Vergangenen Samstag, um 23.20 Uhr: Unter der Brücke bei der Schützenmatte sind rund tausend Menschen versammelt, die meisten in ihren frühen Zwanzigern. Aus den Boxen dröhnen Reggaeton, Deutschrap und Techno. Es wird getanzt und getrunken, die Stimmung ist euphorisch.
Einige sind vermummt, die meisten nicht. Plötzlich setzen sich die etwa fünf Wagen in Bewegung, aufwendig ausgebaut und farbig, darauf verkleidete Menschen: ein nachgebautes Schweizer Chalet, ein Casino mit der Leuchtschrift «Glücksspiel des Lebens», ein Malergeschäft, ein Awareness-Wagen. Beim Chalet stehen Menschen in Edelweisshemden. Im Casino werden Zettel und Spielgeld verteilt, in der Lotterie des Lebens zieht man verschiedene Lose.

Der Umzug will über die Lorrainebrücke, wird aber nach knapp 100 Metern von der Berner Kantonspolizei aufgehalten. Sie sperrt die Brücke ab. Als der Umzug das Sperrband entfernt und weiterziehen will, schiesst die Polizei mit Gummischrot. Daraufhin fliegen aus dem Umzug pyrotechnische Gegenstände Richtung Polizei. Der Umzug dreht um und zieht sich auf die Schützenmatte und den Vorplatz der Reitschule zurück. Dort geht die Party weiter, mit Musik, Bar, Kunstinstallationen und bekannten lokalen DJs. Gegen halb vier morgens löst sie sich auf.



Solche Anlässe haben in Bern Tradition, von früheren «antifaschistischen Nachtspaziergängen» bis zu den grossen «Tanz dich frei» -Demonstrationen Anfang der 2010er-Jahre. Davon haben sich Luna (25) und Lars (26) inspirieren lassen. Luna arbeitet im Sozialwesen, Lars hat Sozialwissenschaften studiert. Beide haben den Umzug mitorganisiert. Journal B hat vor und nach dem Umzug mit ihnen gesprochen. Daraus ist das folgende Interview entstanden. Sie sprechen für sich, nicht für das Kollektiv. Luna und Lars heissen eigentlich anders, ihre Namen sind der Redaktion bekannt.
Ist der Nachtspaziergang eine Party oder eine Demo?
Lars: Eine niederschwellige Party mit einer politischen Komponente. Es als Demo oder nur als politisch zu framen, wäre falsch. Es geht darum, Spass zu haben, und gleichzeitig auf spielerische Art auf wichtige politische Themen aufmerksam zu machen.
Luna: Im besten Fall erreichen wir Leute, die sonst nicht an Demos gehen, wo irgendwie ein schwarzer Block vorausläuft. Sie kommen so niederschwellig mit politischen Inhalten in Verbindung.

Auf der Lorrainebrücke war nach knapp 100 Metern Schluss. Wie habt ihr die Konfrontation mit der Polizei erlebt, und wie geht es euch heute?
Lars: Der Umzug war nie auf Gewalt ausgelegt. Es ging darum, friedlich durch die Strassen zu ziehen. Die Polizei hat die Konfrontation gesucht und zuerst physische Gewalt mittels Gummischrot angewendet. Wäre ihrerseits eine deeskalative Strategie zur Anwendung gekommen, wäre es nie zu einer Konfrontation gekommen. Der Mitteleinsatz hat zu diversen Verletzungen der Besuchenden geführt. Eine Person wurde im Auge getroffen und musste notfallmässig medizinisch versorgt werden, einige mussten wegen Gehirnerschütterungen aufgrund von Kopftreffern medizinisch abgeklärt werden. Die Pyrotechnik war eine direkte Antwort darauf.
Luna: Auch ich finde, dass die Polizei total unverhältnismässig reagiert hat. Beim Einsatz von Gummischrot müssten verschiedene Regeln eingehalten werden. Zum Beispiel dürfen die Geschosse nicht auf Kopfhöhe abgefeuert werden. Diese Samstagnacht hat wieder gezeigt, dass sich die Polizei nicht an die eigenen Vorschriften hält, da sie wild in die Menge gefeuert hat, ohne zu zielen und vor allem ohne auf die Höhe zu achten, auf der sie schiesst.
Mir geht es ziemlich nahe, dass Personen verletzt wurden. Natürlich fühle ich mich mitverantwortlich, wenn solche Dinge passieren, auch wenn Besuchende wissen, auf was sie sich bei solchen Umzügen einlassen. Manchmal frage ich mich auch, was in den Köpfen der Polizist*innen abgeht, wenn sie auf eine fröhliche Menge schroten. Was ich aber schön finde, ist der Zuspruch, den wir von den Besuchenden bekommen haben. Ich habe sogar eine Person gehört, die von den liebevoll gestalteten, kreativen Wagen geschwärmt und gesagt hat, dass sie genau für solche Abende lebt.
Weshalb hielt die Polizei den Umzug auf und begleitete ihn nicht, wie den letzten im April? Die Kantonspolizei schreibt auf Anfrage: «Aufgrund vergangener Erfahrungen mit unbewilligten Kundgebungen zur gleichen Thematik und vermummten Umzugsteilnehmenden, wie beispielsweise vergangenen April, musste mit Ausschreitungen und Sachschaden gerechnet werden. Dies wurde im Zuge des Einsatzes, unter anderem durch den Angriff auf die Einsatzkräfte, bestätigt. Zudem kam es zu erheblichen Sprayereien an der Lorrainebrücke, was zeigt, dass beim Weiterlaufen des Umzuges mit weiteren Sachbeschädigungen zu rechnen gewesen wäre.»

