Verena Kessler, haben Sie einen Lieblingsshake an der Gym-Bar?
Nein, ich trinke sowas gar nicht. Den Sixpack on the Beach, den ich im Buch beschreibe, haben wir aber mal bei einem Fernsehinterview-Dreh gemixt. Der hat gar nicht so schlecht geschmeckt, weil wir da richtiges Obst und nur wenig Proteinpulver reingemacht haben.
Der Roman beginnt damit, dass die Protagonistin im Vorstellungsgespräch für einen Job im Fitnessstudio vorgibt, gerade entbunden zu haben, um ihren untrainierten Körper zu rechtfertigen. Wie viel Platz für Flunkereien gibt es in einem Fitnessstudio?
Ich habe das Gefühl, in Fitnessstudios wird insgesamt nicht so viel geredet, weil die Leute sehr auf sich konzentriert sind. Aber meine Erzählerin arbeitet dort und unterhält sich natürlich schon mit ihren Kollegen. Deswegen ist ihre Lüge eigentlich total riskant.
Es ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, auf diese intensive Weise von Leistung und Erfolg abhängig zu sein.
Weshalb fliegt sie nicht schneller auf?
Die anderen wollen es ja auch nicht sehen. Ich glaube, das liegt daran, dass die Lüge so extrem ist. Wer behauptet schon, gerade eine Geburt erlebt zu haben, wenn es nicht stimmt. Die Szene mit dem Vorstellungsgespräch und der Lüge war meine erste Idee, damit hat der Text angefangen. Ich brauchte sie, weil ich eine Figur haben wollte, die nicht aus dem Fitness-Bereich kommt, die fremd ist in dieser Welt und also erklären muss, warum sie nicht fit ist.
Die Protagonistin des Buches beginnt in einem Fitnessstudio zu arbeiten, nachdem ihre Karriere in einer Firma abrupt zu einem Ende kam. In den Rückblicken erfährt man, dass ihr diese Karriere sehr wichtig war, wichtiger eigentlich als alles andere. Gleichzeitig hat sie kaum Freundschaften, nur eine enge Beziehung, die dann auch zusammenbricht – ist sie ein Kind ihrer Zeit?
Ob unsere Zeit das fördert, kann ich gar nicht sagen. Mir scheint, es gibt heutzutage auch genügend Leute, denen Freundschaften und Beziehungen sehr wichtig sind und die sich nicht nur über Leistung definieren. Ich erzähle die individuelle Geschichte meiner Protagonistin, es sind die persönlichen Lebensumstände dieser Figur, ihr spezieller Charakter, der dazu führt, dass sie so lebt und so endet.
Der Verein «Bern liest ein Buch» schlägt mit Hilfe seiner sogenannten Auswahlgruppe ein Buch vor, das möglichst viele Menschen in und um Bern und Thun lesen.
Dieses Jahr ist es «Gym» von Verena Kessler. Der Roman erzählt von einer Frau Mitte 30, die sich als Tresenkraft in einem Fitnessstudio bewirbt. Um ihren untrainierten Körper zu rechtfertigen, greift sie zu einer Notlüge: Sie habe gerade erst entbunden. Doch nicht nur das erfundene Baby verkompliziert ihren Arbeitsalltag, sondern auch eine alte Obsession lässt sich bald nicht mehr länger unterdrücken.
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Hat sich dieser Charakter während des Schreibprozesses weiterentwickelt oder war er von Anfang an gesetzt?
Ich wusste von Anfang an, dass die Figur aus einer Leistungswelt kommt, wo sie eher mit dem Kopf gearbeitet hat als mit dem Körper. Und dass irgendwas passiert sein muss, weswegen sie dahin nicht zurückkann. Daraus haben sich nach und nach ihr Charakter und ihre Lebensgeschichte entwickelt. Das war immer in enger Zusammenarbeit mit meiner Lektorin, mit der ich sehr viel über den Text gesprochen habe und der ich auch immer wieder zwischendurch was geschickt habe.
Die Protagonistin vergleicht sich andauernd mit anderen Personen, sucht nach Vorbildern. Weshalb ruht sie so wenig in sich selbst?
