Multimediale Beziehungsarbeit

von Bettina Wegenast 14. September 2026

B-Kanntschaft Die Solothurnerin Multimedia-Künstlerin Melanie Carolin Wigger lebt und arbeitet seit Jahren in Bern. In ihrem neuen Comic «Vincent» beleuchtet sie das Thema Demenz aus einer ungewohnten Perspektive.

Bei der wöchentlichen Jass-Runde fehlt Vincent. Dass er einmal schwänzt kann ja noch gehen, schliesslich regnet es stark. Aber dass er auch am nächsten Mittwoch nicht auftaucht, macht seine Freunde schon etwas hässig. Robert schwingt sich aufs Velo und sieht nach, wo Vincent bleibt. «Mittwoch? Soso…» meint der nur erstaunt.

Zur Sicherheit holt Robert seinen Freund nun am Mittwoch jeweils ab. Dabei merkt er, dass dieser zunehmend desorientiert ist. Zwar jasst er jeweils brav mit, aber es kann vorkommen, dass er in der Pinte das WC nicht mehr findet.  Und das Velofahren wird auch immer gefährlicher.

Die Grundlage für alle meine künstlerischen Arbeiten ist immer das Interesse an Beziehungen.

Schliesslich lässt es sich nicht mehr verbergen: Vincent leidet an Demenz. Robert ist verunsichert. Wie soll er sich verhalten? Sich fortan um Vincent zu kümmern, würde ihn überfordern, das ist schon klar. Aber sich einfach zurückziehen möchte er auch nicht. Man hat doch gemeinsam einen langen Weg auf allerlei Velos und Töfflis zurückgelegt… Was bedeutet es für eine Freundschaft, wenn sich die Beziehung verändert und wenn das gemeinsam Erlebte für den Anderen an Bedeutung verliert? Wie gelingt es, eine Freundschaft unter diesen Vorzeichen weiterzuführen?

Feines Gespür für Ängste und Verunsicherungen

In ihrem Comic «Vincent» greift Melanie Carolin Wigger das Thema «Demenz» aus der bisher eher ungewöhnlichen Perspektive einer alten Freundschaft auf. Sie begleitet ihre Figuren Robert und Vincent mit einem feinen Gespür für die beiderseitigen Ängste und Verunsicherungen im Verlauf dieser schweren Krankheit. Und sie zeigt mit ihren Zeichnungen das grosse Drama, das in der, nur auf den ersten Blick eher unspektakulär-traurigen Geschichte steckt. Denn was gibt es schliesslich Dramatischeres, als sich mit Verlust und Endlichkeit auseinandersetzen zu müssen?

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In «Vincent» arbeitet Wigger viel mit filmischen Elementen: mit unterschiedlichen Einstellungen innerhalb einer Szene, mit ungewöhnlichen Perspektiven oder mit dramatischen Wettersituationen, die auch einem Krimi gut angestanden hätten. Dabei verliert sie nie die Nähe zu ihren Protagonisten: «Die Grundlage für alle meine künstlerischen Arbeiten ist immer das Interesse an Beziehungen,» sagt die Zeichnerin. Obwohl sie ihren Comic also auch digital hätte erstellen können, arbeitet sie höchst analog mit einem Tuschpinsel. «Das braucht zwar mehr Zeit, aber ich muss mein Material direkt spüren können», meint sie.

Reflektion mittels Kunst

Schwierige Themen künstlerisch zu bearbeiten interessiert Melanie Wigger ganz grundsätzlich. So hat sie gemeinsam mit dem Berner Animationsfilmstudio YK einen kurzen Zeichentrickfilm über einen kleinen Jungen erstellt, der den deutschen Angriff auf England von 1940 miterleben muss. Der Film wird aus der Sicht des kleinen Pauls erzählt, in dessen Phantasie sich das Kriegsgeschehen mit Bildern von monströsen Deutschen Schäferhunden mischt. Abbildungen von Schäferhunden aus Deutschland kennt er aus Büchern.

Am Ende des Films begegnet der erwachsene Paul einem echten Deutschen Schäfer. Sehr vorsichtig lässt er diesen an seiner Hand schnuppern… Eine Annäherung ist wieder möglich. «The Germans»  wurde an diversen Festivals rund um den Globus gezeigt.

