Alltag - Kolumne

Spontan oder geplant? Was unsere Kultur über Nähe verrät

von Svitlana Prokopchuk –26. Oktober 2026

Zwischen zwei Welten In der Ukraine kommt Besuch oft spontan, in der Schweiz wird selbst ein Kaffee unter Freunden Wochen im Voraus geplant. Unsere Kolumnistin fragt sich, was diese Unterschiede über Nähe und kulturelle Prägung verraten.

Vor Kurzem jährte sich der Tag zum siebten Mal, an dem ich in der Ukraine eine Wohnung gekauft habe. Ein Jahr vor der russischen Vollinvasion schloss ich die Renovation vollständig ab. In der Silvesternacht hängte ich neue Vorhänge an die Fenster. Es war der letzte, lang ersehnte Schritt bei der Einrichtung meines Zuhauses, von dem ich mein ganzes Leben lang geträumt hatte.

«Ich komme schnell auf einen Kaffee vorbei, ich bin gerade in der Nähe», sagte meine Freundin jedes Mal, wenn sie in der Gegend war und wusste, dass ich an diesem Tag frei hatte. Diese Spontaneität vermittelte ein Gefühl von Nähe. Wir konnten stundenlang am weissen runden Tisch in meiner Küche sitzen, die ich im Stil der französischen Provence eingerichtet hatte. Ich war glücklich. Auch in der Schweiz empfange ich gerne Freunde. Allerdings planen wir unsere Treffen zwei bis drei Wochen im Voraus. Deshalb habe ich mich gefragt: Was ist besser – ukrainische Spontaneität oder das Schweizer Bedürfnis, alles im Voraus abzusprechen?

Für die eine Person kann ein überraschender Besuch ein Zeichen von Nähe sein, für eine andere eine Verletzung persönlicher Grenzen. Deshalb wähle ich meine Worte beim Schreiben dieses Textes mit Bedacht. Es besteht immer die Gefahr, bestehende Stereotype zu verstärken oder ein Klischee auf eine ganze Bevölkerung zu übertragen.

Eine Erklärung für die ukrainische Spontaneität habe ich ausgerechnet in der amerikanischen wissenschaftlichen Literatur gefunden. Die Studien, die ich dazu gelesen habe, stützen sich auf Interviews und soziologische Befragungen von Menschen, die zu Sowjetzeiten in Gemeinschaftswohnungen lebten. Gastfreundschaft wird darin nicht einfach als «die Gewohnheit, freundlich zu sein» betrachtet, sondern als sozialer Mechanismus der Kommunikation.

Für die eine Person kann ein überraschender Besuch ein Zeichen von Nähe sein, für eine andere eine Verletzung persönlicher Grenzen

Das sowjetische Wohnmodell bestand nicht nur aus Kommunalwohnungen mit mehreren voneinander getrennten Zimmern, einer gemeinsam genutzten Küche und einem gemeinsamen Bad. Auch sonst lebten die Menschen damals meist in kleinen Wohnungen. In einem einzigen Zimmer konnten mehrere Generationen zusammenleben! Das alles führte dazu, dass die Grenzen zwischen «meinem» und «unserem» weniger klar waren. Die Küche, der Innenhof, die Nachbarn und die Verwandten gehörten zum sozialen Lebensraum. Deshalb wurde es nicht unbedingt als Übergriff empfunden, «ohne Voranmeldung vorbeizukommen». Und wenn eine Nachbarin einer Frau riet: «Lass dich endlich von deinem Mann scheiden», konnte das eher als Zeichen von Fürsorge denn als Verletzung ihrer Privatsphäre verstanden werden.

In der Sowjetunion funktionierten die offiziellen Institutionen oft schlecht oder waren schwer zugänglich. Einen guten Arzt zu finden, der einen «richtig untersucht» – also einen weder beschämt noch von oben herab behandelt –, gelang häufig nur über die Familie, Freunde, Nachbarn oder Bekannte. Wer einen Kühlschrank oder einen Fernseher kaufen wollte, musste sich auf eine Warteliste setzen lassen. Verwandte oder Freunde konnten dabei helfen, die Wartezeit von Monaten oder sogar Jahren zu verkürzen.

