Alltag - Kolumne

Tram, alte Dame und Anfeindung: Kleine Lektionen einer grossen Welt

von Svitlana Prokopchuk 13. April 2026

Zwischen zwei Welten Ein Erlebnis im Tram bringt unsere Kolumnistin zum Nachdenken: über Diskriminierung, Vorurteile und die Frage, wo eigentlich ihr Platz ist.

So eine Geschichte ist mir nicht nur in der Schweiz, sondern überhaupt in meinem Leben zum ersten Mal passiert. Eine alte Frau stieg mit Hilfe einer Gehhilfe in das Tram ein. Ich räumte schnell einen Platz für sie frei. Doch in diesem Moment setzte sich das Tram in Bewegung, und es schien, als könnte die Frau das Gleichgewicht nicht halten und stürzen. Instinktiv hielt ich dieses technische Hilfsmittel fest, bekam dabei aber einen Schlag auf den Arm.

«Ich wollte nur helfen. Entschuldigung», sagte ich. Zur Antwort bekam ich ich einige unangenehme Worte über meinen Aufenthalt in der Schweiz zu hören und am Ende auf Russisch «spasibo» (danke). Und dieses «spasibo» klang so gehässig, dass mir klar wurde: Sie hatte ein Problem mit meiner Nationalität und nicht damit, dass ich ihre Gehhilfe berührt hatte.

Wo ist eigentlich mein Platz, wenn in meiner Heimat Krieg herrscht?

Ich habe lange über diese Geschichte nachgedacht. Ich suchte eine Rechtfertigung für die alte Frau und für mich selbst, weil ich mich nicht verteidigt hatte. Ich fragte mich: Sollte ich überhaupt helfen, wenn ich nicht darum gebeten werde? Aber das Wichtigste, worüber ich nachdachte, war: Wo ist eigentlich mein Platz, wenn in meiner Heimat Krieg herrscht?

Die Schweizer*innen zahlen keine Steuergelder für meinen Unterhalt – ich arbeite zu 100 Prozent und engagiere mich nebenbei freiwillig in Projekten, um denen zu helfen, die noch nicht arbeiten können. Sollte ich mich also schuldig dafür fühlen, dass ich hier… atme?

Diese Geschichte gab mir aber auch einen weiteren Anstoss zum Nachdenken: Gibt es Rassismus oder Diskriminierung in der Ukraine? Die Antwort ist: Ja. Obwohl sich ihre Erscheinungsformen in Ausmass und Form von denen anderer Länder unterscheiden könnten. Der Grund ist, dass es in der Ukraine deutlich weniger Ausländer*innen gibt als in der Schweiz. Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für Migration IOM lebten 2025 in der Ukraine etwa 285 000 Ausländer*innen, was weniger als ~0,7 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

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Wer wird in der Ukraine diskriminiert? Am häufigsten gibt es Vorurteile gegenüber afrikanischen Studierenden, Migranten*innen aus dem Nahen Osten oder der Minderheit der Romn*jat. Auch Geschlecht, Alter oder sexuelle Orientierung können Gründe für Diskriminierung sein. Oder Haarfarbe!
Als ich in der Ukraine lebte, hatte natürlich niemand mich, eine Ukrainerin, wegen meiner Nationalität oder Hautfarbe diskriminiert. Mein blond gefärbtes Haar wurde jedoch oft zum Anlass für Verdacht, ob ich… dumm sei. Besonders in der Ukraine ist dieses Vorurteil über Frauen am Steuer verbreitet. Um allen Zweifeln zuvorzukommen: In über 15 Jahren am Steuer habe ich keinen einzigen Unfall verursacht, und mehrmals konnte ich Unfälle vermeiden, die von brünetten Männern provoziert wurden.

Nach 2022 änderte sich durch den russisch-ukrainischen Krieg die Haltung gegenüber Binnenvertriebenen. Ukrainer*innen aus dem Osten stossen bei jenen aus dem Westen auf Misstrauen. Es kommt zu Auseinandersetzungen über mögliche prorussische Ansichten und die russische Sprache, die zuvor im Westen kaum jemand gehört hatte. Die Ukrainer*innen aus dem Osten werfen hingegen den Ukrainer*innen aus dem Westen vor, die Mieten im Westen erhöht zu haben. Wissen Sie, was sie vereint? Zusammen diskriminieren sie in sozialen Netzwerken Ukrainer*innen, die wegen des Krieges ins Ausland geflohen sind.

