Alltag - Meinung

Null Attraktivität, null Sterne

von Janine Schneider 3. August 2026

Sommerserie: Bern macht Ferien Wir Berner*innen glauben zu wissen, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen. Zeit auf den Boden zurückzukehren.

Liebe Berner*innen,

die ihr so schwärmt vom hiesigen Sommer, eure Aaresäcke wie Trophäen vor euch hertragt, die Schultern tiefenentspannt, das Bundeshaus im Blick, die Münsterglocken im Ohr beim kopfsteingepflasterten Fyrabe-Negroni unter den Arkaden,

liebe Berner*innen,

ich muss euch für einmal die Wahrheit sagen.

Ihr habt die hässlichste Altstadt in Europa. Nichts Besonderes. Null Attraktivität. Nur ein alter Turm mit Uhr und Wand, wo Männer urinieren gehen können. Astronomische Uhren sind ja im Allgemeinen überbewertet, aber diese im Besonderen. Ich habe fünf Minuten gewartet und schon das war reine Zeitverschwendung.

Alle Häuser sehen aus wie derselbe Bunker. Überhaupt: der Sandstein! Das fast einheitliche Grüngrau wirkt bedrückend, das kenne ich so nur aus Kasernen – ein freundliches Nato-Oliv. Und es ist beileibe keine Fussgängerzone. Überall fahren Busse und Trams. Plötzlich kommt eine Strassenbahn und wirft dich fast um! Kaum Souvenirshops. Und wer Bern am Sonntag besucht, weiss, was das bedeutet: alles geschlossen!

Ihr habt die hässlichste Altstadt in Europa.

Auf dem Bundesplatz nur ein mickriger Brunnen – und dafür haben wir keine Parkplätze mehr? Der Kuppelbau ist auch schon in die Jahre gekommen. Mani Matter hätte ihn wohl doch in die Luft sprengen sollen. Nicht dass ich etwas gegen die Regierung hätte, im Gegenteil, ganz der bundesrätlichen Weisung folgend, empfehle ich allen, die nicht so unglückselig sind, hier zu wohnen: Bleiben Sie zuhause.

So, jetzt kennt ihr sie, die Wahrheit. Woher ich sie kenne? Aus zahlreichen Ein-Punkte-Tripadvisor-Bewertungen zu verschiedenen Berner Sehenswürdigkeiten. Und was sind Bewertungen anderes als ein Abgleich eigener Vorstellungen mit der Wirklichkeit? Das ist das Problem mit Ferien: so viele Hoffnungen und Erwartungen, die mit ihnen einhergehen.

Wir alle haben unsere Vorstellungen der perfekten Ferien, unser ganz persönliches Ideal des Loslassens.

Nach dem Hamsterrad des Alltags möchten wir uns für einmal entspannen, wir möchten uns etwas gönnen (und zwar nur das Beste), wir möchten etwas erleben, da draussen, in der realen Welt, ausserhalb des eigenen Mailfachs. Wir alle haben unsere Vorstellungen der perfekten Ferien, unser ganz persönliches Ideal des Loslassens. Während mir Souvenirshops ein Graus sind, beschweren sich andere über ihr Fehlen.

Ich hebe mich gerne von den Touristenmassen ab, möchte dahin, wo sonst keiner ist, dahin, wo das «authentische» Leben stattfindet und treffe ich dann in den Ferien auf die ebenso authentische Wirklichkeit des Tourismus – überfüllte Strände, oberflächlicher Backpackersmalltalk, Mietautos – bin ich enttäuscht. Könnte ich eine Rezension auf Tripadvisor zu all den anderen Urlauber*innen hinterlassen, es wäre meine erste und definitiv am unteren Ende der Skala angesiedelt. Dabei rede ich mir ein, als Touristin ganz anders zu sein. In Wirklichkeit bin ich wohl wie Bern – gar nicht so besonders.

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