Nicht bloss Vater, Mutter, Kind

von Bettina Wegenast –23. Oktober 2026

Graphic Novel Wie bunt das Konstrukt «Familie» sein kann, zeigt die Berner Illustratorin Camille Fröhlich in ihrem Buch «Wahl Familie».

Das Bunte liegt ihr. Scrollt man durch die Homepage von Camille Fröhlich, fallen als erstes die vielen Farben und klaren Flächen auf. Was auf den ersten Blick einfach, unbeschwert und verspielt wirkt, ist aber nicht zufällig, sondern strukturiert und genau geplant. Die Illustratorin Camille Fröhlich weiss, was sie tut. So auch in ihrem eben erschienenen Buch «Wahl Familie».

«Wahl Familie» lässt sich einerseits als eine Sammlung von Illustrationen und Kommentaren zu Themen wie «Angst», «Geschlecht», oder «Doppelbelastung» im Kontext von Familie lesen. Erst bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das minutiös durchdachte, künstlerische Konzept.

Foto: David Fürst

Schlägt man das Buch in der Mitte, auf Seite 78/79 bei «Abbruch» auf, begegnet man zwei Frauen, von denen die eine zögernd auf einen Becher mit einer Tablette schaut, während die andere gerade dabei ist, diese Tablette hinunterzuschlucken.
Nun kann man entweder zurück- oder weiterblättern.
Unter dem Stichwort «Angst» finden wir sowohl auf Seite 77, als auch auf Seite 80 zwei Situationen, bei denen wir erfahren, dass die eine Frau ihre Schwangerschaft und die andere den Abbruch abgebrochen hat. Und beim nächsten Stichwort «Ausscheidung» sehen wir auf Seite 81 eine blutverschmierte Binde und auf Seite 76 eine Auswahl an Kackwindeln.

Die Spreu trennt sich vom Weizen. Lebenswege gehen auseinander. Das hat mich alles sehr beschäftigt.

Ausgehend von dieser Idee bildet Fröhlich unterschiedliche Konzepte von «Familie» und damit auch verschiedene Lebenswege ab: traditionelle Paarbeziehungen, Solomutterschaft, Mehrelternschaft und weitere.
Sie beobachtet genau und nimmt ihre Protagonist*innen und ihre Herausforderungen ernst. Aber dabei schimmert immer auch ihr Humor durch. Dieser zeigt sich in kleinen Details, am gewählten Bild oder am Bildausschnitt. Immer wieder gelingt es ihr, überraschend und sehr lustig zu sein. «Wahlfamilie» ist übrigens nicht farblich bunt – Farben werden hier nur sehr reduziert eingesetzt – bunt ist das Buch vor allem inhaltlich geworden.

Foto: David Fürst

«Hebamme» vs. « die Kreative»

Die Kunst, das Familienthema – das alles kommt nicht von ungefähr. «Irgendwie war schon immer klar, dass ich etwas mit Kunst machen werde. Ich war immer ‹die Kreative› in der Familie und hab dauernd gebastelt und gezeichnet», erzählt Fröhlich, die in Schliern bei Bern aufwuchs. Gleichzeitig habe sie auch der Hebammenberuf fasziniert. Bereits ihre Mutter und Grossmutter wollten Geburtsheferinnen werden, woraus nichts wurde. «Deshalb wollte ich zuerst den Familientraum erfüllen und Hebamme werden.» Nach der Ausbildung zur Polydesignerin 3D im Kultwarenhaus Loeb in Bern arbeitet sie deshalb ein Jahr als Praktikantin im Gebärsaal. Wie schon bei Mutter und Grossmutter wird dann doch nichts aus dem Berufswunsch. An der Hochschule in Luzern belegt sie schliesslich den Studiengang «Illustration Fiction».

Foto: David Fürst

In Luzern erhielt sie Anna Sommer als Mentorin – ein Glücksfall, wie Camille Fröhlich sagt. Anna Sommer ist inzwischen so etwas wie die Doyenne der schweizerischen Comicszene und war eine der ersten Schweizer Zeichnerinnen, die weibliche Themen in der sequenziellen Kunst frech und völlig undogmatisch bearbeitet hat. Kein Wunder, dass sich Camille Fröhlich mit ihr gut verstand. Die beiden Frauen verbindet auch stilistisch einiges. Sowohl Sommer als auch Fröhlich mögen doppelbödige, gezeichnete Szenen und haben keine Angst vor klaren Farben und dem grosszügigen Umgang mit Flächen.

Schwangerschaft und Beziehungen

Während ihrer Ausbildung wird Fröhlich schwanger, In einem Interview mit Radio SRF sagt sie zu dieser Zeit: «Mich hat schon ziemlich schockiert, was da mit der Beziehung zum Vater dieses Kindes passiert. Dass diese Beziehung nicht gerade völlig auseinanderbricht, aber schon ziemlich leidet.» Für Fröhlich gibt diese Erfahrung den Ausschlag, sich in ihrer Abschlussarbeit vertieft mit dem Thema «Familie» zu beschäftigen. »Es ist nicht nur die Beziehung zum Partner, sondern auch die Freundschaften, die sich verändern. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Lebenswege gehen auseinander. Das hat mich alles sehr beschäftigt.»

Foto: David Fürst

An der HSLU erhielt sie 2022 den «Chapeau-Preis» für die beste schriftliche Abschlussarbeit. Aus dieser und der Arbeit «Blaue Wunder» ist, in Zusammenarbeit mit dem Verlag «Edition Moderne», die «Wahl Familie» geworden.

Mit ihrer Kunst hat Fröhlich bisher fast nur positive Erfahrungen gemacht. Bis auf eine Arbeit für das Strassenmagazin Surprise, bei dem sie zum Thema «Antiziganismus» eine Frau mit einem Kopftuch abgebildet hatte. Die Reaktion der Community der Fahrenden fiel recht heftig aus: «Sie waren der Meinung, dass ich ein Klischee bedienen wollte. Aber ich wollte damit einen Aussenblick abbilden. Die Surprise-Redaktion hat das begriffen und versucht, das der Community so zu kommunizieren.» Nicht immer werden Konzepte sofort verstanden.

Das könnte auch der «Wahl Familie» passieren. Aber hier macht das gar nichts: das Buch ist so oder eine wunderbare Beschreibung dessen, was Familie sein kann: nämlich vor allem bunt!

«Wahl Familie» erschien bei Edition Moderne und kann hier bestellt werden. 

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