Nach traumatischen Erlebnissen in den Polizeikesseln vom Oktober 2025 sowie Januar 2026, die im ersten Teil unserer Kolumne beschrieben wurden, stehen wir Ende Januar 2026 wieder auf der Strasse. Solidarisch mit dem Kampf der Kurd*innen. Dem blauen Wasserwerfer der Kapo Bern begegnen wir fast täglich – genauso wie Verbunds-Aufgeboten Schweizer Polizist*innen in Vollmontur. An einer der Demonstrationen für Rojava schiesst die Polizei ohne Anlass und aus nächster Nähe mit Gummischrot auf uns. Wir stehen ihnen ohne Schutzausrüstung, mit Transparenten und Parolen skandierend gegenüber.
Waren da nicht noch Strassenmärsche der anderen Art? Doch! Anders sah es nämlich am 22. Januar aus: Nachdem Bern bereits im Dezember von rechtsextremen Fussballfans des FC Lille heimgesucht wurde und es am Vorabend des Spiels zu Angriffen vermummter Rechtsextremer auf die Reitschule kam, wurden nun knapp 2’000 Fans vom FC Lyon erwartet – ebenfalls bekannt für rechtsextreme Gewalt.
Trotz rechtsextremer Parolen, Hitlergrüssen und Sachbeschädigungen vor den Augen der Polizei, kommt es im Januar zu keinem Mitteleinsatz und nur einer Verhaftung.
Nachdem die Kantonspolizei Bern in Vergangenheit bei absehbaren Aufmärschen rechter Gewalttäter*innen meist versagte, organisieren sich Lokale auf der Route Bollwerk-Lorraine solidarisch gegen den Schutz möglicher Attacken. Wie immer stehen wir an solchen Tagen mit Freund*innen selbst im Perimeter Reitschule/Bollwerk – zum Schutz der Arbeiter*innen und Gäst*innen – und zur Beobachtung der Polizeiarbeit.
Trotz rechtsextremer Parolen, Hitlergrüssen und Sachbeschädigungen vor den Augen der Polizei, kommt es im Januar zu keinem Mitteleinsatz und nur einer Verhaftung. Der Einsatz war der Polizei nicht einmal eine Medienmitteilung wert, obwohl illegale Waffen sichergestellt wurden.
2019 – Wir erinnern uns: Damals reisten mehrere Hundert Rechtsextreme und Neonazis für das Spiel von YB gegen Roter Stern Belgrad nach Bern. In den Medien wurde bereits Tage vor dem Spiel vor der Gewaltbereitschaft der Fans gewarnt.
Was machte die Kantonspolizei Bern unter Sicherheitsdirektor Reto Nause? Nichts: Nebst Sachschaden kam es ab der Höhe Bollwerk zu Gewaltexzessen der Hooligans. So ging ein Mob Hooligans auf einen Klienten der Contact-Anlaufstelle los. Der einzige Polizist in der Nähe war ein Verkehrspolizist. Nur mit seiner Dienstwaffe bewaffnet und am Kontrollieren zweier Personen auf einem PubliBike. Dieser Polizist konnte die drohende Lebensgefahr der angegriffenen Person nur durch den Einsatz seiner Dienstwaffe mit scharfer Munition (Warnschuss in die Luft) knapp verhindern.
Wir nahmen den Vorfall aus kurzer Distanz auf Video auf. Es dauerte lange, bis Verstärkung eintraf und es kam zu keinen unmittelbaren Verhaftungen vor Ort. Auch die zusätzlich ausgerückten Einsatzkräfte konnte den Aufmarsch des rechtsextremen Mobs – entgegen ihren Behauptungen – noch länger nicht im Zaum halten: So wurde nur unweit vom ersten Vorfall – auf der anderen Seite der Lorrainebrücke – das Café Kairo und seine Gäst*innen attackiert.
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2022 – Wieder im Perimeter Bollwerk: Der sogenannte «Rocker-Prozess» zwischen Hells Angels und Broncos gegen die Bandidos findet im Berner Amtshaus statt. Die Polizei war vor Ort und setzte kurzzeitig Mittel ein – jedoch beobachteten wir einen Umgang, der viel zurückhaltender ist als an linken Demonstrationen. Obwohl sich die verfeindeten Rockerbanden mit Steinen und Flaschen bewarfen und auch Einsatzkräfte und einen Polizeihund angriffen.
Für die angereisten Mitglieder der Rocker-Clubs, in denen bekannterweise kriminelle Strukturen herrschen, wurde der Verkehr gesperrt, Platz auf der Schützenmatte eingerichtet und ihnen ermöglicht, ihre Macht mitten in der Stadt öffentlich zur Schau zu stellen. Die Delikte dieser Banden reichen in der Vergangenheit von Schiessereien über Waffenhandel, Waffenbesitz, Vergewaltigungen, Drogen- und Menschenhandel.
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Wir leben in einer Zeit, wo Demonstrationen für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden mit der ganzen Staatsmacht gewaltvoll niedergestreckt werden, während Neonazi-Umzüge durch die Stadt weitgehend ungehindert gewährt werden. In einer Welt, wo die wenigen polizeikritischen Medien von Polizei-Zulieferern wie Palantir für ihre Berichterstattung vor Gericht gezogen werden oder «Leitmedien» gegen faktenbasiert berichtende, kleine Online-Medien hetzen.
Die Ohnmacht lässt uns weiter nach Lösungsansätzen suchen. Einer davon ist Abolitionismus. Auch dieses Jahr wird die Thematik in Bern intensiv beleuchtet: Die zweite Ausgabe vom «Abolish!» findet vom 22. Mai bis 6. Juni 2026 in der «Anstadt» im Marzili-Quartier statt.
Schaffen tun wir diesen Wandel nur gemeinsam, solidarisch, anti-kapitalistisch, intersektional und internationalistisch. Oder um es in den Worten der Abolitionistin Ruth Wilson Gilmore zu sagen: «Abolition setzt voraus, dass wir eine Sache ändern: Nämlich alles.»
Diese Aufnahmen von der Anti-WEF-Demonstration im vergangenen Januar wurden von den Kolumnist*innen als Ergänzung zum Text zur Verfügung gestellt.
Eine Aufnahme vom Polizei-Einsatz an der Anti-WEF-Demonstration vom vergangenen Januar. (Foto: Tobias Ettlin)
