Streik ohne Demo

von Elisa Faes 16. Juni 2026

Streiktag Der diesjährige feministische Streik in Bern war anders. Statt eines grossen Demozugs verteilten sich über 100 dezentrale Aktionen in den Quartieren. Journal B war am 14. Juni in Bern unterwegs.

Der feministische Streiktag fiel dieses Jahr auf einen Sonntag. Nicht auf irgendeinen, sondern auf den Abstimmungssonntag zur «10-Millionen-Schweiz-Initiative» – ausgerechnet. Wer an diesem heissen Sonntag mit dem Velo durch die Berner Quartiere fuhr, traf keinen Demozug an, sah dafür an jeder Ecke violette Grüppchen mit Pinseln, Decken und Bastelzeug. Über 100 dezentrale Aktionen fanden in der Region verteilt statt.

Unterwegs in den Quartieren begegnen mir Begeisterung und Verständnis für das ungewohnte Streikprogramm. Vor dem Café Kairo wird am Streik-Flohmi gefeilscht, in der Brasserie Lorraine gibt es Brunch, auf der Grossen Schanze gemeinsames Häkeln im Schatten. Ich blicke in lachende, entspannte Gesichter. Alle haben Pläne für die nächsten Stunden, manche Entscheidungsschwierigkeiten aufgrund der vielen Aktionen. Auf der kleinen Schanze werden unter dem Motto «Smash the Patriarchy» Bretter zerschlagen, auf dem Münsterplatz gibt es Glitzer und Henna. Und ein kleiner Demozug läuft trotzdem: in Langnau im Emmental.

Eine andere Art, zu streiken: Basteln auf der Strasse. (Foto: Elisa Faes)
«Stitches against Patriarchy» heisst die Lismete auf der Grossen Schanze. (Foto: Elisa Faes)

Der Affspace an der Münstergasse wird für die Aktion «messages for her*» zur Briefwerkstatt. Die Idee: «Das Basteln eines Briefs an eine weibliche* Person, die dich inspiriert und bei der du dich schon lange bedanken wolltest.» Als ich vorbeischaue, herrscht eine andächtige Stimmung, an der Wand hängt die gemeinsam erarbeitete Collage. Vor dem Raum treffe ich die beiden Organisator*innen, die überzeugt sind vom diesjährigen Konzept: «Die Aktionen ermöglichen mehr Gemeinschaft als eine Demo. Sie sind niederschwellig und inklusiver, auch unsere Forderungen werden so auf eine andere Art sichtbar», finden sie.

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Durch die Aktion hätten sie heute schon viele schöne Begegnungen gemacht, an den vergangenen Demos seien sie jeweils eher in der eigenen Gruppe unterwegs gewesen. Die beiden sind bunt gekleidet und reden angeregt mit Passant*innen. «Wir schreiben selbst gerne Briefe, so sind wir auf die Idee für die Aktion gekommen».

Wir wollen den Streik wirklich dahin bringen, wo die Menschen an einem Sonntag sind, in die Quartiere.

Im Garten der Villa Stucki ist währenddessen «violette Pause». Das ist hier erklärterweise politischer Widerstand. Eine Teilnehmerin aus der Hängematte: «Wir machen Pause von den unendlich vielen Stunden an Care-Arbeit, die täglich von uns geleistet wird. Heute wollen wir für nichts und niemanden nützlich sein.» Nebenan trainiert eine grosse Gruppe Kickboxen im Kreis.

Der Affspace an der Münstergasse wird zur Briefwerkstatt. Die Idee: Briefe an Frauen* zu schreiben, die inspirieren und bestärken. (Foto: Elisa Faes)
Kickboxtraining im Garten der Villa Stucki. (Foto: Elisa Faes)

Kräfte bündeln

Olivia Borer vom Streikkollektiv nennt es eher eine Entscheidung für die dezentralen Aktionen als gegen eine Demo. Vor dem 14. Juni erklärt sie: «Wir wollen den Streik wirklich dahin bringen, wo die Menschen an einem Sonntag sind, in die Quartiere.» Es gehe allerdings auch darum, Ressourcen zu bündeln: «Wir haben schon eine grössere Arbeitsgruppe, die mit den Vorbereitungen für den 14. Juni 2027 beschäftigt ist. Da findet ein nationaler, wirklich grosser Carestreik statt, zu dem alle Schweizer Streikkollektive und auch die Gewerkschaften aufrufen.» Die vielen angemeldeten Aktionen freuen das Kollektiv: «Wir spüren eine grosse feministische Kraft in der Bevölkerung.»

Die Aktionen ermöglichen mehr Gemeinschaft als eine Demo.

Am Streiktag selbst auf dem Bundesplatz sagt mir Sara Möser aus der AG Medien, die Erwartung an eine Demonstration sei bewusst gebrochen worden. Ob es mit den Aktionen nicht fast mehr Aufwand gab? «Doch, aber die Arbeit ist so auf mehr Schultern verteilt. Es hat etwas Ermächtigendes, wenn Menschen zum ersten Mal selbst eine Aktion organisierten.» Sie erzählt von den vielen positiven Rückmeldungen, von der Kreativität, die da zusammenkam. «Wir freuen uns aber auch alle wieder auf eine grosse Demo», fügt sie grinsend hinzu.

Nach dem Konzert in der Heiliggeistkirche sang der feministische Streikchor im Bahnhof. (Foto: Elisa Faes)

13 Sekunden Wut

Kurz nach Mittag kommen die Hochrechnungen: Die 10-Millionen-Schweiz-Initiative ist abgelehnt. Erleichterung. Ab 15 Uhr kommen die ersten Gruppen aus den Quartieren auf dem Bundesplatz an, trommelnd und pfeifend. Der feministische Streikchor singt in der prätschvollen Heiliggeistkirche, später im Bahnhof. Ungnädig knallt die Hitze auf den Platz, einige kühlen sich im Brunnen ab. Sara Möser strahlt: «Heute Morgen bin ich durch die Stadt gefahren und es war einfach so schön, wie überall was los war.»

Unsere Wut ist laut. Unsere Trauer ist kollektiv.

Dann zeigt sich doch noch das gewohnte Bild: ein voller, violetter Bundesplatz. DJ-Sets, Performances, Reden. Ich entfliehe der Hitze für einen Sprung in die Aare und bin pünktlich auf den dritten Redeblock zurück. Die Gruppe Offensiv gegen Feminizide ruft den Platz auf, 13 Sekunden lang zu schreien – für die 13 Feminizide, die es 2026 bereits gab. «Unsere Wut ist laut. Unsere Trauer ist kollektiv. Ein Angriff auf eine ist ein Angriff auf uns alle.» Stille auf dem Bundesplatz.

Aktivist*in Tabea Rai betritt die Bühne. «Wir stehen hier, weil wir müssen. Wir werden unsichtbar gemacht, attackiert und ermordet – nicht nur Frauen, auch queere Personen, migrantische Menschen, einfach alle, die nicht der Norm entsprechen. » Und die Menge ruft «Ni una menos – nicht eine weniger». Tränen der Wut rollen – auch bei mir.

Wie immer ist der feministische Streiktag gefühlsintensiv, zur Trauer gesellt sich der Mut, die Solidarität, der Zusammenhalt, das gemeinsame Erleben dieses Tages. Gegen Abend tanzen wir alle, bis in die Nacht bleibt der Bundesplatz belebt.

Der Streiktag 2026 war vielleicht ruhiger als sonst. Und lauter, wo es drauf ankam.

Keine Demo, aber feministisches Rahmenprogramm auf dem Bundesplatz. (Foto: Elisa Faes)