vater, als Andenken eines grausamen Kriegs. (Foto: Basrie Sakiri Murati)

Dafür wurde in Moscheen investiert. In jedem Dorf ist eine zu sehen, oft auch zwei, zum Teil sind sie sehr gross. Vor dem Krieg gab es längst nicht in jedem Dorf eine Moschee. Da frage ich mich, wie das zustande gekommen ist und wohin das führt?

Die Menschen haben die Hoffnung verloren, dass es im Land jemals Gerechtigkeit und Sicherheit geben wird.

Die Wirtschaftslage ist katastrophal. Ein monatlicher Durchschnittslohn von 500 Euro muss für eine ganze Familie reichen. Ein Renter muss mit 150 Euro auskommen. Und die Preise sind zum Teil gleich hoch wie in Europa. «Mindestens 100 Euro brauche ich im Monat nur für Medikamente, ohne Arzt- oder Spitaluntersuchungen», erzählte meine 70-jährige Schwester. Sie ist auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen, die in Deutschland leben. Wie machen es die Leute, die niemanden im Ausland haben?

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Während meines Besuchs treffe ich auch einige Leute, die mir während meiner Flucht Unterschlupf gewährt haben. Darunter auch Mütter von Freunden, die im Krieg gefallen sind. Sie freuen sich über meinen Besuch, ich fühle mich wohl bei ihnen, genauso wie damals, als sie meine Zuflucht waren. Doch ich spüre bei ihnen auch Trauer und eine grosse Enttäuschung darüber, dass es dem Land nicht so geht, wie sie gehofft haben. Und wofür wir gekämpft haben.

Ich besuche auch das Denkmal für meine Gesinnungsgenossen und das Kriegsarchiv unserer Region. Darüber erzähle ich in der nächsten Folge.