«Stirnemann hat sich selbst immer zu den Aussenseitern gezählt»

von Janine Schneider 9. September 2026

Biographie Am 12. September wäre der Berner Troubadour Bernhard Stirnemann 90 Jahre alt geworden. Ein Spaziergang mit Beat Hodler, Historiker und Autor der neuen Biographie «E fräche Siech. Bernhard Stirnemann», führt zu den Schauplätzen in Bern, die das Leben des Chansonniers geprägt haben.

Kurz nach vier Uhr nachmittags öffnet sich die Tür des Mattelädelis alle paar Minuten und spuckt zufriedene Kundschaft aus, die sich ein Schöggeli, eine Pelatidose oder einen ganzen Wocheneinkauf gegönnt hat. Beat Hodler, freischaffender Historiker und Autor der neuen Biographie «E fräche Siech. Bernhard Stirnemann» beobachtet das Kommen und Gehen. Das Mattelädeli ist ein belebter Treffpunkt im heute ansonsten so ruhigen Quartier an der Aare mit seinen hübsch sanierten, niedrigen Häusern, den kleinen Boutiquen und schicken Architekturbüros.

Das Matte-Lädeli an der Gerberngasse 21.  (Foto: Tetiana Fokina)

«In den 1930er-Jahren war die Matte ein Unterschichtquartier», betont der Historiker, «das muss man nicht beschönigen: viele Wohnungen hatten kein fliessendes Wasser und keine Toilette im Haus.» In diesem Quartier lebte die Familie des Chansonniers Bernhard Stirnemann (1936-2011) seit ihrer Ankunft in Bern um 1910. Genauer: An der Gerberngasse Nummer 26, gleich gegenüber vom Mattelädeli. Gleich um die Ecke hatte der Grossvater seine Schreinerei, die Tante führte zwanzig Jahre lang das «Milchproduktegeschäft», den Vorgänger des heutigen Quartierladens.

Das Geburtshaus des Berner Chansonniers Bernhard Stirnemann an der Gerberngasse 26. (Foto: Tetiana Fokina)

Am 12. September 2026 wäre der Troubadour, neben Mani Matter einer der Begründer des Berner Chansons, 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erscheint die Biographie «E fräche Siech. Bernhard Stirnemann» im Zytglogge Verlag. Geschrieben hat sie der Berner Historiker Beat Hodler, der dafür zwei Jahre lang Archivmaterialien durchforstete und mit Zeitzeug*innen und Wegbegleiter*innen sprach.

Beat Hodler, freischaffender Historiker und Autor der neuen Biographie «E fräche Siech. Bernhard Stirnemann». (Foto: Tetiana Fokina)

Rolf Marti, selbst Berner Chansonnier, hat das Biographie-Projekt initiiert, herausgegeben und trug selbst zur Recherche bei. Stirnemanns Leben soll aber nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören sein. Deshalb plant Rolf Marti zusammen mit der Comedienne Lisa Catena eine Konzerttournee in Hommage an den Berner Liedermacher: an den Aufführungen spielen sie Stirnemanns Lieder, auch solche, von denen es keine offizielle Aufnahme gibt. Am 13. Oktober findet die Premiere im La Cappella statt.

Stirnemann war auch ein leidenschaftlicher Theatermacher, Politiker, Kulturmanager und Lehrer.

Bernhard Stirnemann steht bis heute im Schatten seines Troubadour-Kollegen Mani Matter. Lieder wie «Mys Käthi schmöckt nach Schoggola» würden oft fälschlicherweise letzterem zugeschrieben, so beschreibt es Rolf Marti im Vorwort zum Buch. Stirnemanns Namen sage heute vielen Berner*innen nichts mehr. «Mani Matter war eine Ausnahmeerscheinung», sagt Beat Hodler, «da muss man keine falsche Rivalität aufbauen. Aber Bernhard Stirnemann hatte andere Qualitäten: er war eben auch ein leidenschaftlicher Theatermacher, Politiker, Kulturmanager und Lehrer. Er hatte eine Ausstrahlung. Er war eben ein frecher Siech.»

Auf den Spuren dieses vielfältigen Lebens

Beat Hodler hat selbst lange Zeit als Lehrer an der Neuen Kantonsschule Aargau gearbeitet, daneben seit jeher auch Projekte als freischaffender Historiker verfolgt. Auf Anfrage erklärte er sich gern bereit, Journal B auf einen Spaziergang durch Stirnemanns Bern mitzunehmen. Die Beschäftigung mit Stirnemann habe ihm auch einen neuen Blick auf Bern ermöglicht, so Hodler, und gezeigt, dass viele der Themen, mit denen sich Stirnemann beschäftigte, nicht nur in Bern auftauchten, sondern typisch seien für die Nachkriegszeit. Die dramatischen Veränderungen, welche die Bundesstadt zu Lebzeiten Stirnemanns erlebte, seien nicht so einzigartig, wie viele Berner*innen gerne denken würden.