Ich glaube, dass sie eine ganz tiefsitzende Unsicherheit hat. Sie will immer die Beste sein. Und auf so eine vordergründige Art ist sie auch davon überzeugt, dass sie die Beste ist. Aber tief in ihr hat sie ganz grosse Angst, dass sie nicht gut genug ist. Auch schon in ihrer Kindheit hatte sie keine engen Freundschaften, sie hat ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, der Vater ist mal gross gescheitert und auch zu ihm ist wahrscheinlich das Verhältnis nicht so gut. Ihre Beziehung ist merkwürdigerweise auch an ihre Leistung gekoppelt. Sie muss es sich und allen anderen immer wieder beweisen.
Der Protein-Wahn der Fitness-Bubble ist mir richtig entgegengeschlagen.
Ist der Roman eine Geschichte des Scheiterns oder eine Geschichte des Wiederaufstehens?
Keins von beidem, würde ich sagen, weil es nicht so ein richtiges Scheitern ist, das sie erlebt. Die Protagonistin hat nicht einfach nur ein Ziel nicht erreicht, sondern sie hat auch einen extremen Umgang damit, den ich auch nicht unbedingt als Wiederaufstehen bezeichnen würde. Ich glaube, es ist vor allem eine Geschichte über krankhaften Ehrgeiz und darüber, was es bedeutet, auf diese intensive Weise von Leistung und Erfolg abhängig zu sein.
Die Protagonistin beginnt ja nicht nur fanatisch zu trainieren, sondern versucht ihren Körper auch sonst zu mehr zu pushen. Im zweiten Teil des Romans geht es deshalb viel um Proteine und Steroide sowie deren Auswirkungen auf den Körper. Wie viel haben Sie für den Roman recherchiert?
Ich musste nicht so viel recherchieren. Der Protein-Wahn der Fitness-Bubble ist mir richtig entgegengeschlagen. Sobald man sich mal kurz mit Fitness beschäftigt, spielen einem alle Social-Media-Algorithmen diese Inhalte zu. Mir wurde immer wieder präsentiert, welche Nahrungsmittel besonders viele Proteine beinhalten und wie viel Gramm bei wie viel Körpergewicht ich aufnehmen müsste, um Muskeln aufzubauen und so weiter. Was die Steroide angeht, habe ich viel auf YouTube recherchiert. Da gibt es Leute aus der Bodybuilding-Szene, die relativ freizügig über Substanzen sprechen, die teilweise auch illegal sind. Interessant fand ich, dass als Nebenwirkung dieser Steroide eben wirklich auch Aggressivität genannt wird. Und dass man nicht nur mehr Muskeln kriegt, sondern sich auch gewisse Gesichtszüge und die Stimme verändern können. Das konnte ich dann für den Roman nutzen.
Wissen Sie, ob sich der Bezug einiger Leser*innen zum Fitnessstudio nach der Lektüre verändert hat?
Ich finde es immer lustig, wenn mir Leute erzählen, sie hätten mein Buch gelesen und sich danach im Fitnessstudio angemeldet. Denn eigentlich könnte es ein ebenso guter Grund sein, sich abzumelden.
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«Gym» ist Ihr drittes Buch. In ihren zwei vorigen Romanen geht es um gänzlich andere Themen: Ums Kinderkriegen in Zeiten des Klimawandels und um einen Massensuizid am Ende des Zweiten Weltkriegs. Was muss ein Thema für Sie erfüllen, damit Sie darüber schreiben?
Es muss mich einfach beschäftigen. In meinem ersten Buch, zum Beispiel, geht es um diesen Massensuizid in Mecklenburg-Vorpommern. Das hat mich erst mal interessiert, weil ich davon noch nie gehört hatte. Aber meine nächste Frage war: Wie ist es eigentlich, da heute aufzuwachsen? Letztendlich ist es dann ein Coming-of-Age-Roman geworden, der in der heutigen Zeit spielt und sich mit der Frage beschäftigt, wie sehr die Vergangenheit noch in die Gegenwart wirkt.
Und wie kamen Sie zu «Gym»?
Zuerst dachte ich einfach, es könnte spassig sein, mal übers Fitnessstudio zu schreiben. Aber die Protagonistin verkörpert mit ihrem Ehrgeiz ein Thema, das mich schon länger beschäftigt: Was bedeuten Leistung, Anerkennung und Erfolg? Warum macht man sich davon manchmal so abhängig? Und was wäre, wenn man es nicht abschalten kann?