(Foto: David Fürst)

Künstlerisch breit aufgestellt

Die Palette von Melanie Wiggers künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ist breit: nach einem Studium an der Hochschule Luzern, HSLU reiste sie nach London und machte dort eine Ausbildung zur Trickfilmerin an der «University of Kingston» in London. Danach bewarb sie sich erfolgreich an der renommierten Aalto-Kunsthochschule in Helsinki und hängte hier noch einen «Master in Game Design and Development» an. Zwar hat Melanie Wiggert keine finnischen Wurzeln und konnte auch kein Finnisch, aber die Ausbildung in kleinen Klassen und die Durchmischung von Studierenden aus verschiedenen Disziplinen interessierte sie.

Akribische Recherche

Für ihr Comic-Projekt hat sich Melanie Wigger nicht nur auf ihr Gespür für Beziehungen verlassen, sondern sie hat dafür akribisch recherchiert. Zwar war der Anstoss zu «Vincent» eine Situation in ihrer eigenen Familie – ihr Grossvater begleitete einen guten Freund im Verlauf der Krankheit – aber bevor sie sich an die Arbeit für den Comic machte, absolvierte sie während einiger Monate ein Praktikum in einem Demenzheim. «Ich habe alles gemacht, was Pflegehelferinnen so machen: Waschen, beim Anziehen helfen, Essen eingeben und so weiter. Aber es war immer klar, dass ich für ein künstlerisches Projekt recherchiere. Ich hatte also mehr Zeit, um mich auf die Leute einzulassen. Diese Erfahrung war bereichernd, nicht nur für das Projekt, sondern auch für mich persönlich.»

Interesse an Beziehungen

Das Interesse an Beziehungen zeigt sich auch in ihren Abschlussarbeiten an der Kunsthochschule von Helsinki: Im Game «Care Crow» kümmert sich eine psychologisch geschulte Krähe um das Wohlergehen ihrer geflügelten Kolleg*innen. In Beratungsgesprächen versucht sie, die psychische Gesundheit von anderen Vögeln wieder ins Lot zu bringen. Unsere Aufgabe als Spielende ist es, der Krähe dabei zu helfen und darauf zu achten, dass sie mit ihren eigenen Ressourcen schonend umgeht und nicht selber heulend im Burnout landet. Hier zeigt sich nicht nur Wiggers Humor (und ihre Liebe zu Vögeln), sondern auch ihr Bedürfnis, die Welt mit ihrer Kunst ein klein bisschen besser zu machen.

Mit kleinen Verschiebungen im Game-Design kann es gut sein, dass man das Gegenteil von dem erreicht, was man mit dem Game eigentlich erreichen wollte.

So hat sie auch als Thema ihrer Masterarbeit «Make them Care: Ein Instrumentarium zur Förderung emotionaler Bindungen zu Spielfiguren» gewählt. «Es ist gerade in ‹Serious Games›, also in Games, die die Spielenden für ein bestimmtes Thema sensibilisieren wollen, ein sehr schmaler Grat, zwischen sich empathisch mit einer Figur zu verbünden oder von ihr abgestossen und genervt zu sein. Mit kleinen Verschiebungen im Game-Design kann es gut sein, dass man das Gegenteil von dem erreicht, was man mit dem Game eigentlich erreichen wollte.»

Wechselnde Jobs

Wie viele Kunstschaffende finanziert sich Melanie Wigger ihre Kunst auch mit wechselnden Jobs: «Ich habe schon so einiges gemacht, ich habe zum Beispiel Büros geputzt, habe Trauben gelesen, Eis verkauft, Lernvideos erstellt und dabei viele Erfahrungen und Eindrücke gesammelt.  In Luzern habe ich Fisch verkauft. Während der Fastnacht einmal eine grosse Lachsforelle an einen total betrunkenen Fastnächtler. Er hat den Fisch dann in die Reuss geworfen. Zu seiner Enttäuschung ist der aber dadurch leider nicht wieder lebendig geworden» lacht sie.

(Foto: David Fürst)

Ihr aktueller Job ist vielleicht etwas weniger lustig, aber dafür trifft sie hier wieder auf starke Emotionen und in gewisser Weise auch auf Beziehungen: Sie macht Bestattungs-Pikett. «Hier hol ich gemeinsam mit Kollegen die Verstorbenen ab und dann bringen wir sie ins Institut oder ins Krematorium.»

Ob Melanie Wigger auch diese Erfahrung einmal in eine künstlerische Form giessen wird? Und wenn ja, in welche? Wir sind gespannt!