Was bleibt von der Frauen-EM?

von Janine Schneider 23. Juni 2026

Fussball Viele erhofften sich von der Europameisterschaft 2025 einen Boom des Mädchen- und Frauenfussballs in Bern. Ist er eingetroffen?

Es ist einer dieser Tage, an denen sich die Schlange vor der Gelateria di Berna mal wieder um mehrere Ecken biegt und die Eisverkäufer*innen kaum mit den Bestellungen nachkommen. Fünf Mädchen stehen hinter mir an, alle um die zehn, elf Jahre alt. Plötzlich prallt ein Ball gegen meine Beine. «Tschuldigung», sagt die Grösste der fünf und hebt den Fussball auf, dann spielen die Mädchen sich den Ball wieder in kurzen Pässen zu.

Ein Bild, wie ich es seit dem Eurojahr 2025 immer häufiger in Bern antreffe: Mädchen, die auf der Strasse oder auf Rasenplätzen Fussball spielen, den Ball gleich zur Pausenglacé mitnehmen. Es ist ein Jahr her, seit die Europameisterschaft der Frauen Bern ins Fussballfieber versetzte. Der Fussballverband Bern-Jura, Trainerinnen und Spielerinnen in Bern erhofften sich von der Meisterschaft einen zusätzlichen Boom des Mädchen- und Frauenfussballs, eine Nachwirkung, die über die ausverkauften Spiele und brodelnden Public Viewings hinausgeht. Wie sieht es ein Jahr später aus?

Rollen in Bern mehr Bälle seit der Frauen-EM? (Foto: David Schelker)

Der Aufwärtstrend hält an

Journal B hat für diesen Artikel alle zehn Stadtberner Fussballvereine mit Mädchen- und Frauenteams angefragt, ob sie seit der Europameisterschaft vermehrtes Interesse an diesen festgestellt hätten. Die Antworten der sechs Vereine, die auf die Anfrage reagierten, ergaben ein geteiltes Bild. Weder der SC Bümpliz noch FC Bethlehem konnten im vergangenen Jahr einen signifikanten Zuwachs ihrer Mädchen- oder Frauenteams verzeichnen. Christian Arroyo, Leiter der Junior*innenteams beim SC Bümpliz schreibt: «Wir konnten zwar einige neue Spielerinnen begrüssen, gleichzeitig haben aber auch einige aufgehört. Deshalb blieb die Anzahl der Spielerinnen insgesamt stabil.»

Beim SC Holligen 94, FC Breitenrain, FC Weissenstein und FC Länggasse sieht es anders aus. Thomas D’Ascoli, Vizepräsident und Juniorenobmann des FC Länggasse, erklärt, dass sie vergangenen Sommer temporär Wartelisten einführen mussten, um dem Ansturm gerecht zu werden. Im Grossen und Ganzen hätten sie ähnlich viel Zuwachs wie in den Vorjahren, gerade in den Mädchenteams bis zum Alter von 14 Jahren sei es aber zu einem Höchststand gekommen – zwischen dreissig und vierzig Mädchen hätten zwischen Sommer und Herbst neu angefangen. «Ein Problem ist, dass wir einfach zu wenig Platz haben, um mehr Angebote zu schaffen. Wir versuchen mit dem aktuellen Platzangebot das Optimum herauszuholen, stossen aber auch da langsam an Grenzen», schreibt D’Ascoli weiter.

Auffallend ist, dass inzwischen vermehrt fünf- bis sechsjährige Mädchen ins Training kommen.

Auch der FC Breitenrain konnte einen Zuwachs bei den Spielerinnen verzeichnen, der dem Wachstumstrend der letzten Jahre folgt. Aktuell gebe es beim FC Breitenrain im jüngsten Team für Mädchen unter sieben Jahren (FF-7) noch freie Plätze, bei allen anderen bestünde eine Warteliste. «Nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Trainer*innen-Suche ist eine stetige Herausforderung», erklärt Lydia Dubach, Kapitänin und Juniorinnen-Trainerin beim FC Breitenrain.

Zu Besuch beim FC Breitenrain, der im letzten Jahr grosse Erfolge erzielte. (Foto: David Schelker)

Das bestätigte auch Stefan Staub, Verantwortlicher für Mädchenfussball beim SC Holligen 94: «Es finden sich nur schwer motivierte Trainer*innen.» Der SC Holligen 94, so beschreibt es Staub, habe gespürt, dass die Begeisterung für Fussball bei den Mädchen im Quartier mit der Fussball-EM deutlich zugenommen habe. Der Verein hatte sich bereits im Vorfeld auf die Nachfrage vorbereitet – so hätten alle Mädchen ohne lange Wartelisten in passende Teams einsteigen können. Auch nach der EM wuchsen die Juniorinnen-Teams weiter. «Auffallend ist, dass inzwischen vermehrt fünf- bis sechsjährige Mädchen in das Training kommen», sagt Staub.

