So viel Andrang wie zu Anfangszeiten

von Janine Schneider 22. Mai 2026

Sucht Nach 26 Jahren musste das Biwak in Burgdorf schliessen. Die Koda, Berner Schwester des Behandlungszentrums für Suchtmedizin, hat seither alle Hände voll zu tun.

«Reisebüro» steht in alten Lettern über der Milchglas-Tür. Auf den Tischen liegen Papierservietten, kleine Pflaster, Desinfektionsmittel und eine Schachtel mit Einwegnadeln. Wer zum Standort Koda der Behandlungszentren für Suchtmedizin Bern und Biel (BZS) kommt, hat bereits eine weite Reise hinter sich: Menschen mit schwerer Opioid-Abhängigkeit, etwa einer Heroinsucht, erhalten hier pharmazeutisch hergestelltes Heroin oder Ersatzmedikamente, die sie direkt einnehmen oder spritzen können. Ziel ist nicht der Entzug, sondern Suchtkranke vom illegalen Konsum wegzubringen und gesundheitlich wie psychisch zu stabilisieren.

Kurz nach elf Uhr morgens herrscht Ruhe hier an der Belpstrasse in Bern. Nichts deutet darauf hin, dass in der Koda derzeit so viel läuft, wie schon lange nicht mehr. Zu den regulären 190 Patient*innen kamen Anfang April schlagartig 38 neue hinzu. «So viele waren es zuletzt, als ich vor 18 Jahren hier angefangen habe», erklärt Philipp Stettler, der die Standortleitung der Koda und die Gesamtleitung der Behandlungszentren für Suchtmedizin (BZS) in Biel und Bern innehat.

In der Koda muss es sehr hygienisch zu und her gehen. (Foto: Janine Schneider)

Ende März mussten die BZS ihren dritten Standort in Burgdorf schliessen. Das sogenannte Biwak war 26 Jahre lang eine wichtige Anlaufstelle für Suchtkranke in der Region gewesen – nah an ihrem Wohnort, ausserhalb der grossen Städte und damit auch fern der Drogenszenen in Bern und Biel. Zuletzt nutzten 85 Patient*innen die Leistungen des Biwak.

Eine Herausforderung für die Patient*innen

Mit allen suchte man eine Anschlusslösung: ein gutes Dutzend wechselte zur Suchtberatungsstelle Contact in Langenthal oder Bern, ein Drittel lässt sich die Substitutionspräparate vom Hausarzt verschreiben und holt sie in der Apotheke ab, 38 Patient*innen wechselten zur Koda nach Bern.

«Es ist sicher für alle eine schwierige Situation», sagt Simone Schär von der Stiftung Contact, «man muss aus dem gewohnten Setting raus und eine neue Routine entwickeln.» Es sei noch zu früh, um über die Auswirkungen für die Patient*innen zu sprechen, aber die ersten Aufnahmegespräche mit den ehemaligen Biwak-Klient*innen hätten bereits stattgefunden.

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«Der Wechsel zur Koda hat sehr gut funktioniert, auch wenn einiges natürlich anders ist für diejenigen aus Burgdorf», befindet Stettler. Die Koda ist grösser, weniger familiär, hat zum Teil andere Abläufe und Regeln. Hinzu kommt die Zugreise nach Bern. Damit die ehemaligen Biwak-Patient*innen diese nicht zweimal täglich antreten müssen, hat das Zentrum die Mitgabe-Optionen erweitert.

Philipp Stettler ist Standortleiter der Koda an der Belpstrasse. (Foto. Janine Schneider)

«Die Frage ist aber, wie es denjenigen geht, die das Hausarzt-Apotheke-Modell gewählt haben», so Stettler. Hausärzt*innen hätten oft weniger Erfahrung mit Suchterkrankungen. Und für einige Patient*innen bedeutet der Wechsel des Modells auch einen Substanzwechsel.

Die Frage ist, wie es denjenigen geht, die das Hausarzt-Apotheke-Modell gewählt haben

Hinzu kommt: Die Behandlungszentren bieten eine ganzheitliche Betreuung an. Fachpersonen aus der Psychologie, der Sozialarbeit und der Pflege kümmern sich um die Anliegen der suchtkranken Menschen, helfen bei Krankheit, Steuererklärung oder Wohnungssuche. Ein Teil des Fachpersonals konnte direkt aus Burgdorf nach Bern wechseln und so weiterhin seine Stammpatient*innen betreuen. Stettler vermutet, dass wohl auch deshalb einige ehemalige Biwak-Klient*innen noch vom Hausarzt-Apotheke-Modell in die Koda wechseln werden.

Fehlende politische Rückendeckung

Behandlungszentren wie die Koda entstanden in der Schweiz als Reaktion auf die offenen Drogenszenen der 1980er- und 1990er-Jahre. Die erste offene Szene entstand in Bern auf der Münsterplattform, nach deren Schliessung verlagerte sie sich von der Münstergasse über die Marktgasse und Herrengasse auf die Kleine Schanze, von dort auf die Bundesterrasse und 1991 schliesslich in den Kocherpark. Drogentote, Prostitution und Verelendung: Der Park wurde innert kürzester Zeit zu einem der grössten Drogen-Hotspots in Europa.

