Es muss kurz nach Corona gewesen sein, als ich im Café Kairo zum ersten Mal eine Gruppe Tourist*innen antraf. Das Lokal hatte Eingang in den Lonely Planet zur Schweiz gefunden, den Reiseführer, der gut Geld damit macht, Menschenmassen noch in die einsamsten Ecken des Planeten zu bringen. Die Besucher*innen bestellten einen Kaffee und schauten sich neugierig um: so also lebt es sich als Einheimische in Bern. Die Berner*innen tranken ihren Kaffee und starrten heimlich, auf helvetisch unaufdringliche Weise, zurück. Einige Tage später tauchten erneut Tourist*innen am Nordring auf: sie suchten den Selbstbedienungswaschsalon von nebenan.
Plötzlich trafen sich vor den rustikalen Holztischen des Kairo Pfade, die sich ansonsten in der doch recht übersichtlichen Bundesstadt kaum kreuzen. 1‘489‘330 Tourist*innen übernachteten 2025 in der Destination Bern, 1‘080‘646 davon innerhalb der Stadtgrenzen. Im Durchschnitt blieben sie 1,7 Nächte. Das heisst, es kommen aufs ganze Jahr gerechnet etwas mehr als sieben Tourist*innen auf eine Bernerin. Zum Vergleich: letztes Jahr kamen in der Game-of-Thrones-Stadt Dubrovnik, dem Massentourismus-Ziel par excellence, auf jeden Einwohner 104 Tourist*innen. Davon sind wir in Bern Lichtjahre entfernt.
Es kommen aufs ganze Jahr gerechnet etwas mehr als sieben Tourist*innen auf eine Bernerin.
Trotzdem: ein Million Logiernächte ist nicht gerade wenig, hinzu kommen Tagestourist*innen, die auf der Durchreise von oder nach Interlaken einen Blick auf die Bundeshauskuppel und die verlockend glitzernde Aare werfen wollen. Aber wer sind die Tourist*innen, die nach Bern kommen? Und was suchen sie hier?
Tourist*innen buchen spontan
Ich beginne meine Untersuchung dort, wo jeder Ferientag beginnt: im Bett. Das Hostel 77 liegt recht unprätentiös im Personalhaus des ehemaligen Zieglerspitals. Von aussen ein anonymer grauer Block mit niedrigen Fenstern. Drinnen dann ein hippes Café – die Reception des Hostels – mit goldenen Lampen und Blumen auf den Tischen, auf einer Kreidetafel Hinweise auf den Berner Kultursommer (Parkonia, Gurten, Openair-Kinos). Von der Decke hängen Aaresäcke. An einem der Tische sitzt Dominik Stalder, einer der fünf Gründer*innen des Hostels. «Die Mehrheit unserer Gäste kommt aus der Schweiz», erklärt der Hostelier. Damit spiegelt das Hostel 77 den Berner Tourismus: Bern Welcome bestätigte, dass in Bern die meisten Gäste aus dem Inland kämen.

Gerade Events wie das Gurtenfestival oder andere grössere Veranstaltungen führten jeweils zu vielen Buchungen. «Ein wichtiges Standbein sind für uns ausserdem Schulklassen und Gruppen von Hochschulen oder Universitäten», sagt Stalder. Daneben kämen auch die klassischen Backpacker*innen, Familien und Leute, die in Bern arbeiten würden. Was interessiert die Tourist*innen neben Bundeshaus und Bärengraben? «Die Aare ist schon ein grosses Ding», sagt Stalder. Seit Neuestem hätten sie auch vermehrt Tourist*innen, die für mehrere Tage bleiben und von hier ins Berner Oberland fahren.
Die Aare ist schon ein grosses Ding.
Bisher läuft die Saison gut, seit der Gründung des Hostels 2017 hat sich aber das Verhalten der Gäste verändert: «Heute buchen viele erst wenige Tage vor der Anreise oder sogar noch am selben Tag», sagt Stalder. Der Blick auf die Vorausbuchungen koste deshalb schon etwas Nerven: «man muss einfach darauf vertrauen, dass die Gäste kommen.»
Ein Spionagenest mitten in Bern
Bern hat einen touristischen Joker, den weder Zürich, Basel noch Interlaken besitzen: er thront grünkuppelig über der Aare und lockt nicht nur Schulklassen nach Bern, sondern auch politische Prominenz, die irgendwo einquartiert werden muss. Gleich neben dem Bundeshaus wurde 1865 das erste Hotel Bellevue eröffnet, um Parlamentarier und ausländische Staatsgäste unterzubringen. 1913 wurde das Hotel Bellevue Palace neu umgebaut eröffnet, so wie wir es heute kennen: architektonisch ans Hotel Adlon in Berlin angelehnt, mit Blick in die Berner Alpen.
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Vom Hostel 77 nur fünfzehn Minuten mit dem Bus entfernt, liegen zwischen den beiden Unterkünften Welten: ein Doppelzimmer im Hotel Bellevue Palace kostet jetzt in der Hochsaison 551 Fr. – ohne Frühstück. Vor dem Eingang parkieren teure Sportwagen und schwarze Privatlimousinen, ein livrierter Angestellter schiebt einen goldenen Kofferwagen aus dem Seiteneingang heraus und hilft dem Chauffeur beim Einladen der Gepäckstücke. Nebenan hat sich eine Stadtführung im Schatten einquartiert, der Guide gibt Skandalgeschichten aus dem Luxushotel zum Besten.