Warum bedeutet Nähe im ukrainischen kulturellen Selbstverständnis oft, dass weniger Distanz und weniger formelle Absprachen nötig sind?

Wenn also jemand sagte: «Ich komme bei dir vorbei», bedeutete das nicht nur, dass man sozialen Kontakt pflegen wollte. Es schwang auch die Botschaft mit: Wenn etwas passiert, helfen wir einander. Dabei geht es allerdings um eine Zeit, in der bereits eine relative «Tauwetterperiode» eingesetzt hatte.

Noch in den 1930er-Jahren konnte ein vertrauliches Gespräch mit jemandem zur Verbannung nach Sibirien führen. Und ein Gespräch, das von einem Nachbarn belauscht wurde, konnte langjährige Haft oder sogar die Hinrichtung zur Folge haben. Wann und wie sich das Verhältnis zu Freunden und Nachbarn nach dieser verheerenden Periode der sowjetischen Geschichte verändert hat, kann ich bis heute nicht verstehen. Fachliteratur zu genau dieser Frage habe ich bislang nicht gefunden.

Deshalb würde ich die Frage «Warum gehen Ukrainer*innen unangemeldet zu Besuch?» anders formulieren: «Warum bedeutet Nähe im ukrainischen kulturellen Selbstverständnis oft, dass weniger Distanz und weniger formelle Absprachen nötig sind?»

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In der Schweiz beobachte ich das Bedürfnis nach Planung überall. Mittlerweile verstehe ich selbst kaum noch, wie man den Geburtstag einer Freundin feiern kann, wenn die Einladung erst am Vortag kommt. Ein Gespräch mit meinem Chef wurde einen Monat im Voraus vereinbart. Bevor ich erfahren habe, dass solche Mitarbeitergespräche zum normalen Arbeitsalltag gehören, dachte ich ständig darüber nach, was ich wohl falsch gemacht hatte.

Konzerttickets kauft man zwei Monate im Voraus. Und ein Zugticket drei Wochen vorher. Übrigens fuhr ich auf einer Geschäftsreise gerade deshalb nicht mit dem Zug, für den ich ein Ticket gekauft hatte, sondern mit dem, für den ich eines gekauft zu haben glaubte. Ich musste ein neues Ticket kaufen, nicht weil ich verschlafen hatte, sondern weil ich überzeugt war, mein Zug fahre um neun Uhr morgens. Tatsächlich fuhr er bereits um sieben. Mein Ticket überprüfte ich erst am Bahnhof und nicht am Vorabend der Reise. Da haben wir sie wieder, die Spontaneität!

«Aber in der Schweiz leben doch auch viele Menschen in Wohngemeinschaften», werden Sie jetzt vielleicht sagen. Ja, ich kenne ebenfalls viele Menschen, die in einer WG leben. Trotzdem bleibt das Bedürfnis, Treffen im Voraus zu vereinbaren. Ein Terminkalender gehört hier fast zur Grundausstattung. Es hängt also nicht nur vom Charakter der Menschen ab, sondern auch von der Geschichte und davon, wie sie es gewohnt sind, miteinander zu leben.

Hat sich bei den Ukrainer*innen seit dem Ende der Sowjetunion wirklich nichts verändert? Besonders bei den sechs Millionen Menschen, die wegen des Krieges die Ukraine verlassen haben? Oder bei den rund 73’000 Menschen, die heute in der Schweiz leben? Ich glaube, dass wir nach und nach auch die Erfahrungen und Gewohnheiten der Länder übernehmen, in denen wir leben.

Und was ist mit den Menschen, die in der Ukraine geblieben sind? Sie haben inzwischen aufgehört, überhaupt noch etwas zu planen. Denn ihr Leben gleicht heute einem Glücksspiel: Man gewinnt oder verliert. Man überlebt oder nicht.