Wie ein Theaterprojekt Armut erlebbar macht

von Noah Pilloud 26. Juni 2026

Interaktives Theater Was bedeutet es, in der Schweiz von Armut betroffen zu sein? Das Theaterprojekt «Ar.Mut was wäre, wenn ich?» versucht, die Lebensrealität von Armutsbetroffenen zu vermitteln. Dafür besucht das Publikum eine eigens dafür eingerichtete Wohnung im Murifeldquartier.

Das Wohnhaus im Murifeld wirkt unscheinbar. Nachdem die schwere Holztür mit einem «Klack!» ins Schloss fällt, legt sich die kühle, heimelige Luft des Treppenhauses auf die Schultern. Es ist ein Bau aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren, mehrstöckig. Rechts und links stehen sich zwei Wohnungen gegenüber, jede jeweils das Spiegelbild der anderen. Ein Wohnhaus, wie viele in Bern, mit einer durchmischten Mieter*innenschaft. Das passt zum Thema des Theaterprojekts «Ar.Mut – was wäre, wenn ich?»

Man hat dadurch einen empathischeren Bezug.

Denn in der Schweiz ist Armut oft verborgen und findet doch mitten in der Gesellschaft statt. Die Lebensrealität der Menschen, die von Armut betroffen sind, findet im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft keinen Platz. Stattdessen herrschen Vorurteile und Fehlannahmen vor. Hier will das sogenannte Sight-Specific Theaterprojekt ansetzen.

Das Theaterprojekt richte sich explizit an ein Publikum, das wenig Erfahrung mit Armut hat, erklärt der am Projekt beteiligte Theaterschaffende Dennis Schwabenland. Das Publikum könne über das Erleben in die Lebenssituation von Menschen einsteigen, die von Armut betroffen sind. «Man hat dadurch einen empathischeren Bezug», ist Schwabenland überzeugt.

Dennis Schwabenland instruiert eine Besucher*innengruppe vor der Wohnung im Murifeld. (Foto: © Giorgi Kvinikadze)

Dadurch sei es möglich, sich andere Gedanken zu machen. Schwabenland hofft, dass sein Publikum erkennt, dass es eine Veränderung braucht.

Zwischen Escape-Room, Pen-and-Paper-Spiel und Schnitzeljagd

Doch wie funktioniert dieses Theaterprojekt, das sich statt auf einer Bühne in einer Wohnung mitten in einem Quartier abspielt? Das Brief- & Wohnungsspiel ist inspiriert von immersiven Spielformaten wie Escape Rooms, Pen-and-Paper-Spielen, Live-Action-Rollenspielen, Videospielen und Schnitzeljagden.

Nach der Anmeldung erhalten die Teilnehmer*innen eine Briefgeschichte nach Hause geschickt, die in das Thema und in die Geschichte einführt. Spontane Teilnehmende erhalten die Briefgeschichte vor Ort. Das Wohnungsspiel selbst findet dann in der eigens dafür eingerichteten Wohnung im Murifeldquartier statt.

Wir haben viel darüber diskutiert, was Armut überhaupt ist.

In einer Gruppe wird das Publikum in die Wohnung geführt. Nach einer kurzen Erklärung erhält jede Person eine Karte, die den Startpunkt in der Wohnung angibt, mit einer bestimmten Aufgabe.

Von dort aus kann das Publikum die Wohnung frei erkunden und in die Lebenswirklichkeit von armutsbetroffenen Menschen eintauchen, indem es verschiedene Aufgaben erledigt – den Briefkasten leeren, der mit Rechnungen gefüllt ist, Antragsformulare ausfüllen, Behördenbriefe beantworten und so weiter. Stete Begleiterin ist dabei das nervöse Ticken einer Küchenuhr. Denn für jede Aufgabe steht nur begrenzt Zeit zur Verfügung.

Das Publikum muss im immersiven Theaterprojekt auch Rechnungen bezahlen. (Foto: © Giorgi Kvinikadze)

Für das Theaterprojekt hat seine Gruppe mit Menschen zusammengearbeitet, die selbst von Armut betroffen sind, so Schwabenland. Als Expert*innen haben sie die Theaterschaffenden beraten: «In erster Linie haben sie ihre Erfahrungen mit uns geteilt», beschreibt Schwabenland den Austausch. «Die Expert*innen haben uns von ihren Strategien erzählt, im Umgang mit Ämtern und auch, welche Gewalt sie dabei erfahren.» Diese Erfahrungen seien dann in die Spiele eingeflossen.

Das Wohnungsspiel ist teils aufreibend und – obwohl man es in der Gruppe spielt – einsam. (Foto: © Giorgi Kvinikadze)

Dieser Austausch mit den Expert*innen habe viel beigetragen zum Verständnis des Themas, beschreibt Schwabenland: «Wir haben viel darüber diskutiert, was Armut überhaupt ist.» Dabei gehe es auch darum, ob man sich arm fühlt oder nicht. «Es muss nicht unbedingt ein unglückliches Leben sein, aber es ist ein hartes, schwieriges und stressiges Leben.»

Darüber sprechen und Vorurteile überwinden

Das Wohnungsspiel ist teils aufreibend und – obwohl man es in der Gruppe spielt – einsam. «Während der Briefgeschichte und während des Besuchs sind die Teilnehmer*innen mehr oder weniger allein», bestätigt Dennis Schwabenland. Das sei in der Gesellschaft oft auch so und politisch gewollt.

Armut lässt sich nur bewältigen, indem wir darüber sprechen und uns den Mythen und Vorurteilen stellen.

«Mit der Dramaturgie des Projekts versuchen wir die Menschen am Ende wieder zusammenzuführen», sagt Schwabenland. Zum Schluss gibt es nämlich eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Und im Anschluss bietet ein Nachgespräch Raum fürs Teilen von Überlegungen und Erfahrungen.

Zum Schluss bietet die Nachbesprechung die Möglichkeit das Erlebte gemeinsam zu reflektieren.  (Foto: © Giorgi Kvinikadze)

Dieses Gemeinsame soll einen Weg aus der Armut aufzeigen, sagt Dennis Schwabenland: «Armut lässt sich nur bewältigen, indem wir darüber sprechen und uns den Mythen und Vorurteilen stellen.»

Übers eigene Erleben und gemeinsame Gespräche schafft das interaktive Theaterprojekt also die Möglichkeit, ein verdrängtes gesellschaftliches Problem von der individuellen wieder auf die gemeinschaftliche Ebene zu bringen – und das Verborgene sichtbar zu machen.

Das Theaterprojekt «Ar.Mut – was wäre, wenn ich?» kann noch bis zum 5. Juli erlebt werden. (Foto: © Giorgi Kvinikadze)