Politik - Kolumne

Trans*skript einer Debatte

von Momo 6. Juli 2026

Vista Activa Während die Politik über angeblich zu niedrige Hürden für trans Menschen diskutiert, erlebt unser*e Kolumnist*in, wie hoch die tatsächlichen Hürden im Gesundheitssystem sind.

An einem beliebigen Dienstag nahm ich mir gerade vor, die geplante Kolumne über Postulat Nr. 25.4155 zu schreiben, als genau an diesem Morgen ein Brief in meinem Briefkasten landete. Darin stand, dass meine Medikamente von der Krankenkasse künftig nicht mehr übernommen würden und ich sie selbst bezahlen müsse, sofern ich nicht mein «medizinisches Leiden» begründen könne.

Für den Kontext: Es ist seit Jahren Teil meines gelebten Lebens als trans* Frau, dass ich mir zweimal die Woche Östrogenpflaster aufklebe, jeden Morgen Testosteron-Blocker und abends Progesteron-Tabletten schlucke. Die schweizerischen Testo-Blocker enthalten Laktose. Diese Erfahrung durfte ich als laktoseintolerante Person ganz alleine machen, ohne dass mich im Vorfeld eine der vielzähligen behandelnden Fachpersonen darauf hingewiesen hätte. Das ist – nun ja, sagen wir wie’s ist – ziemlich scheisse. Deswegen importiere ich die Blocker schon länger über die Apotheke meines Vertrauens in laktosefreier Version aus Deutschland und muss die Kosten dafür selbst übernehmen.

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Und nun kündigt mir die Krankenkasse an, ich dürfe die Östrogenpflaster bis aufs Weitere nicht (oder ebenfalls nur auf Selbstkosten) beziehen, wenn ich nicht durch ein psychiatrisches Gutachten bestätigen lasse, dass mein medizinisches Leiden gegeben und ich ausserdem zurechnungsfähig sei. Dass das betreffende Gutachten wohl teurer wird als eine Jahresration Östrogen, soll hier nur eine Randbemerkung sein.

Anstelle der Kolumne schrieb ich an diesem besagten Dienstag diverse Mails an diverse Fachpersonen. (Obwohl: So divers sind die gar nicht. Just saying!) Da ich gerade in Kolumnen-Stimmung war, hoffe ich, dass sich wenigstens die betreffenden Fachpersonen über meine literarisch formulierten Anliegen gefreut haben.

Eine fundierte Berichterstattung darüber findet in der Schweiz nicht statt.

Kommen wir aber endlich zum Hauptthema der Kolumne: Das Postulat Nr. 25.4155 von FDP-Nationalrätin Bettina Balmer mit dem Titel «Wie steht es um die medizinische Versorgung von Transjugendlichen in der Schweiz?». Die Debatte dazu wurde am 17.März 2026 im Nationalratssaal des Bundeshauses in Bern eröffnet und Nr. 25.4155 wurde schliesslich, wie ich erleichtert festhalten darf, angenommen.

Im Postulat ging es darum, eine solide wissenschaftliche Grundlage dafür zu schaffen, um dem Parlament eine informierte Entscheidung über die Motion Nr. 25.4081 von SVP-Politikerin Nina Fehr Düsel zu ermöglichen. Diese erhebt nämlich, die trans*feindliche Forderung, geschlechtsangleichende Operationen bei Minderjährigen in der Schweiz zu verbieten und Pubertätsblocker nur noch im Rahmen wissenschaftlicher Studien zuzulassen. Balmers Postulat ist in diesem Kontext deshalb wichtig, weil so verhindert wird, dass Düsels Motion einfach uninformiert angenommen wird und der Behauptung, dass trans sein ein «Trend» ist, mit wissenschaftlichen Fakten widersprochen werden kann.

Verflixung ist eine Besonderheit eines Systems, das eine*n mit einer Bürokratie überfordert, in der man sich nur verheddern kann, während gleichzeitig ständig an die Selbstverantwortung appelliert wird.