Nach solchen Umzügen spricht man vor allem über Gewalt. Was geht dabei unter?
Lars: Beim letzten Umzug im April haben wir ein Haus gebaut und auf den Bahnhofplatz gestellt, mit einem Bett drin. Es stand gut drei Tage dort. Damals ging es um das Thema bezahlbarer Wohnraum und um Obdachlosigkeit. Und in diesen Tagen hat tatsächlich eine Person darin gewohnt. Dass so ein Thema in den Medien nicht aufgegriffen wird und man nur über den Sachschaden schreibt, finde ich sehr schade. Gerade dieses Beispiel zeigt doch, dass solche Kleinigkeiten eine Wirkung haben. Am Bahnhofplatz gibt es auch sehr viel defensive Architektur. Bei vielen Bänkli wurden damals die Trennbügel entfernt. Klar ist das eine Sachbeschädigung. Aber es sollte auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen, das vielen nicht bewusst ist. Auch das wurde medial kaum aufgegriffen.
Luna: Wir sind nicht einfach eine wütende Splittergruppe, die die Stadt kaputtmachen will. Da fliessen viele Gedanken hinein, die von den Medien jedoch oft nicht so aufgegriffen werden, wodurch ein verzerrtes Bild von uns entsteht. Sie zeichnen ein Bild von jungen, wütenden und destruktiven Menschen. Das deckt sich nicht mit den Leuten, die wir sind. Wenn Leute von meinem Arbeitsplatz das lesen würden, würden sie niemals erkennen, dass ich da involviert war. Dabei kennen sie mich ja und fragen mich zunehmend auch nach persönlichen Einordnungen zur Berichterstattung der Medien.

Warum keine Party im Dachstock, mit einer Diskussion davor? Und warum nachts?
Luna: Wir wollen zeigen, dass wir den öffentlichen Raum mitgestalten können, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind und mitreden wollen. Es gibt immer weniger Kulturorte, das merkt man am Beizensterben. Als Umzug findet Kultur noch niederschwelliger statt als im Dachstock, wirklich vor der Haustür von vielen.
Lars: Für die Nacht spricht der Partyaspekt, am Tag mobilisiert so eine Aktion viel weniger Leute. Wir wollen uns den öffentlichen Raum nehmen und mit unseren Ideen füllen. Sonst wird er so oft von kapitalistischen Logiken eingenommen. Wir nehmen ihn uns, ohne zu fragen und ohne Geld zu zahlen. Bei der Werbung hat ja auch niemand gefragt, ob man sie sehen will.
Wir wollen zeigen, dass wir den öffentlichen Raum mitgestalten können, dass wir Teil dieser Gesellschaft sind und mitreden wollen
Ist so ein Anlass offen für alle?
Lars: Es gibt keinen Eintritt und keinen Zwang, etwas zu trinken, man kann sein eigenes Bier mitnehmen. Man muss aber auch betonen, dass solche Anlässe nur dank sehr viel freiwilliger Arbeit stattfinden können. Und es ist sehr schwierig, etwas für alle zu öffnen. Der Anlass ist zum Beispiel nicht barrierefrei. Er ist nicht perfekt.
Luna: Und er ist nicht legal. Wenn man schnell weg muss, kommen Leute im Rollstuhl oder die nicht gut zu Fuss sind, nicht schnell weg. Auch für Personen ohne Schweizer Pass bergen solche Veranstaltungen ein gewisses Risiko. Dessen sind wir uns bewusst.
Was war das Thema dieser Nacht?
Luna: «Stay left», gerade wegen des Rechtsrutsches, den wir erleben.
Was heisst «Stay left» für euch?
Lars: Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer grösser. Für mich bedeutet «Stay left» auch, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Geld sehr stark mit Macht gekoppelt ist. Es macht mich wütend, wenn es beim Thema Wohnraum aus rechten Kreisen heisst, migrantische Personen seien das Problem, da diese den bezahlbaren Wohnraum wegnehmen. Das Problem ist meiner Meinung nach, dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt und dass mit dem Grundbedürfnis Wohnen Geld gemacht wird.
Luna: Wir widmeten uns am Umzug noch einem zweiten Thema: Traditionen bewahren.
Lars: Wir wollen den Begriff «Tradition» zurückholen, den eher die Rechten für sich beanspruchen. Das Alphüsli, die Alpen, Wandern, die Kühe: Das ist alles tendenziell sehr rechts konnotiert. Ein Beispiel ist unser Wagen, quasi ein Casino. Er soll zeigen, dass das Leben ein Glücksspiel ist. Es ist einfach Glück, in eine reiche Familie geboren zu werden, als cis Mann, in der Schweiz. Dieser Privilegien soll man sich bewusst sein.
Wir wollen den Begriff Tradition zurückholen, den eher die Rechten für sich beanspruchen.
Welche Traditionen findet ihr bewahrenswert?
Luna: Ich finde Jodeln richtig schön, wenn man die Texte ein bisschen anpasst. Wenn in den Bergen ein Alphorn tönt, finde ich das nice. Per se sind diese Sachen nicht politisch aufgeladen. Die Rechten haben die Edelweisshemden und die Kühe einfach für sich beansprucht. Wieso muss Schwingen rechts sein? Wir wollen die Traditionen öffnen, für alle Menschen, nicht nur für die, die weiss sind und deren Familien seit Generationen hier leben. Wir haben auch schon Edelweisshemden umgenäht, so dass sie nicht immer gleich aussehen müssen.
Lars: Mit den Umzügen wollen wir auch selber eine Tradition schaffen in Bern. Etwas weiterzugeben, ist ein mega schöner Gedanke.

Statt auf den Strassen feierten die Teilnehmenden dann vor der Reitschule. (Foto: David Fürst)