Die Erfahrung der meisten Migrant*innen oder geflüchteten Personen ist eine Geschichte von Verlust, Neubeginn und Hoffnung. Auf dem Weg zu einer gelungenen Integration ist es wichtig, nicht nur mit der eigenen Traumatisierung umzugehen, sondern auch ein neues Selbstgefühl in einer unbekannten Umgebung zu entwickeln.
Oft wird angenommen, dass sich Kinder leichter anpassen als Erwachsene – Psycholog*innen widersprechen jedoch diesem Mythos. Kinder reagieren auf Stress häufig unterschiedlich: durch Ängstlichkeit, Schweigsamkeit oder Lernschwierigkeiten. Daher ist psychologische Unterstützung für Kinder ein wesentlicher Bestandteil von Anpassung und Integration.
Zu uns kommen viele Patient*innen, die noch nie zuvor Kontakt mit Psychiatrie oder Psychotherapie hatten
An der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJP) der UPD Bern erhalten nicht nur Migrant*innen psychologische und psychiatrische Hilfe. Alle Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre aus dem Kanton Bern können sich an die Fachkräfte wenden.
Seit 2022 gibt es eine Sprechstunde für Minderjährige aus der Ukraine
«Zu uns kommen viele Patient*innen, die noch nie zuvor Kontakt mit Psychiatrie oder Psychotherapie hatten», sagt Christian Hertel, leitender Psychologe im Ambulatorium Bern. «Wir helfen Kindern und Jugendlichen, die traurig, ängstlich, unkonzentriert oder aggressiv sind, die unter Schlafstörungen, Essproblemen, Selbstverletzungen oder Suizidgedanken leiden. Manche kämpfen mit Drogenkonsum oder Halluzinationen – das ganze Spektrum kinder- und jugendpsychiatrischer Störungsbilder.»

Die Sprechstunde für Minderjährige aus der Ukraine besteht seit 2022 und richtet sich an Patient*innen, die den Krieg in der Ukraine erlebt haben und geflüchtet sind. Die Behandlung wird durch Tatiana Rieber durchgeführt, die selbst russisch und ukrainisch spricht. «Ich habe in Kliniken und in eigenen Praxis gearbeitet – insgesamt bin ich seit fast 20 Jahren in diesem Bereich tätig. In den letzten drei Jahren habe ich zusätzlich als Freiwillige mit Kriegswitwen und Kindern gearbeitet», erzählt Rieber.
«Aufgrund der sowjetischen Vergangenheit sind Psychiatrie und Psychotherapie in der Ukraine immer noch stigmatisiert. Viele Menschen haben Angst, dadurch als ‹psychisch krank› abgestempelt zu werden. Kinder fürchten sich weniger – die Eltern viel mehr», erklärt Rieber. Deshalb erklärt sie vor jeder Sitzung, wie das System in der Schweiz funktioniert.

Viele Patient*innen glauben zunächst, dass andere von ihrem Klinikaufenthalt erfahren könnten. Doch die Behandlung ist vertraulich. Informationen zur Behandlung werden nur im Einverständnis der Patient*innen weitergegeben.
Manche Jugendliche möchten ihre Eltern überhaupt nicht bei den Sitzungen dabeihaben. Konflikte zwischen Eltern und Kindern gehören daher oft zur Arbeit der Psycholog*innen. Sie erklären den Jugendlichen, warum die Zusammenarbeit wichtig ist – manchmal nicht gleich am Anfang, aber später im Prozess. «Fast immer gelingt es uns, das Vertrauen der Eltern zu gewinnen», sagt Hertel.
Insgesamt dauern die meisten ambulanten Therapien zwischen einem halben und einem Jahr. Manchmal beenden wir die Therapie früher, wenn sich der Zustand deutlich verbessert.
Frau Rieber ist spezialisiert auf die Arbeit mit traumatisierten Menschen. Bei psychischen Belastungen, die sich unabhängig von Kriegs- oder Fluchttraumata zeigen, werden ukrainische Patient*innen an andere Fachstellen weiterverwiesen.
Jugendliche dürfen an der KJP Bern auch eigenständig zu den Psychotherapeut*innen kommen. Manchmal tun sie das auf unkonventionellen Wegen. «Eines Abends kam ein junger Mann aus der Ukraine allein zu uns und bat um Hilfe», erinnert sich Hertel. «Ich war als Einziger noch im Ambulatorium. Der Junge sprach kaum Englisch, also nutzten wir digitale Übersetzungstools, um uns zu verständigen. Wir konnten ihm glücklicherweise zeitnah einen Termin anbieten.»
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Ob telefonisch oder per E-Mail – beide Wege zur Anmeldung sind möglich. Die Dauer der Therapie ist unterschiedlich, doch die Krankenkassen übernehmen in der Regel 15 Sitzungen, einmal pro Woche. Danach kann die Behandlung um weitere 15 Sitzungen verlängert werden. Nach 30 Sitzungen prüft die Krankenkasse, ob und weshalb weitere Unterstützung benötigt wird.
«Insgesamt dauern die meisten ambulanten Therapien zwischen einem halben und einem Jahr. Manchmal beenden wir die Therapie früher, wenn sich der Zustand deutlich verbessert. Ist das Gegenteil der Fall, prüfen wir, ob eine tagesklinische oder stationäre Behandlung notwendig ist. Vorher zeigen wir den Jugendlichen, wie diese Station aussieht», erklärt Rieber.
Eine stationäre psychiatrische Behandlung von Migrant*innen kann durch die Sprachbarriere erschwert sein. Bislang gibt es kaum Möglichkeiten mit Dolmetschenden im Alltag zu arbeiten und auch technische Hilfsmittel wie app-basierte Übersetzungen stehen noch nicht zur Verfügung, sind nicht datensicher oder sehr teuer. Nähere Informationen zur Sprechstunde für ukrainische Kinder und Jugendliche an der KJP Bern können auch auf der Homepage nachgelesen werden (auch Ukrainisch oder auf Russisch).

Seit 2022 betreut Psychotherapeutin Tatiana Rieber in Bern geflüchtete Kinder aus der Ukraine, die den Krieg erlebt haben. (Foto: David Fürst)