Nach einem strengen Arbeitstag falle ich zuhause auf die Couch und tippe auf das Instagram-Icon. Ich schaue ein Video von einer kleinen Katze die gerettet wurde und scrolle an Memes und politischen Inhalten vorbei. Jetzt sehe ich ein wackeliges Video aus Palästina, welches offenbar die Sekunden nach einem Bombenangriff zeigt. Angespannt beobachte ich durch den kleinen Bildschirm wie mehrere Menschen Verletzte oder Tote aus einem zerstörten Haus tragen. Ein älterer Mann drückt einen kleinen Jungen an sich und schreit auf.
Ich will gerade weiter scrollen – ich hatte einen emotional strengen Tag und möchte lieber was Lustiges sehen. «Wie absurd ist das bitte?!» denke ich. Ich hatte einfach das Glück, in diese privilegierte Situation hinein geboren zu werden. Nun sitze hier in meinem sicheren Zuhause und kann das Leid regelrecht wegklicken, wenn ich es nicht mehr sehen will. Währenddessen sind diese Bilder für abertausende Menschen Alltag, ihre unausweichliche Realität. Sie können nicht weiter scrollen, sie können diesem Genozid nicht entkommen. Wie kann ich da wegschauen? Wie soll ich mit dem Privileg umgehen, wegschauen zu können?
Oft spüre ich, wie negativ sich die Weltlage auf meine sowieso schon vorbelastete psychische Gesundheit auswirkt. Besonders bei Themen, welche in meinen Augen medial zu kurz kommen, kann und will ich trotzdem nicht wegschauen. Über den Sudan wird zum Beispiel kaum berichtet. Palästina wird unterdessen immerhin thematisiert, jedoch in meinen Augen sehr einseitig und beschönigend. Es wird von «Vorkommnissen» geschrieben, wenn israelische Siedler*innen Palästinenser*innen in ihrem eigenen Dorf töten. Bombenangriffe der IDF (Israel Defense Forces) werden «Operationen» genannt. Der Genozid, den Israel in Palästina begeht, wird noch immer nicht so benannt. Auch in anderen Situationen empfinde ich die Narrative der Medien als absurd verzerrend, wie etwa beim «Präventivschlag» gegen den Iran.
Die beschriebene Berichterstattung gibt mir das Gefühl, nicht ausreichend oder «richtig» informiert zu sein. Sie frustriert mich, macht mich wütend und weckt das Bedürfnis nach anderen Informationsquellen. Besonders wichtig finde ich dabei Dokumentationen von lokalen Journalist*innen, wie zum Beispiel Bisan Owda. Da Israel laut der UN bis im August 2025 bereits mindestens 242 palästinensische Medienschaffende getötet hat, gibt es nur noch wenige solche Berichte. Internationalen Journalist*innen wird die Einreise nach Palästina, insbesondere Gaza, verwehrt. Israel verhindert so, dass ausländische Medien aus der Region berichten.
Hinschauen alleine ändert nichts, ist aber immer noch besser als wegschauen
Viele Informationen in «westlichen» Medien stammen von Pressemitteilungen des IDF. (Die Begriffe «westlich / der Westen» erachte ich als problematisch, da er unter anderem eurozentristisch ist). Auf eine Schlagzeile aus Palästina kommen neun aus Israel. Palästinensischen Quellen wird offenbar kaum geglaubt, den israelischen schon. Auf mich wirkt es, als würden die meisten Medien deren Narrativ übernehmen, ohne sich die Mühe einer fundierten und ausgeglichenen Recherche zu machen. Ich frage mich, ob Medienhäuser wie das SRF das Narrativ stützen weil sie den Erzählungen Israels zustimmen oder ob es an Bequemlichkeit liegt.
So oder so, die Berichterstattung der Menschen vor Ort ist besonders wichtig – ob von Journalist*innen oder vom palästinensischen Teenager, der seinen Alltag im Genozid auf Instagram postet. Die meisten der unzähligen Posts zu Palästina stammen nicht von professionellen Journalist*innen. Wir müssen daher die Informationen selbst überprüfen und filtern. Dies braucht Ressourcen und Energie – somit ist es auch ein Privileg, reflektiert hinschauen zu können.
Hinschauen alleine ändert nichts, ist aber immer noch besser als wegschauen. Ich finde es wichtig, mit Menschen über die aktuellen Geschehnisse zu sprechen, auch wenn mir eigentlich oft die Worte fehlen. Einerseits um zu sensibilisieren, aufmerksam zu machen und zu kritisieren. Andererseits, um mit den eigenen Gefühlen klarzukommen. Oft fühlt es sich absurd und falsch an, mir darüber Gedanken zu machen, wie ich all das aushalten soll. Immerhin sitze ich ja hier in der warmen Sicherheit. Trotzdem sind meine Gefühle valide und es ist wichtig, dass ich bei mir hinschaue – ich zu mir schaue.
Die Menschheit, die Politik und die ganze Welt hat schon zu lange weggeschaut
Aussagen wie «es hilft den Menschen dort nicht, wenn du Nachrichten schaust und es dir dann auch schlecht geht» finde ich trotzdem problematisch. Klar, Selbstfürsorge ist unglaublich wichtig und Voraussetzung für die eigene Auseinandersetzung mit der geopolitischen Weltlage. Aber wo kämen wir hin, wenn alle immer bei allem wegschauen würden? Wo wären wir jetzt, wenn früher alle nur weggeschaut hätten? Zudem kommt es meiner Meinung nach darauf an, warum man wegschaut. Schaut man mal bei schlimmen Nachrichten weg, damit man zu sich schauen kann? Oder schaut man generell weg, weil man desinteressiert, ignorant oder egoistisch ist – oder aus rassistischen Gründen, weil es ja nur Menschen im «nahen Osten» sind? (Der Begriff «Naher Osten» ist ebenfalls eurozentristisch und geprägt durch den Imperialismus.)
Wir müssen hinschauen und gleichzeitig gut zu uns schauen. Wir MÜSSEN hinschauen, weil die konventionellen Medien es nicht tun. Die Menschheit, die Politik und die ganze Welt hat schon zu lange weggeschaut. Wir müssen dafür kämpfen, dass Politiker*innen und alle Menschen mit Macht endlich handeln. Wir müssen weiter demonstrieren, boykottieren, informieren, blockieren – im Kollektiv können wir mehr erreichen, als wir oft denken.
«Hinschauen alleine ändert nichts, ist aber immer noch besser als wegschauen.» (Illustration: Dan)