Das Bellevue Palace steht exemplarisch für die Geschichte des politischen Tourismus in Bern: berühmte Persönlichkeiten wie Winston Churchill, die Queen, Michail Gorbatschow und Nelson Mandela residierten hier. Im ersten Weltkrieg richtete General Ulrich Wille das Hauptquartier der Schweizer Armee im Luxushotel ein. Diplomaten sowohl vonseiten der Mittelmächte als auch der Entente gingen aus und ein. Auch im zweiten Weltkrieg liessen sich Politiker und Diplomaten temporär im Bellevue nieder – das Hotel wurde zu einem Hotspot der Spionage. Man erzählt sich, jedes einzelne Zimmer des Hotels sei verwanzt gewesen.
Eine Kuh so gross wie ein Dackel
Und dann sind sie plötzlich da, die Tourist*innen: zwischen Zytglogge und Bärengraben flanieren sie immer entlang der Schattenseite der Altstadtgassen, die seit 1983 zum UNESCO-Kulturerbe zählen, blitzen alles, was stillhält, benetzen den Hund mit etwas kühlem Brunnenwasser, entscheiden sich – wie man eben in den Ferien manchmal aus Unwissenheit die falsche Wahl trifft – für die Theke mit dem Industrieeis.
Am Zytglogge Kiosk begutachtet ein spanisches Pärchen die Auslage aus Glocken, Plüschbären, Kühlschrankmagneten, vergilbten Postkarten und noch mehr Glocken. «Haben Sie auch eine grosse Kuh?», fragt der Mann und zeigt mit den Händen, woran er denkt: eine Puppe in der Grösse eines kleinen Dackels. Gerne hätte man dem Kioskverkäufer einige Fragen gestellt: ob das Geschäft dieses Jahr gut laufe, welches Souvenir am meisten gekauft werde, ob ihm der Arbeitsplatz gleich unter dem Zytglogge gut gefalle. Leider wollte er die Fragen nicht beantworten.

Auf dem Weg zum Bärengraben treffe ich eine Gruppe Besucher*innen an, die ich so hier nicht vermutet hätte. Unter den schattigen, seitlichen Torbogen des Münsters sitzen zwei Männer und tippen auf ihren Handys herum. Ein Torbogen weiter nochmals drei Männer und eine wesentlich ältere Frau, alle mit ihren Geräten beschäftigt. An diesem Wochenende finde das weltweite Pokémon Go Fest statt, erklärt mir einer der Gamer. Wie ich später nachlese, haben zum zehnjährigen Jubiläum des Fests alle freien Zugang zu den Inhalten. 300 Leute seien heute auf der Jagd nach Monstern in der Berner Altstadt unterwegs, meint der Gamer. Er selbst ist aus den Niederlanden hierhergereist – allerdings nicht fürs Festival, sondern um Freunde zu besuchen.

Die meisten Tourist*innen, ob inländisch oder international, beenden ihren Stadtrundgang beim Bärengraben, einer der ältesten touristischen Attraktionen Berns. Zwischen 1513 und 1764 bestand der erste Bärengraben beim heutigen Bärenplatz, später zog er ans Bollwerk, von dort dann schliesslich 1857 zur Stelle des heutigen Bärenparks. Früher wurden die Bären noch dressiert und zu Kunststücken angehalten. Sie lernten das Betteln, um Futter von den Zuschauenden zu kriegen. Heute sind diese Zeiten vorbei. Die Bären ignorieren die Massen von Besucher*innen rund um ihren Park.
Diese aber sind so fasziniert wie eh und je: «Hallo Bär!», kreischen einige Kinder und pressen ihre Köpfe an die Gitterstäbe. Die Kleinen sind hibbelig, die Grossen, also die Erwachsenen, zeigen immer wieder hier und dort hin, ein verwundertes Lächeln im Gesicht, als hätten sie nicht ganz daran geglaubt, wirklich ein Wildtier anzutreffen. Einige blicken auch über den Bärenpark hinweg zur blauen Aare und rufen: «Hab ich euch’s nicht gesagt! Schau, da schwimmen sie!» (sie meinen die Menschen, nicht die Bären). Und ganz in ihrem Sinne beende ich meine sommerliche Untersuchung dort, wo jeder Ferientag enden sollte: in der Aare.
Ein beliebter Souvenir-Spot für die Tourist*innen: der Zytglogge-Kiosk. (Foto: David Fürst)