Ja, das Gesetz in der Ukraine verbietet Diskriminierung. Aber wie oft erreichen solche Fälle die Polizei oder Gerichte? Wahrscheinlich kaum. Ich habe nie bei der Polizei Beschwerde eingereicht, weil man mich eine dumme Blondine nannte.

Die Statistik der Schweiz zu Diskriminierung und rassistischen Vorfällen ist erschreckend.

Diskriminierung und Stereotypisierung gab es im Übrigen auch schon während der Sowjetzeit in der Ukraine. Obwohl die sowjetische Regierung die Freundschaft der Völker propagierte, gab es zwischen verschiedenen Nationalitäten mindestens «Konkurrenz». Ukrainer*innen hielten die Akzente der Aserbaidschaner*innen, das Aussehen der Georgier*innen, die «Langsamkeit» der Est*innen für lächerlich.

Auf der anderen Seite wurden ukrainische Menschen oft als «naive und rückständige Bauern» dargestellt, die sich vom «fortschrittlichen sowjetischen Volk»“ unterschieden. Doch die Bewohner*innen aller vierzehn Republiken litten unter «der Überlegenheit» der fünfzehnten – der russischen. Wenn ihr alte sowjetische Filme in der Originalsprache kennt, versteht ihr, wovon ich spreche. Im Kino «retteten» die Russen immer die Welt. Vertreter anderer Nationalitäten wurden oft als schmutzig, ungebildet und korrupt dargestellt, die in kriminelle Geschichten verwickelt waren.

Die Statistik der Schweiz zu Diskriminierung und rassistischen Vorfällen ist erschreckend. Im Jahr 2024 wurden 1 211 solcher Fälle registriert. Diese Zahl ist im Vergleich zu 2023 gestiegen. Wenn man die 1 211 Fälle auf 365 Tage verteilt, entspricht das etwa 3–4 registrierten Fällen pro Tag. Und wie viele Vorfälle bleiben unregistriert? Ich habe mich nicht über die alte Frau beschwert, der ich in der Strassenbahn helfen wollte.

Genau dort, wo wir uns weigern zu verallgemeinern, entsteht eine echte Gesellschaft.

Können Menschen nebeneinander leben, ohne auf Hautfarbe, Haarfarbe, Nationalität oder Religion zu achten? Wahrscheinlich nicht. Diskriminierung existiert schon so lange wie die Menschheit. Und die moderne Welt ist dank Fortschritt und Gesetzen bei weitem nicht die schlechteste Zeit. Aber genau dort, wo wir uns weigern zu verallgemeinern, entsteht eine echte Gesellschaft. Offen zu sein bedeutet nicht, naiv zu sein. Es bedeutet, ehrlich zu sein: bereit, die Komplexität zu sehen, eine andere Geschichte zu hören und einen Menschen nicht auf seine Herkunft zu reduzieren.

Während ich über dieses Thema nachdachte, erlebte ich noch eine weitere Geschichte. Ein Russe, der sein ganzes Leben in der Ukraine gelebt hatte, nannte mich «Bandera», als er mich in Bern Ukrainisch sprechen hörte. So bezeichnet die russische Propaganda verächtlich alle, die für die Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen.

Nach dem ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der 1959 von einem KGB-Agenten getötet wurde, weil er für die Unabhängigkeit der Ukraine von Polen, der UdSSR und den Nazis kämpfte. Ich bin jedoch keine Nationalistin. Ich liebe einfach mein Heimatland. Aber das ist schon eine ganz andere Geschichte.


Трамвай, старенька й вороже ставлення через національність: маленькі уроки великого світу

Така історія трапилась зі мною вперше не лише у Швейцарії, а й загалом у моєму житті. Старенька жінка зайшла у трамвай завдяки опорі для пересування літніх людей. Я швидко звільнила їй місце для сидіння. Та у цю мить трамвай рушив і, здавалось, жінка не втримає рівноваги та впаде. Інстинктивно я підтримала цей технічний засіб, але в результаті отримала удар по руці. “Я лише хотіла допомогти. Вибачте”, – сказала я. Натомість почула у свою відповідь кілька неприємних слів щодо мого перебування у Швейцарії, а вкінці російською мовою “спасибо”. І це “спасибо” звучало з такою ненавистю, що я зрозуміла: справа у моїй національності, а не в тому, що я доторкнулась до ходунків, бажаючи допомогти.