Bis 1992 hatte sich die Situation dermassen zugespitzt, dass die Stadt Bern die Szene räumen liess. Gleichzeitig formulierte der Gemeinderat eine Vier-Säulen-Drogenpolitik, die in diesem Jahr in angepasster Form auch auf Bundesebene angewandt wurde: Zur Repression hinzu kamen Prävention, Therapie und Schadensminderung.

In der Umsetzung der Opioid-Agonisten-Therapie, wie sie die BZS anbieten, avancierte die Schweiz international zur Vorreiterin.

In Bern war bereits 1987 das weltweit erste staatlich tolerierte «Fixerstübli» entstanden. 1994 begann ein Pilotprojekt der Universität Bern mit dem Versuch, Suchtkranken unter ärztlicher Kontrolle Heroin abzugeben. 1999 folgte die Annahme des Bundesbeschlusses zur ärztlichen Verschreibung von Heroin durch die Stimmbevölkerung.

In der Umsetzung der Opioid-Agonisten-Therapie, wie sie die BZS anbieten, avancierte die Schweiz international zur Vorreiterin. In der Therapie,  auch als «Substitution« bekannt, ersetzen legale Medikamente illegale Opioid-Drogen,  etwa Methadon das Heroin. Entsprechend besorgt ist Dr. med. Ingo Butzke, Chefarzt der Klinik für Psychose und Abhängigkeiten in Münsingen: «Das Biwak ist wohl das erste Opioid-Agonisten-Modell in der Schweiz, das nach so vielen Jahren schliessen muss. Und das, obwohl es sehr erfolgreich war.» Das sei ein schwerwiegendes Fanal für die Versorgung von Suchtkranken.

Eine Liege steht für diejenigen Patient*innen bereit, denen eine Pflegeassistenz beim Spritzen helfen muss. (Foto: Janine Schneider)

Ein unbeliebtes Berufsfeld

Wie kam es dazu? Jeder Standort der BZS benötigt einen Facharzt oder eine Fachärztin. Diese haben die BZS jeweils von der Klinik Südhang «eingekauft», erklärt Philipp Stettler. Im August 2025 erhielt der leitende Facharzt des Biwak von der Klinik die fristlose Kündigung. Grund waren, so geht es aus einer Medienmitteilung hervor, integritätsverletzende Äusserungen gegenüber Mitarbeiterinnen.

«Diese Entscheidung war sicher begründet», so Stettler, «aber wir hatten von einem Tag auf den anderen keinen Facharzt mehr vor Ort.» Für eine Suchttherapiestelle wie das Biwak, die 365 Tage im Jahr geöffnet ist und wo Patient*innen täglich vorbeikommen, ein Schock. In der Folge rotierten die beiden Fachärzt*innen der KODA zwischen Burgdorf und Bern, eine Notlösung.

Die Klinik Südhang hätte die 40-Prozent-Stelle nach Vertrag neu besetzen müssen, konnte jedoch keine Nachfolge finden. «Die Psychiatrie ist in erheblichem Ausmass vom Fachkräftemangel betroffen», erklärt Kathrin Hausammann, Kommunikationsbeauftragte der Klinik Südhang auf Anfrage. Noch schwieriger sei es, Fachärzt*innen für die Suchtpsychiatrie zu finden. «Zudem ist das Angebot des Biwak mit der Opioid‑Agonisten‑Therapie mit einem sehr spezifischen Anforderungsprofil verbunden.»

Die Suchtmedizin stand schon immer am untersten Ende der Berufsskala, wenn es um Bezahlung und Ansehen geht.

Philipp Stettler vermutet, dass nicht zuletzt die Lage des Biwaks ausserhalb der grossen Städte als Arbeitsort weniger attraktiv sei. Auch das nahe Spital Emmental und die Klinik Selhofen konnten auf die Schnelle keine Fachärzt*innen stellen. Der Vorstand des Vereins BZS entschloss, das Biwak zu schliessen. Aufgrund der Kündigung des Kooperationsvertrages seitens Klinik Südhang sind die Ärzt*innen in der KODA zudem seit dem ersten April direkt beim Verein BZS angestellt.

«Die Suchtmedizin stand schon immer am untersten Ende der ärztlichen Berufsskala, wenn es um Bezahlung und Ansehen geht», erklärt Dr. Ingo Butzke, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin. Hinzu komme die gesellschaftliche Stigmatisierung von Suchterkrankungen, «das Unbehagen vor dem Krankheitsbild an sich.»

Butzke beobachtet auch ein Umdenken in der Politik: «Für ein solches Randangebot wie das Biwak bräuchte es eigentlich viel politische Rückendeckung.» Aber das politische Interesse am Thema habe stark abgenommen, die junge Politiker*innen-Generation, die den Platzspitz nicht mehr erlebt hat, besässe kein Problembewusstsein mehr.  «Sie verstehen nicht, wie wichtig das bestehende engmaschige Versorgungsnetzwerk ist, sowohl für die Patient*innen als auch für die Gesellschaft.»