Über die vergangenen Hundstage – also eigentlich den halben Sommer – gab es in unserer WG im Fischermätteli ein wiederkehrendes Ritual: Morgens, wenn es draussen noch einigermassen kühl war, wurden die Fenster und Läden geschlossen, um Sonne und Hitze aus der Wohnung zu verbannen.
Spätabends, wenn die Hitze des Tages langsam der relativen Kühle der Nacht wich, wurde die Wohnung dann radikal durchgelüftet. Die Fenster blieben offen, bis das Ritual am nächsten Morgen von neuem begann. So liess sich die Temperatur in der Wohnung auf einem erträglichen Niveau halten, während das Quecksilber draussen auf 35, 36 oder 37 Grad stieg.
Blüten des Klimawandels
Das kleine Ritual funktionierte ohne festgelegte Zuständigkeiten, angetrieben nur von unserem sehnlichen Bedürfnis nach einem habitablen Heim und erholsamem Schlaf. Diesen Sommer ist es unabdingbar geworden: Die Hitzerekorde purzelten nur so, und während wir noch darüber diskutierten, ob gerade die zweite oder dritte Hitzewelle des Sommers zu Ende ging, rollte bereits die nächste an. Die Klimakrise ist definitiv in Bern angekommen, und sie hat das mediterrane Klima zu uns gebracht – wie es zwar prognostiziert, aber wohl von den wenigsten so schnell erwartet wurde.
Was Du jetzt gegen die kommende Hitzewelle tun kannst: Flug Buchen! *Lach-Emoji*
Wer wie ich Mühe hat mit den hohen Temperaturen, sehnt sich nach kühleren Gefilden. Viele zieht es in den Norden, nach Skandinavien beispielsweise, und manche von ihnen reisen ironischerweise mit dem Flugzeug. Die Fluggesellschaft Edelweiss hatte sich diesen Sommer in die Nesseln gesetzt, als sie auf Instagram einen 20-Minuten-Beitrag zur Hitzewelle mit der Empfehlung kommentierte: «Was Du jetzt gegen die kommende Hitzewelle tun kannst: Flug Buchen! *Lach-Emoji*».
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Ob sich das Social-Media-Team einen makabren Scherz erlaubte oder es sich der triefenden Ironie tatsächlich nicht bewusst war, ist nicht überliefert. Die Airline sah sich jedenfalls genötigt, sich für die «falschen Signale» zu entschuldigen. Ungeachtet dessen konnte der Flughafen Zürich einen neuen Allzeit-Rekord verbuchen.

Es locken die Berge
Als umweltbewusster Reisemuffel wollte ich aber ohnehin nicht in den hohen Norden: Denn statt der geografischen Breite lässt auch die Höhenstufe wechseln, um der Hitze zu entrinnen. Das kleine, in der Zwischenzeit leicht talwärts geneigte Chalet an der Lenk, welches meine Grosseltern vor knapp 60 Jahren oberhalb des Dorfes gebaut hatten, war diesen Sommer für mehrere Wochen mein Refugium. Zwar wurde es in den letzten Wochen auch im Simmental regelmässig über 30° heiss. Aber das war immer noch um Welten angenehmer als die Temperaturen, bei denen man im Mittelland niedergegart wurde.