Я довго думала над цією історією. Шукала виправдання і старенькій жінці, і собі, яка не захистила себе від дискримінації. Запитувала себе: чи повинна я допомагати, якщо мене про це не просять? Але найважливіше, про що я міркувала: то де ж моє місце, якщо на моїй Батьківщині війна?  Швейцарія не витрачає на моє утримання грошей платників податків – я працюю 100 відсотків і роблю волонтерські проекти, щоб допомогти тим, хто ще не працює. То чи повинна я почуватись винною за те, що я тут… дихаю.

Але ця історія дала мені ще один поштовх для роздумів: чи існує расизм чи дискримінація в Україні? Так, в Україні дискримінація та расизм також існують, хоча їхні прояви можуть відрізнятися за масштабом і формою порівняно з іншими країнами. Річ у тому, що іноземців в Україні значно менше, ніж у Швейцарії. За даними Міжнародних джерел, у Україні проживає приблизно 285 000 іноземців, що становить менше ніж ~0,7 % населення країни. Це статистика 2025 року.

Кого ж дискримінують українці?  Ситуація багатогранна. Найчастіше з упередженим ставленням зустрічаються африканські студенти, мігранти з Близького Сходу або Ромська спільнота.  Стать, вік чи сексуальна орієнтація також можуть стати причиною дискримінації.  Або колір волосся! Коли я жила в Україні, ніхто мене, українку, за національність чи колір шкіри, звісно, не дискримінував. Натомість моє фарбоване у блонд волосся часто ставало причиною підозри, чи я бува… не дурна? Особливо в Україні цей стереотип поширений про жінок за кермом. Випереджаючи усі підозри, скажу, за понад 15 років за кермом я не вчинила жодної автопригоди і кілька разів мені вдалось уникнути аварій, які провокували брюнети чоловічої статі.

Після 2022 року через російсько-українську війну змінилося ставлення до внутрішньо переміщених осіб. Українці зі Сходу викликають підозри в Українців із Заходу. Вони чубляться за потенційні проросійські погляди і російську мову, якої раніше на Заході майже ніхто не чув. У відповідь українці зі Сходу дорікають українцям із Заходу за підвищення цін на оренду квартир. Знаєте, що їх об’єднує? Разом у соціальних мережах вони дискримінують українців, котрі виїхали через війну за кордон.
Так – так, законодавство України забороняє дискримінацію. Але чи часто подібні випадки доходять до поліції чи суду? Навряд чи. Я ні разу не скаржилась поліцейським за те, що мене назвали дурною блондинкою.

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Зрештою, треба визнати, що дискримінація чи стереотипізація була в Україні і під час Радянських часів. Попри те, що радянська влада декларувала дружбу народів, між різними національностями існувала як мінімум “конкуренція”. Українці вважали смішним акцент азербайджанців, зовнішність грузинів, “повільність” естонців  тощо.  Натомість українців часто представляли як «наївних і відсталих селянин”, що нібито відрізняє їх від «прогресивного радянського народу».  Втім, жителі усіх чотирнадцяти республік потерпали від зверхності пʼятнадцятої – російської. Якби ви дивились старі радянські фільми мовою оригіналу, ви б зрозуміли, про що я. В кіно росіяни завжди “рятували світ”. Натомість представників інших національностей часто зображали брудними, неосвіченими, корумпованими людьми, які потрапляли в кримінальні історії.

Статистика Швейцарії щодо дискримінації й расистських інцидентів загалом вражає. За 2024 рік тут зареєстрували 1 211 випадків таких випадків. Ця цифра зросла у порівнянні з 2023 роком. Якщо взяти 1 211 випадків за рік і розподілити на 365 днів, то це приблизно 3–4 зареєстровані випадки на день. А скільки існує незареєстрованих? Я ж не поскаржилась на стареньку бабусю, якій хотіла допомогти у трамваї!

Чи можуть люди жити поруч один одного і не зважати на колір шкіри чи волосся, національність чи релігію? Навряд чи. Дискримінація існує стільки, скільки й людство. І сучасний світ завдяки прогресу та законам – далеко не найгірший час. І поки я розмірковувала над цим питанням, пережила ще одну історію. Росіянин, який все своє довге життя прожив в Україні, щойно почувши мою українську мову у Берні, назвав мене “бандерою”. Так зневажливо російська пропаганда називає усіх, хто бореться за незалежність України. Через українського націоналіста Степана Бандеру, якого за боротьбу за незалежність України від Польщі, СРСР і нацистської Німеччини у 1959 році вбив агент КДБ. Втім, я – не націоналістка. Я просто люблю свою Батьківщину. Але це вже зовсім інша історія.