Die Lehrtätigkeit wird Stirnemann Jahrzehnte lang mit viel Leidenschaft im Bitziusschulhaus ausüben.

Der Spaziergang beginnt natürlich in der Matte. «Stirnemann selbst sagte von sich, dass er stark von seiner Herkunft aus der Matte geprägt war», erzählt Hodler, «er hat sich selbst immer zu den Aussenseitern gezählt.» Aussenseiter aufgrund der elsässischen Herkunft seiner Familie und dem katholischen Elternhaus, eine Besonderheit im damals streng reformierten Bern. Aussenseiter auch, weil er aus der Matte stammte. Er beginnt eine Schreinerlehre, bricht sie jedoch wieder ab und macht die Ausbildung zum Lehrer, ein sozialer Aufstieg. Die Lehrtätigkeit wird er Jahrzehnte lang mit viel Leidenschaft im Bitziusschulhaus ausüben.

Flussaufwärts führt uns Beat Hodler zum herrschaftlichen Haus an der Aarstrasse 62. Gegenüber rauscht die Aare übers Schwellenmätteli, weit oben fährt gerade ein Tram über die Kirchenfeldbrücke. «Hierhin zog Stirnemann mit seiner Frau Marianne, als sie um die dreissig Jahre alt waren.» Später erwarben sie weitere Häuser in Büren, im Tessin und auf den Balearen. «Das zeigt, dass Stirnemann eigentlich überhaupt kein Aussenseiter war, auch wenn er sich gerne so darstellte. Er war mitten in der Berner Gesellschaft angekommen. Er liebte es, viele Gäste einzuladen und für sie zu kochen, gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen.»

An die Aarstrasse 62 zog Stirnemann mit seiner Frau Marianne, als sie um die dreissig Jahre alt waren. (Foto: Tetiana Fokina)
(Foto: Tetiana Fokina)

Das Savoir Vivre hatte ihn schon als jungen Erwachsenen auf seinen Reisen durch Frankreich fasziniert. Die Pariser Cafés, in denen Künstler*innen ein und aus gingen und die Grössen des französischen Chansons wie Anne Sylvestre oder George Brassens beeindruckten ihn nachhaltig. Er übersetzte ihre Texte ins Deutsche. Und dann begann er an den Veranstaltungen des «Kerzenkreises» erstmals eigene Lieder vorzutragen.

Ein eigenes Kellertheater

In der Berner Altstadt sind viele Tourist*innen unterwegs, trotzdem sind die Türen zum Keller an der Kramgasse Nummer 16 geschlossen. Ein Schild verrät die Öffnungszeiten des Schmuckateliers, das heute hier eingemietet ist. «In den 1950ern und 1960ern entstand in den Kellern Berns eine regelrechte Untergrundkulturszene», beschreibt Hodler, «das war auch Resultat eines Strukturwandels: die Keller wurden nach dem Krieg nicht mehr als Vorratslager genutzt.» Stattdessen trafen sich im Souterrain der Stadt nun junge Berner*innen, kreative Köpfe, die Kultur jenseits des klassischen Kanons verwirklichen wollten. Hier an der Kramgasse 16 traf sich ein Kreis von Nonkonformisten, «eine sehr heterogene Gruppe, manche links, manche esoterisch, alle überzeugt, irgendwie zur Avantgarde zu gehören», so Hodler. An den Abenden des «Kerzenkreises» habe sich Stirnemann sehr wohl gefühlt und wohl auch seine ersten Lieder vorgetragen.

Marianne Stirnemann hatte grossen Anteil am Erfolg des Kellertheaters

Kurz darauf gründete Bernhard Stirnemann zusammen mit seiner Frau Marianne «Die Rampe» – ein Kellertheater etwas weiter oben in der Kramgasse, gleich neben der heutigen Confiserie Eichenberger. Zusammen mit Freund*innen renovierten sie den ehemaligen Gemüsekeller. «Die Rampe» war eines von vielen kleinen Kulturlokalen, die in dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Wie Hodler in der Biographie beschreibt, startete das Kellertheater im März 1961 nicht mit einem Theaterstück, sondern mit einem mehrtägigen «Happening» mit dem Titel «Aufruf zum Luxus». Aus alten Gebrauchsgegenständen wurden neue Kunstwerke geschaffen: «ein verrosteter Blechdeckel auf Tigerfell» oder «Socken hinter Glas in geschnitztem Rahmen.»