Hatten Sie neue Erkenntnisse während des Schreibens?
Mir wurde früh klar: Wenn es wirklich eine Figur ist, die nichts anderes kennt, die keinen Ausgleich hat – dann muss es auf jeden Fall eskalieren. Das kann nicht gut ausgehen. Weil ich nicht daran glaube, dass man, wenn man sich nur genug anstrengt und verbissen genug ist, und nicht mehr nach links und rechts schaut, zu einer Art von Erfolgt kommt, die glücklich oder zufrieden macht.
Die Leistung wird zum Selbstzweck, den man gar nicht mehr überwinden kann.
Genau. Selbst wenn die Protagonistin den gewollten Erfolg erreicht hätte, was hätte sie eigentlich davon? Ansonsten ist ihr Leben ja relativ leer.
Würden Sie sich selbst als ehrgeizigen Menschen beschreiben?
Ja, in bestimmten Bereichen und in anderen bin ich völlig ehrgeizlos. Aber klar gibt es Sachen, die mir sehr am Herzen liegen und in denen ich dann auch gut sein möchte.
Mir wurde früh klar: Wenn es wirklich eine Figur ist, die nichts anderes kennt, die keinen Ausgleich hat – dann muss es auf jeden Fall eskalieren.
Welcher Ehrgeiz treibt Sie beim Schreiben? Was erhoffen Sie sich, bei den Leser*innen auszulösen?
Erst mal hoffe ich immer, dass das Buch fertig wird und ich damit zufrieden bin. Und dass auch die Leute in meinem Umfeld zufrieden sind, mit denen ich daran so eng gearbeitet habe, wie zum Beispiel meine Lektorin oder Freundinnen, die auch schreiben und mit denen ich mich schon früh über den Text austausche. Wenn diese kleine Gruppe das Buch gut findet, ist schon mal das erste Ziel erreicht. Und was die Leserschaft in einem Buch sieht, ist mir aufgefallen, kann man überhaupt nicht vorhersehen und mitbestimmen. Deswegen glaube ich, ist es gut, wenn man sich nicht vorher vornimmt, mit dem Text etwas Bestimmtes auslösen zu wollen.
Wie würden Sie sagen, hat sich Ihr Schreiben seit dem ersten Buch verändert?
Das finde ich schwer zu sagen, auch weil die Bücher sich so unähnlich sind. Aber ich glaube schon, dass ich ein bisschen sicherer und auch freier werde im Schreiben und mehr ausprobiere. Bei «Gym» habe ich gesagt, ich mache jetzt mal, was ich will, egal wie das ankommt. Diese Freiheit ist, glaube ich, die grösste Veränderung.
Bis 2023 haben Sie ja noch als Werbetexterin gearbeitet. Haben Sie daraus auch was fürs literarische Schreiben mitgenommen?
In der Werbung muss man sich immer kurz fassen und meine Romane sind jetzt auch nicht so wahnsinnig lang. Die Angewohnheit, Überflüssiges zu streichen, kommt sicher daher. Aber sonst sind es schon sehr unterschiedliche Arten zu schreiben. Ich konnte früher auch nicht gleichzeitig an literarischen und Werbe-Texten arbeiten, weil letzteres kreativ so aussaugt.
Können Sie eigentlich noch ins selbe Fitnessstudio gehen, jetzt nachdem Ihr Roman schon ziemliche Bekanntheit erlangt hat?
Nachdem das Buch rausgekommen war, bin ich drei Monate lang nicht mehr ins Fitnessstudio, weil ich auch so viel für Lesungen unterwegs war und aus meiner Routine gefallen bin. Und dann dachte ich, es wird bestimmt voll komisch, da wieder hinzugehen, alle werden mich anstarren (lacht). Und natürlich war das überhaupt nicht so! Ich weiss nicht mal, ob die etwas von dem Buch mitgekriegt haben.
Verena Kessler beschäftigt sich im Roman «Gym» mit der Bedeutung von Leistung, Anerkennung und Erfolg. (Foto: Jacintha Nolte)