Am Bahnhof Bern versammeln wir uns Mitte Januar 2026 mit wenigen Hundert Aktivist*innen. Der Grund ist alle Jahre derselbe: Protest gegen das Treffen der mächtigsten Kriegstreiber und Neo-Imperialisten, denen in Davos der rote Teppich ausgerollt wird.
Gemeint ist das World Economic Forum. Das Motto der Demo ist simpel: Smash WEF!
Wir stehen von Beginn an einem vielfach überlegenen Polizeiheer gegenüber und waren, de facto ab Ankunft, am Versammlungsort eingekesselt. Andere schafften es gar nicht zu uns, da das Areal weitläufig abgesperrt war und willkürliche Polizeikontrollen und Beschlagnahmungen durchgeführt sowie Wegweisungen ausgesprochen wurden. Das Vorgehen ist nach internationalem Recht problematisch: Demonstrieren ist ein Grundrecht – die Versammlungsfreiheit ist auch ohne Bewilligung zu gewähren. Ein Grundrecht, das in der Schweiz durch den «Bewilligungszwang» grundsätzlich beschränkt ist und am 17. Januar 2026 nicht wirklich gewährt wurde, wie mehrere NGOs monierten.
Mindestens zwei Demo-Sanitäter*innen in Uniform mit Medizinrucksack wurde ihre Ausrüstung vor Beginn der Demonstration abgenommen. Die Begründung vor Ort: «Wir konfiszieren alles, was den Demonstrierenden einen Vorteil verschaffen könnte». So wurden auch unzählige Schutzbrillen vor der Demonstration auf – vermutlich fehlender rechtlicher Grundlage – beschlagnahmt. Dies von derselben Behörde, die schon so oft aus nächster Nähe auf Kopfhöhe auf uns schoss, verantwortlich für unzählige schwere Augenverletzungen ist und neuerdings ungetestete, harsch kritisierte Geschosse mit hohem Metallgehalt einsetzt.
Die Spirale staatlicher Gewalt in Bern dreht sich spätestens seit dem 11. Oktober 2025 ungebremst und scheint eine neue Ära der Repression jenseits der Verhältnismässigkeit eingeläutet zu haben.
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Recap Oktober 2025: Während renommierte Organisationen wie die «Demokratischen Jurist*innen» oder «Amnesty International» auf Basis von überprüften Fakten klare Worte für das Fehlverhalten der Polizei fanden, war der öffentliche Diskurs von Polemik und Lügen seitens Politik und Medien geprägt. Allen voran: Ex-Stapi Alec von Graffenried. Er versuchte die Demonstration mit der Aussage «In Gaza herrscht Frieden – die Menschen haben Freude» zu delegitimieren. Gemeinderätliches Gaslighting, welches das Leid der Menschen in Palästina ins Lächerliche zieht.
Über uns und die rund 550 unter Generalverdacht gestellten und kollektiv bestraften Menschen, die im Polizeikessel teilweise zehn Stunden unter prekären Bedingungen (keine Toilette, kein Wasser, Kälte, Nässe) festgehalten wurden, sprach kaum jemand: viele junge und ältere Menschen, Queers, Minderjährige, diverse Pressevertreter*innen und Demo-Sanitäter*innen – rund die Hälfte davon TINFA* (trans, intergeschlechtliche und non-binäre Personen, Frauen und agender Personen). Keine gewaltbereiten Chaot*innen, sondern ein Querschnitt der Gesellschaft, Zu Recht solidarisch-kämpferisch und besorgt über das politische Klima in der Schweiz, in Europa und global.
Wichtiger war der Politik Meinungsmache: Nebst drastischen und unverhältnismässigen Forderungen seitens der bürgerlichen Allianz nach Gesichtserkennung, KI und Festnahmen wurde der kurze Brand beim Restaurant Della Casa, dessen Ursachen noch unklar sind, ausgeschlachtet: Politik und Medien zeichnen das Bild von einer lebensbedrohlichen Situation und gezielter Brandstiftung. Wir erfahren von einer Person aus dem Umfeld des Gastronomiebetriebs, dass das Gebäude unterkellert sei und über sichere Ausgänge verfüge. Weiter seien Medien aktiv auf Mitarbeitende zugegangen, auf der Suche nach Aussagen, die dieses Bild der «Todesangst» weiter zementieren.
Ein paar Monate später wird der Bundesrat mehr Rechte für den Nachrichtendienst einfordern, um Gefahren der nationalen Sicherheit besser entgegnen zu können.
Ein paar Monate später wird der Bundesrat mehr Rechte für den Nachrichtendienst einfordern, um Gefahren der nationalen Sicherheit besser entgegnen zu können. Abgesehen hat es der Geheimdienstchef auf linke Aktivist*innen. Kommunizieren wird er es offen, indem er an der Pressekonferenz die Oktober-Demonstration als Beispiel für einen Fall der «nationalen Sicherheit» nennt.
Doch damit nicht genug: im März 2026 wird die Kantonspolizei Bern in einer noch nie dagewesenen Form eine Öffentlichkeitsfahndung nach Demonstrant*innen starten und Fotos von Menschen online veröffentlichen, die ohne Schuldbeweis für immer im Netz kursieren werden. Ein weiterer Höhepunkt in Sachen Repression, im globalen Klima vom Rechtsruck.