Hier in der Kramgasse befand sich «Die Rampe» – das Kellertheater von Bernhard Stirnemann und seiner Frau Marianne. (Foto: Tetiana Fokina)

Das Ehepaar Stirnemann führte «Die Rampe» zwanzig Jahre lang. «Marianne Stirnemann hatte grossen Anteil am Erfolg des Kellertheaters», sagt Hodler und blickt auf die geschlossenen Holztüren, die in die frühere «Rampe» führen. «Sie war von Berufs wegen Hauswirtschaftslehrerin, ausserdem eine gute Malerin und Schauspielerin, eine hervorragende Organisatorin und Moderatorin.» Sie soll sehr nahbar und gastfreundlich gewesen sein. Eine kleine Frau, sie fuhr in der Matte oft mit dem Kindervelo herum, Eitelkeit sei ihr fern gewesen, so erzählte es Aram Melikjan, der langjährige Inhaber des Mattelädeli.

Ein bisschen weniger besser wäre gut

In der «Rampe» trat auch immer wieder die mehrköpfige Formation der «Berner Troubadours» auf, zu denen Bernhard Stirneman zusammen mit Mani Matter gehörte. «Die Rampe» war sozusagen ihr Stammkeller, besass doch Stirnemann als einziger Troubadour ein eigenes Kulturlokal.

Wie der Historiker im Austausch mit Zeitzeug*innen erfuhr, war Stirnemann durchaus eine ambivalente Person. «Er war ein sehr guter Organisator und plante alles bis ins Detail. Aber er erntete auch gern den Applaus», erzählt Hodler. Das ist ganz wörtlich gemeint: So sei er zum Beispiel gerne als letzter auf der Bühne aufgetreten. Während die anderen Troubadours schon nach Hause gegangen waren, konnte er die Lorbeeren einheimsen. «Er konnte wohl ein richtiger Macho sein» sagt Hodler. Bei seiner Recherche ist er auf den Brief einer Zuschauerin gestossen, die dem Troubadour seine offenbar auch auf der Bühne sehr selbstbewusste und arrogante Art vorhielt. Das eigens für ihn verfasste Gedicht «Klar bisch besser» schliesst mit: «Wärsch e bitzeli weniger besser, wärsch guet!» Stirnemann bewahrte den Brief auf.

Bist du schon Mitglied?

Das Online-Magazin Journal B macht seit 14 Jahren Journalismus für Bern. Wir finanzieren uns grossteils über Mitgliederbeiträge. Bist du schon dabei?

Das Kellertheater «Die Rampe» musste 1981 schliessen. Der Zahnarzt, dem das Haus gehörte, hatte Eigenbedarf angemeldet. «Stirnemann nervte sich natürlich furchtbar darüber, dass der Eigentümer jetzt einfach seine Velos in den Keller stellen würde», schmunzelt Hodler, «die Wahrheit ist aber vielleicht auch, dass sich damals die avantgardistische Theater- und Kulturszene nach und nach aus den Kellern heraus bewegte.» Weshalb in einem Keller sitzen, so formuliert es der Historiker, wenn es rundherum leerstehende Gebäude (wie die Reithalle) gab, die bespielt werden konnten? Eine neue Jugendbewegung erfasste in den 1980ern Bern und machte den Nonkonformisten der 50er und 60er-Jahre ihren Platz streitig.

Neugierig bis zuletzt

Den Rundgang durch Stirnemanns Biographie und Bern beendet Beat Hodler beim Rathaus. Hier sass Stirnemann zuerst als Stadtrat (1972 bis 1982), dann im Grossen Rat (1982 bis 1998). Und das trotz der Spitzen, die er in seinen Liedern gerne gegen die politische Elite austeilte. Tatsächlich war er als Politiker trotz seiner Haltungen, die ihn eher an den linken Rand der SP führten, auch bis in bürgerliche Kreise Berns sehr beliebt. Er beschäftigte sich nicht nur mit Theater und Bildung, sondern auch mit Drogenpolitik, Polizeieinsätzen und Verkehrsfragen.

Auch im Kulturbereich engagierte sich Stirnemann nach Ende der «Rampe» weiter. So gründete er zusammen mit Franz Biffiger und weiteren Freunden 1992 das «Musigbistrot». «Es war eine Beiz, wie sie Stirnemann seit seiner Zeit in Paris vorgeschwebt hatte. Wo man ass, trank, Ellbogen an Ellbogen, und zusammen musikalische Darbietungen genoss. Vielleicht war das damals schon etwas aus der Zeit gefallen», sagt Hodler. Das «Musigbistrot» hat im Gegensatz zu vielen Kleintheatern aber bis heute überlebt.

Mit 75 Jahren starb Bernhard Stirnemann nach schwerer Krankheit. Zu früh. «Er sagte selbst, er hätte noch gerne etwas länger gelebt», so Hodler. Bis zuletzt sei er aber ein neugieriger Mensch geblieben. Wie Ruedi Krebs, Mit-Troubadour und Freund Stirnemanns erzählte, hingen in seiner Wohnung bis zuletzt unzählige Post-Its – mit Ideen für neue Lieder und Projekte.