Eine schwarze Frau liegt auf dem Boden, umgeben von Polizist*innen. Ihr Blick sucht Hilfe – doch ob sie diese erhält oder um ihr Leben fleht, bleibt offen. Grüne Stofffetzen überwuchern die Szene und bewegen sich im Luftzug.
Die grossformatige Stoffarbeit «Zamambaia» (2022) der schweizerisch-brasilianischen Künstlerin Eva de Souza schwebt frei im Raum und lässt sich von allen Seiten betrachten. Das Grün symbolisiert Farn, die Kraft und den Widerstand des Lebens. Als Untergrund verwendet de Souza ein robustes Recycling-Gewebe, das obdachlosen Menschen in Brasilien häufig als Decke dient.

Die Träumenden wachen über den Raum
Die textilen Arbeiten der in Bern lebenden Künstlerin und Aktivistin verbinden persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Ereignissen, politischen Schlagworten und spirituellen Motiven. Ihre Ausstellung «tecidos que curam», auf Deutsch in etwa «Gewebe, das heilt», entwickelt über drei Räume eine installative Erzählung von älteren Arbeiten, die 2024 bereits an der Cantonale Bern Jura in der Kunsthalle Bern zu sehen waren, bis hin zu neuesten, abstrakten Arbeiten – und führt von Widerstand und Protest gegen Polizeigewalt, Rassismus und sexualisierter Gewalt hin zur heilenden und transformativen Kraft der Kunst.
Sie lassen sich den Schlaf nicht rauben.
In de Souzas Kunst wächst der Widerstand geräde aus der Verletztlichkeit der Figuren. Sinnbild dafür sind die schlafenden Frauen ihrer Arbeit «A Mulher no Saco» (2023), die im mittleren Raum zu sehen ist: Sie setzen ihre Körper aus. Und doch scheinen sie träumend über den Raum zu wachen: Sie lassen sich den Schlaf nicht rauben, bewahren einen inneren Safe Space und eine Lebendigkeit, denen Gewalt nichts anhaben kann.

Rostspuren, die verblassen
Das Selbstporträt «O Batismo» (2025) zeigt de Souza als Priesterin in Weiss, die ein Taufritual vollzieht. Im Wasser, das sie umgibt, bewegen sich Menschen einem hellen Horizont entgegen. De Souza bezieht das Publikum in ihre aktivistische Kunst mit ein: In der Mitte des Raumes lädt die «Cartografie Afetiva» (1923/26–) Besucher*innen dazu ein, an einem textilen Hoffnungstuch weiterzunähen. Appelle und Wünsche wie «Sei ein Mensch!», «Viva la vida» und «teile» wurden bereits mit Nadel und Faden ergänzt.
Der letzte Raum versammelt neuere, abstrakte Arbeiten: Weisse Stoffbahnen winden sich an den Wänden entlang, von Rostspuren gezeichnet. Sie stehen womöglich für Erzählungen und Erinnerungen, die verblassen und im Laufe der Zeit neue Bedeutungen annehmen. Mit ihrer Hinwendung zur Abstraktion widerspricht de Souza den klischeehaften Erwartungen an eine authentische, gegenständliche Kunst, mit denen sie als nichtweisse Künstlerin konfrontiert wird. Auch das ist ein Aufbruch.
Dieser Artikel erschien zuerst bei der Berner Kulturagenda.

In der Stadtgalerie präsentiert Eva de Souza auch ihre neuesten Werke. (Foto: Binta Kopp)