Fast Forward: Zurück im Januar 2026, Smash WEF!
Ein immenses Polizeiaufgebot – ein Verbund aus Polizist*innen aus beiden Basel, Zürich, Wadt, Luzern, Neuenburg und Aargau – macht sich bereits am Nachmittag an mehreren Standorten in Bern bereit. Wir zählen über 80 Einsatzfahrzeuge verschiedenster Art, die Anzahl Polizist*innen schätzen wir auf gegen 800.
Diese schwerbewaffnete und aggressive Staatsmacht steht unserer kleinen Demonstration mit schweren Fahrzeugen, schier unzerstörbarer Rüstung, Gewehr und bellenden Kampfhunden gegenüber.
Wir zählen über 80 Einsatzfahrzeuge verschiedenster Art, die Anzahl Polizist*innen schätzen wir auf gegen 800.
Wir drehen einige eingeengte Runden um den Bahnhofsplatz, doch bald wird uns klar: Heute wird es keinen Demonstrationsumzug geben. Ernüchterung und Enttäuschung macht sich breit – die Demonstration beginnt sich langsam aufzulösen.
Erst danach ertönt eine der wenigen Polizeidurchsagen, die unter dem Baldachin verständlich ist. Sie fordert die Auflösung der Kundgebung und stellt ein Ultimatum von zehn Minuten. Doch es gibt keinen Ausgang. Wir sind eng umstellt von unzähligen Reihen von «Robo-Cops», Einsatzfahrzeugen, Wasserwerfern und bellenden Hunden. Wir wissen nicht wohin.
Plötzlich, ohne weitere Vorwarnung, stürmt die Polizei in die Menge: mit Pfefferspray und Schlagstöcken – viele von uns wissen gar nicht, was überhaupt geschieht.
Nach dem Tumult wird uns plötzlich klar: Wir sind nun richtig eingekesselt. Schnell wird der Kessel enger. Die Menschenkette von Polizist*innen weicht bald Gitterwagen. Bis wir in einem gefängsnisartigen Raum zwischen Gitterwagen, Heiliggeistkirche und unter dem Baldachin eingesperrt sind. Mehrere Reihen Einsatzkräfte und Fahrzeuge stehen ausserhalb bereit.
What the fuck is going on? Die Demonstration war friedlich, es kam zu keinem Sachschaden oder Angriffen.
Trotz den widrigen Umständen – uns geht’s einigermassen gut. Einzelne Menschen werden von ebenfalls eingekesselten Demo-Sanitäter*innen verarztet. Die Stimmung bleibt trotz allem positiv, die Menschen sind unvermummt, es gibt keine Aggression, es fliegen keine Gegenstände. Doch rausgelassen wird niemand. Die Stimmung bleibt gelassen, Menschen schauen zueinander, einige spielen mit herumliegenden Materialien Fussball. Viele tauschen sich aus – im Vordergrund die Frage: What the fuck is going on? Die Demonstration war friedlich, es kam zu keinem Sachschaden oder Angriffen. Wir verhalten uns ruhig. Was machen die? Wann können wir nach Hause?
Noch lange nicht. Die Machtdemonstration geht weiter. Es kommt zu drei schockierenden Zugriffen im Polizeikessel: mehrere Polizist*innen stürmen rein, setzen ziellos Pfefferspray ein und machen Jagd auf Einzelpersonen, knien diese mit vier bis fünf Einsatzkräften zu Boden, machen aggressive Festnahmen – ohne vorherige Ankündigung, obwohl kein Widerstand geleistet wird und mit einer Brutalität, die uns fassungslos zurücklässt. Nach jedem Zugriff müssen mehrere Menschen von unseren Sanitäter*innen betreut werden, die einen unglaublichen Job leisten.
Später kommuniziert die Kantonspolizei Bern, dass es im Kessel zu Unruhen und einem Einsatz kam, in dem kurzzeitig «Mittel» eingesetzt werden mussten. Diese Falschaussage über eine Situation, die auf zig Kameras und von Hunderten Augen gesehen wurde, macht wieder deutlich, wie machtlos wir alle gegen den Staatsapparat sind.
Im heutigen Klima, wo sich auch «linke» Politiker*innen mit Polizei und Leitmedien verbünden, weicht die Wahrheit in ungreifbare Ferne und verunmöglicht sachlichen Diskurs. So berichten Medien unkritisch und die Politik positiv-erfreut über den Einsatz von vermutlich um die 800 Polizist*innen aus der ganzen Schweiz gegen nicht einmal 400 Demonstrierende…
Doch diese Geschichte endet hier noch nicht. Wir stehen bald wieder auf der Strasse. Darüber berichten wir in Teil 2 unserer Kolumne und setzen die erwähnten Demonstrationen in den Kontext anderer Polizeieinsätze in der Bundesstadt seit 2019.
Diese Aufnahmen von der Anti-WEF-Demonstration im vergangenen Januar wurden von den Kolumnist*innen als Ergänzung zum Text zur Verfügung gestellt.
Eine Aufnahme vom Polizei-Einsatz an der Anti-WEF-Demonstration vom vergangenen Januar. (Foto: Tobias Ettlin)