Das Problem an der ganzen Geschichte: Ähnlich wie meine privaten Streitigkeiten mit der Krankenkasse, ist die Thematik a) nicht sonderlich spannend, weil ich z.B. mit Nummern von Postulaten um mich werfen muss und b) reicht eine Kolumne nie und nimmer aus, um die Probleme von Düsels Motion in allen Einzelheiten aufzuzeigen. Eine fundierte Berichterstattung darüber findet aber in der Schweiz schlicht nicht statt – stattdessen titelt die NZZ lieber «Trans war ein Trend» und freut sich darüber, dass sich die «Gender-Debatte» wieder «normalisiert» hat. Nun müsste ich natürlich ausführen, weshalb das alles absoluter Quark ist – allerdings fehlt mir dazu a) der Platz und ich bin b) laktoseintolerant und beschäftige mich in meiner Freizeit nicht gerne mit Quark.

Womit ich hier zu kämpfen habe, ist, was die Philosophin Eva von Redecker «Verflixung» nennt. Sie schreibt: «Das unnennbare Elend ist weder blutig noch sexy […]. Ganz im Gegenteil: Eine zähe, zermürbende Langeweile ist gerade Teil des Leids und erschwert seine Vermittlung.»

Die Verflixung, welche von Redecker beschreibt, dürften wohl die meisten kennen – wenn man beim Telefonanbieter der Wahl mal wieder in einer Warteschlange hängt, ein Abo nicht kündigen kann oder eine Mahnung bezahlen muss, weil die Rechnung per Mail im Spam-Ordner gelandet ist. Verflixung ist nach von Redecker eine Besonderheit eines Systems, das eine*n mit einer Bürokratie überfordert, in der man sich nur verheddern kann, während gleichzeitig ständig an die Selbstverantwortung appelliert wird. Auch wenn diese Verflixung wohl alle bis zu einem gewissen Masse trifft, ist es meiner Ansicht nach eine Besonderheit von Personengruppen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, dass sie das eigene Leid – das in bürokratische Begriffe verpackt meist auch recht harmlos klingt – immer zuerst beweisen müssen, bevor ihnen geglaubt wird. Und beweisen heisst an dieser Stelle: Wissenschaftler*innen und Psychiater*innen haben mehr Deutungshoheit über mein Leben als ich. Und das wiederum heisst, ich bin der Verflixung stärker ausgeliefert als Menschen, die auf keine sogenannten Fachpersonen angewiesen sind.

Ich kenne keine einzige Person, die sich aus Spass mehrere Jahre mit der Krankenkasse gestritten hätte, weil das grad so sehr im Trend ist.

In diesem Kontext davon zu sprechen, dass die Hürden für geschlechtsangleichende Massnahmen zu niedrig seien, ist gelinde gesagt einfach nur ein Hohn – ein verständlicher zwar, denn über das Leid, das in dieser Verflixung entsteht, wird nicht geschrieben und nicht gesprochen, weil uns dafür schlicht die Sprache fehlt. Und die Plattform.

Gerne würde ich ausführlich auf die ganze Debatte rund um Motion Nr. 25.4081 eingehen und begründen, weshalb ich ausserordentlich erleichtert bin, dass Balmers Postulat 25.4155 angenommen wurde – nur bräuchte ich dafür weit mehr Zeichen, als sie einem in einer Kolumne zur Verfügung stehen.

Stattdessen möchte ich nochmals klarstellen: Ich kenne keine einzige Person, die sich ohne es sich gründlich zu überlegen mal einfach so aus Spass mehrere Jahre mit der Krankenkasse gestritten hätte, weil das grad so sehr im Trend ist. Auf der anderen Seite kenne ich ziemlich viele trans* Personen, die mehrere Jahre auf Leistungen warten, die ihnen eigentlich zustehen und genau deswegen leiden. Also ja (liebe Krankenkasse, liebe Nina Fehr Düsel), ich leide (das ist jetzt leider ein pathologisierendes Verständnis von trans* Sein, aber ich kann hier jetzt nicht auch noch differenziert sein)! Und wenn Ihr mir nicht glaubt, dann lasst mich halt einen mehrseitigen Artikel in der NZZ schreiben, in dem ich Euch das dann ausführlich begründe. Das Geld, das ich dabei verdiene, investiere ich auch gerne in Östrogenpflaster. Versprochen.