Der FC Weissenstein wiederum nutzte das EM-Fieber, um eine neue Kategorie für Spielerinnen unter 11 Jahren (FF-11) zu gründen. «Nach der EM erhielten wir mehr als 40 Anfragen von Mädchen, die bei uns Fussball spielen wollten», schreibt Giulietta Ferdinandi, Frauenverantwortliche des Vereins. Dank neuer Trainingsstrukturen hätten sie alle Mädchen aufnehmen können. Ferdinandi fügt an: «Dennoch zweifle ich nicht, dass sich auch ohne die EM neue Mädchen gemeldet hätten.»

Nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Trainer*innen-Suche ist eine stetige Herausforderung.

Auch Lydia Dubach, Kapitänin beim FC Breitenrain, betont: «Es ist schwierig zu sagen, ob die EM an sich einen grossen Effekt auf den Mädchen- und Frauenfussball in Bern hatte. Aber der Aufwärtstrend hält weiter an.» Wie Journal B in einer Recherche letzten Sommer aufzeigte, kam es bereits vor der Fussball-EM 2025 zu einem Boom des Mädchen- und Frauenfussballs. So hatte sich die Spielerinnen-Zahl in der Stadt Bern zwischen 2005 und 2025 verdoppelt.

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Trainerinnen-Kurse zeigen Wirkung

Der Schweizerische Fussballverband hatte das Projekt WEURO Legacy 2024-2027 initiiert, um den Frauenfussball über die EM 2025 hinaus nachhaltig zu fördern. In der Region Bern-Jura können sich Fussballvereine neu beraten und unterstützen lassen, um die wachsende Nachfrage nach Mädchen- und Frauenteams zu bewältigen. Die Einführung des Frauenwegs für Schiedsrichterinnen, die Förderung von Mädchen im freiwilligen Schulsport oder Events zu frauenspezifischen Themen im Fussball sind einige der Massnahmen, die im Rahmen dieses Projekts angegangen wurden.

Eines der Ziele: sowohl bei den Spielerinnen, wie auch bei den Trainerinnen, Funktionärinnen und Schiedsrichterinnen zwischen 2024 und 2027 eine Verdoppelung der Zahlen zu erreichen (Journal B berichtete). «Bei der Verdoppelung der Spielerinnen war für mich von Anfang an klar, dass das kaum zu erfüllen sein wird», sagt Lydia Dubach heute, die neben ihrer Tätigkeit beim FC Breitenrain auch als Verantwortliche Legacy und Ressort Frauenfussball für den Fussballverband Bern-Jura arbeitet, «die Vereine können in dieser kurzen Zeit gar nicht so viele neue Spielerinnen aufnehmen.»

Was braucht es, um Mädchen- und Frauenfussball zu fördern? (Foto: David Schelker)

Im Verband Bern-Jura sind seit Dezember 2023 zu den damals rund 5280 Spielerinnen 670 neue hinzugekommen. Das entspricht einer Steigerung von gerade einmal 12,7 Prozent. Mehr Erfolg hatte der Verband bisher bei den Trainerinnen. Zu den Ende 2023 insgesamt 320 Trainerinnen sind 104 neue hinzugekommen, eine Steigerung von 32,5 Prozent. «Da sind wir sehr zufrieden», sagt Dubach. In die Ausbildung von Trainerinnen haben Dubach und ihre Abeitskolleginnen im Rahmen des Innovations-Programms empowHER viel investiert: neben Netzwerktreffen und einem Mentoring-Programm gab es auch spezielle Ausbildungskurse nur für Frauen. «In der Evaluation haben wir festgestellt, dass viele mit einem deutlich höheren Selbstbewusstsein und grösserer Zufriedenheit aus diesen Kursen gekommen sind als diejenigen, die als einzige Frau zusammen mit rund dreissig Männern die Ausbildung gemacht haben», sagt Dubach.

Die Vereine können in dieser kurzen Zeit gar nicht so viele neue Spielerinnen aufnehmen.

Die Programme zur Förderung von Mädchen und Frauen im Fussball werden vom Fussballverband Bern-Jura weitergeführt: spezielle Netzwerkanlässe, Frauenkurse, das Trainerinnen-Mentoring. «Der Verband hat erkannt, wie wichtig diese Arbeit ist», sagt Dubach, «es ist schon viel passiert, aber es gibt auch noch viel Potenzial.» Lydia Dubach und ihre Kollegin Noemi Eli haben nun eine unbefristete Anstellung erhalten.

Der Blick auf den Stadtberner Frauen- und Mädchenfussball ein Jahr nach der Europameisterschaft zeigt: das Interesse von Mädchen und jungen Frauen am Fussball steigt weiterhin kontinuierlich an. Aber die Herausforderungen sind immer noch dieselben wie vor einem Jahr: Es braucht neben ausreichender Infrastruktur genug Trainerinnen und Trainer, die die neuen Teams trainieren können.

Mehr Interesse am Frauenfussball bedeutet auch mehr Bedarf an Infrastruktur und Trainer*innen. Der FC Breitenrain trainiert auf dem Spitz. (Foto: David Schelker)