Wenn ich meine Verwandten im Kosovo besuche, fühle ich mich leicht. Schon wenn das Flugzeug über «mein Land» fliegt, beginnt mein Herz höher zu schlagen. Und das Schöne daran ist, zu merken, dass es fast allen Mitfliegenden ebenso geht.
Nach der Passkontrolle im Flughafen Prishtina stehe ich vor unzähligen strahlenden Gesichtern mit funkelnden Augen. Mir scheint: In keinem Flughafen der Welt warten so viele sehnsüchtig auf Verwandte, die überall in Europa und weiter verstreut leben. Und die Ankommenden sind auch froh, wenn sie abgeholt werden. Eine Zugverbindung, die den Flughafen mit verschiedenen Destinationen Kosovos verbindet, existiert nämlich nicht, und Busse fahren selten. Alle sind auf Verwandte oder Taxifahrer angewiesen.
In der Nähe des Flughafens ist aus einem Dorf eine komplette Stadt entstanden.
Eine Distanz von ungefähr fünfzehn Kilometern trennt den einzigen internationalen Flughafen Kosovos von der Hauptstadt Prishtina.
Jetzt sitze ich also im Taxi und beobachtete unterwegs die Umgebung. Einiges ist wie vor Jahren, doch manches überrascht, ja irritiert mich. Riesige Neubauten und Hochhäuser, dazwischen enge, dicht befahrene Strassen. Sie haben dem Gebiet ein anderes Aussehen verliehen, als ich es in Erinnerung habe. Ein Anblick, der mir fast Angst macht.
In der Nähe des Flughafens ist aus einem Dorf eine komplette Stadt entstanden: Fushë Kosovë. Mir scheint, dass der halbe Kosovo dorthin ausgewandert ist, so dicht stehen die Häuser. Ein ähnlicher Anblick empfängt mich am Rand von Prishtina – ein ganzes Quartier ist hier neu gebaut worden.
Ich fühlte mich fremd in meiner eigenen Heimat. Ich bin erstaunt und überrascht wie eine solche Veränderung in wenigen Jahren passieren konnte. Was ist wohl die Erklärung dafür? Steht die Privatwirtschaft dahinter? oder Auslandsinvestition oder gar Korruption?
Diese Fragen stelle ich mir, weil ich weiss, dass mein Kosovo ein armes Land ist, dass die Arbeitslosenquote bei fast 60 % liegt, und dass sich beispielsweis viele Kranke keinen Arzt leisten können und viele Junge nach Europa auswandern.
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Die Fahrt in mein Dorf kommt mir ewig lang vor. Ich freue mich auf meine Leute. Das nächste Mal will ich erzählen, wie ich «mein Zuhause» antraf.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Hier geht es zu Teil 1: Wieder daheim – nach Jahren (2)
Abendstimmung im Zentrum von Prizren, der zweitgrössten Stadt Kosovos. (Foto: Basrie Sakiri Murati)
