11.30 Uhr, Schützenmatte. Cornelia Stücker kontrolliert die Gästeliste, im Schatten zeigt das Thermometer bereits 32 Grad. Die Politiker*innen sind ausgerüstet mit Schwimmhilfen, Aaresäcken für den Rhein, Hüten und Sonnenbrillen. Kaum losgefahren, vermisst Alexander Feuz sein Handy. Eine Extrarunde durch den Breitsch später ist es wieder da. Vorne im Car posten Helin Genis, Jacqueline Brügger, Nadine Äbischer und Barbara Keller fleissig Selfies. Die Plätze werden getauscht, Fraktionen durchmischen sich, überall entstehen kleine Gespräche.



Gastfreundschaft mit Botschaft
Um 12.40 Uhr Ankunft in der Villa Crescenda – ein Ort, der mit der Geschichte von Jelena Filipovic verbunden ist. Während des Gymnasiums hat sie hier gearbeitet. Gastgeberin Béatrice Speiser freut sich über den Besuch und erzählt von der Institution, die Frauen in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integriert. Sie mahnt in ihrer Rede: Aktuell würden vielerorts Entwicklungsgelder gestrichen, mit verheerenden Auswirkungen auf viele Schicksale. Im Schatten der Bäume hören die Politiker*innen zu. Zum Abschluss des Programmpunkts überreicht die Basler Grossratspräsidentin Gianna Hablützel-Bürki Jelena Filipovic ein Basler Leckerli und einen Wickelfisch – passend zum Rheinschwimmen, dem informellen Highlight des Tages.



Nach dem Mittagessen teilt sich die Reisegesellschaft auf. Die einen ziehen weiter zur Ueli-Bier-Führung in der Brauerei Fischerstube. Diese wehrte sich einst gegen das Schweizer Bierkartell und steht seit ihren Anfängen für Bürgernähe, Unabhängigkeit und Solidarität im Quartier. Bis heute vermietet sie die Wohnungen über der Brauerei kostengünstig. Andere spazieren gemeinsam an den Rhein zum Baden und Verweilen. Eine weitere Gruppe nimmt am Frauenstadtrundgang Basel teil, Treffpunkt Münsterplatz.

Gossip
Der Verein Frauenstadtrundgang Basel bietet seit über 30 Jahren unkonventionelle Stadtspaziergänge an, erarbeitet von Studierenden und Wissenschaftlerinnen der Universität Basel. Der Titel diesmal: «Gossip – belanglos, weiblich, gefährlich?».
Etymologisch geht das Wort «gossip» zurück auf das altenglische «godsibb», zusammengesetzt aus «god» und «sibb» (verwandt, verbunden), von dem auch das Wort «sibling» abstammt. Ursprünglich meinte es die Taufpatin oder den Taufpaten, später enge Vertraute, insbesondere Frauen, die einer Gebärenden beistanden. Erst ab dem 16./17. Jahrhundert kippte die Bedeutung ins Abwertende: Aus der vertrauten Freundin wurde die Klatschtante, aus dem Gespräch unter Verbündeten das «unnütze Geschwätz».
Trotz des schlechten Rufs hat Gossip eine wichtige soziale Funktion: Er stärkt Beziehungen, schafft Vertrauen, hält Gruppen zusammen und ist ein Mittel für Menschen mit weniger Privilegien. «Gossip ist sozialer Klebstoff, es geht um Vertrauen», sagen die Tourguides. «Gossip ist Spiegel der Machtverhältnisse. Welches Wissen ist legitim, welches nicht?»
Die Frage bekommt vor der nächsten Station Gewicht. Es geht um die schätzungsweise 70’000 bis 100’000 Menschen, die in der Schweiz ohne gültige Aufenthaltspapiere leben. Aus Angst vor Entdeckung und Ausschaffung bleiben sie im Verborgenen und sind auf informelle Netzwerke angewiesen dort, wo Gerede zugleich überlebenswichtig und gefährlich sein kann. Die Guides zitieren aus dem Buch «Von der Kraft des Durchhaltens»: Sans-Papiers kommen darin selbst zu Wort, statt dass nur über sie gesprochen wird.
Vor dem Hauptgebäude Universität Basel endet der Rundgang unter dem Relief eines Lehrers und Schülers. Hier wurden im Rahmen der #MeToo-Proteste, Fälle von sexualisierter Gewalt an der Universität angeprangert. Damit fand der Gossip eine Öffentlichkeit und wurde zum Politikum.


Baden im Rhein
Die letzte Station in Basel ist der Rhein. Auf einem alten Schiff gibt es Apéro, dann Znacht: Falafel und reichlich Getränke. Doch bevor gegessen wird, wagen viele Ratsmitglieder einen Sprung ins kühle Nass. Einige, wie Monique Iseli und Esther Meier, springen sogar von einem drei Meter hohen Eisengestell in den Rhein. Thomas Glauser schwimmt derweil mit seiner Badenudel im Wasser und Seraphina Iseli kommt mit einem Getränk dazu.




Rückweg
Um 21.15 Uhr geht es zurück Richtung Bern. Um 22.42 verabschieden sich die Politiker*innen unter der der Eisenbahnbrücke. Der Tag, der um 11.30 Uhr am selben Ort begonnen hat, endet hier. Einige gehen noch ins Sous le Pont, für ein Schlummi.

Ein ungewohntes Bild des Berner Stadtrats, hier bei der Abkühlung im Rhein. (Foto: David Fürst)