Die zwar nicht kühlen, aber eben kühleren Temperaturen lockten diesen Sommer besonders viele Menschen in die Berge. Das freut unter anderem die Bergbahnen, die hervorragende Beförderungszahlen präsentieren konnten: Um 29 Prozent lagen die Gästezahlen (Sommersaison bis Ende Juli) über jenen des Durchschnitts der letzten fünf Jahre. Besonders ausgeprägt war das Wachstum im Berner Oberland mit ganzen 63 Prozent.
Die zwar nicht kühlen, aber eben kühleren Temperaturen lockten diesen Sommer besonders viele Menschen in die Berge.
Auch Lenk Tourismus vermeldet auf Nachfrage einen beträchtlichen Zuwachs an Übernachtungen und Tagesgästen. Die «Sommerfrische», die vor dem Aufkommen des Wintersports als Massenphänomen ein wichtiges Verkaufsargument für Ferien in den Bergen war, scheint ein Comeback zu erleben – und so manchem Wintersportort den klimabedingten Umbau zur Ganzjahresdestination zu erleichtern.
Die Lenk befindet sich diesbezüglich in einer speziellen Situation: Viele Leute aus dem Mittelland haben es meinen Grosseltern in den letzten Jahrzehnten gleichgetan und sich in den Alpen ein Ferienhäuschen gebaut oder eine Zweitwohnung gekauft – bis gestiegene Land- und Immobilienpreise, das Raumplanungsgesetz und die Annahme der Zweitwohnungsinitiative diese Praxis stark einschränkten. Im Kanton Bern weisen nur Adelboden und Hasliberg einen höheren Zweitwohnungsanteil auf als das hinterste Dorf Simmental mit dem angeblich schönsten Talabschluss der Alpen.
If Live Gives You Lemons…
Remote-Office und die Tatsache, dass viele Zweitheimische bereits im Rentenalter sind, eröffnen interessante Perspektiven für Destinationen wie die Lenk: Viele, denen es irgendwie möglich ist, dürften es wie ich halten und die eine oder andere Hitzewelle in den Bergen aussitzen. Lenk Tourismus bestätigt auf Nachfrage den Trend: Man könne feststellen, dass die Zweitheimischen während Hitzeperioden häufiger an die Lenk kämen und länger verweilten.
Vereinfacht gesagt: Cool is the new hot.
Die Destination hat den Trend auch schon als Verkaufsargument erkannt: «Gerade an heissen Tagen wird die angenehme Höhenlage der Lenk zunehmend zum Standortvorteil», lässt sich die Geschäftsleiterin von Lenk-Simmental Tourismus, Helena Galanakis, zitieren. «Das Thema ‹Coolcation› haben wir deshalb bereits in unserer Vermarktung aufgegriffen und sehen darin auch für die kommenden Jahre grosses Potenzial. Vereinfacht gesagt: Cool is the new hot.»
Ich konstatiere: Die Hitzewellen werden nicht nur für die Airlines zu einer neuen Business Opportunity. Spannend wenn man bedenkt, dass der Bergtourismus aufgrund der abnehmenden Schneesicherheit eigentlich als klarer Verlierer des Klimawandels gilt.
Der Gletscher geht den Bach runter
Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich an der Lenk indes nicht nur in den Büchern der Bergbahnen. Seit einigen Jahren läuft ein Gletschersee, der sich aufgrund der rasanten Gletscherschmelze jeden Sommer auf der Plaine Morte bildet, jeweils unkontrolliert in die Simme aus. Im Jahr 2018 führte dies zu Überschwemmungen und beträchtlichen Schäden im Tal. Und auch wenn hier kein grösserer Bergsturz wie etwa in Kandersteg droht, bergen häufigere und extremere Ereignisse in Zukunft Gefahren für das Tal.

Auch in der Landschaft zeigen sich die Veränderungen: Im Talboden, wo traditionell nur Futterwiesen kultiviert wurden, wird seit einigen Jahren auch Mais angebaut, der aufgrund regelmässiger Gewitter deutlich grüner war als jener im Mittelland (noch so eine Business Opportunity). Die Berge werden grauer, und den Rezligletscher, die vorderste Zunge der Plaine Morte, sieht man seit einigen Jahren vom Dorf aus nicht mehr. Noch vor Ende dieses Jahrhunderts wird der grösste Plateaugletscher der Alpen verschwunden sein.

Ein Rückzugsort für die heissen Tage: Das Familienchalet an der Lenk in der Abendsonne (Foto: Raphael Wyss)